Genre
Né(e) le
29.10.1985Habite à
WinterthurA propos de moi
«The free soul is rare, but you know it when you see it - basically because you feel good, very good, when you are near or with them.» (Bukowski)
Familie (A:III)
moins de 2 ans
Auch wenn man sich des Erwerbes wegen ständig im Ausland aufhält, kommt man nicht darum herum, von Zeit zu Zeit seine Eltern zu besuchen. Genau wie Franz in Schillers «Räuber» sind mir die genauen Gründe schleierhaft, aber es scheint da ein moralisches Gebot zu geben, welches das so will. So kommt es, dass ich mich von Zeit zu Zeit an einem schönen Sonntagnachmittag im Schatten einer grossen Eiche und eingelullt in die wohltuende Ruhe dieser ländlichen Gegend dem üblichen Verhör gegenübergestellt sehe. Nein, ich plane immer noch nicht zu heiraten. Ja, ich höre morgen auf zu Rauchen. Ja, Paris ist immer noch schön. Ja, London stinkt immer noch zum Himmel. Nein, Mama, ich bin nicht zynisch.
Aber Gestern war doch noch für eine Überraschung gut. Im Wohnzimmer meines Elternhauses entdeckte ich einen Kalender, geschmückt mit dem Gesicht eines (vermutlich) indischen Mädchens, mit dem Text darunter:
«Über den Laufsteg gehen und bewundert werden, das ist der Traum unzähliger Teenager, die sich in Form hungern, um von einer Modelagentur entdeckt zu werden. Wirkliche Schönheit jedoch gibt es nur bei Menschen, die mit sich und ihrem Leben in Einklang sind, bei Menschen, deren schönstes Schmuckstück ihr Lächeln ist.»
Geschrieben, so stelle ich mir vor, von einer gutmütigen Frau ende Vierzig, die seit dem dritten Kind die fünfundachtzig Kilo einfach nicht mehr ganz erreicht und sich Sorgen macht um die jungen Mädchen auf der Strasse. Eine Frau, die ihre Verantwortung gegenüber der zukünftigen Generation wahrnimmt und dem chauvinistischen gesellschaftlichen Schönheitsideal ordentlich in die Eier tritt. Das kommt mit dem Alter, denke ich und ertappe mich dabei, wie ich versuche meine Eltern in den Schutz zu nehmen dafür, dass sie solchen Common-Sense-Bullshit in ihren eigenen vier Wänden aufhängen. Common-Sense-Bullshit, der Angst hat davor, eine Frau als dick zu bezeichnen, weil er glaubt dass ein nicht ausgesprochenes Phänomen auch nicht existiert (Ruhe in Frieden, George Carlin). Common-Sense-Bullshit, der unbekannte Mädchen grosszügig mit Mitleid eindeckt, weil das ja sicher nicht von ungefähr kommt, dass die so dünn sind. Der versucht, Kinder von übertriebenen Ansprüchen zu entlasten und ihnen gleich noch zwei Portionen verzerrte Realität mit auf den Weg gibt. «Nein, Schatz, du hast keine grossen Füsse. Und jetzt stell deine Schuhe in die Garage und komm essen.» Darüber haben wir als Kinder gelacht. Unwissend, versteht sich.
Aber alles hat Vorteile, so auch Feindbilder. Schliesslich erlauben sie uns, auf andere herabzusehen und lenken uns davon ab, wie sehr wir uns eigentlich selber verabscheuen. Was auf dem Pausenplatz funktioniert hat, funktionert auch noch wenn man erwachsen ist. Nur subtiler.
ferner ist dieser blog nur im weitesten sinne autobiografisch.
(der vollständigkeit halber will ich anmerken, dass ich den wert eines entspannten verhältnisses zum eigenen körpergewicht nicht unterschätze. ich wäre auch der letzte, der jemanden wegen seinem körpergewicht verurteilt.)
vielleicht haben sie ja doch nicht alles falsch gemacht, deine eltern. zumindest haben sie ein intelligentes kind gezeugt.
ps. lesen diene eltern dein blog?
unzulänglichkeit ja. übertönen mit vorverurteilten feindbildern? muss nicht sein.