Theodor Geigers "Demokratie ohne Dogma"
03.02.2010 à 19:48
Das im Titel bezeichnete Werk wird im Lehrbuch und Standardwerk des emeritierten Rechtssoziologieprofessors Manfred Rehbinder (Manfred Rehbinder, Rechtssoziolgie, 6. A., München 2007) vielfach zitiert, insbesondere im Zusammenhang mit der Soziologie der Gesetzgebung. Geigers bei Rehbinder erläuterten Positionen zur modernen Demokratie haben mein Interesse geweckt, weshalb ich mir das Buch besorgt habe (nebenbei bemerkt, keine ganz triviale Angelegenheit, da das Buch trotz diverser Ausgaben und Auflagen seit den 1950er Jahren vergriffen und nur noch aus zweiter Hand erhältlich ist; beschaffen konnte ich via Amazon eine gebrauchte, 1963 im Verlag Szczesny, München erschienene Ausgabe). Geiger wird zu den "Klassikern der Soziologie" gezählt (so zumindest die schöne Umschreibung auf Wikipedia). Die Absicht des hier vorgestellten Buches bezeichnet er aber selbst - zumindest im "Offenen Brief an den Leser", welcher im Februar 1950 datiert und meiner Ausgabe als Vorwort vorangestellt ist - als "nicht wissenschaftlich, sondern plitisch. Das heisst, in meinem eigenen Urteil: Ohne Anspruch auf objektive Wahrheitsgeltung." Allerdings relativiert er auch gleich wieder: "Damit sage ich nicht, dass die folgenden Seiten nur mit Postlulaten bedruckt und also für Sie unverbindlich seien. [...] Meine politischen und also für Sie unverbindlichen Meinungen stützen sich auf theoretische und also auch für Sie verbindliche Einsichten."
Nachfolgend einige der aus meiner Sicht interessantesten Passagen, von denen sich vielleicht der eine oder andere zu einer spannenden Diskussion verleiten lässt. Ich meinerseits muss sagen, dass es eines der Bücher ist, wo ich denke: Der Mann hat recht; warum hat seit 60 Jahren keiner auf ihn gehört?
"Geradezu ärgerniserregend ist es dabei, wenn man sogar den sittlichen Werturteilen die objektive Geltung abspricht und behauptet, sie seien in Wirklichkeit nur unzulässig objektivierte Ausdrücke für subjektive Gefühle der Neigung und Abneigung gegenüber gewissen Handlungsweisen. Aber da nützt kein Widerstand: Was für sinnliche und ästhetische Werturteile gilt, das gilt auch für die sittlichen - und zu denen gehören die politischen und gesellschaftlichen. Die Lüge ist nicht schlecht, sondern geht mir gegen den Strick, Demokratie ist nicht besser als Absolutismus, sondern sie sagt mir mehr zu. (S. 180-181)
Wenn die erkenntnistheoretische Unschuld einmal verloren ist, kommt sie nicht wieder. (S. 183)
Es wäre aussichtslos, Ideenporpaganda verhindern zu wollen. Keine Macht der Welt kann den Drang des Gläubigen ersticken, seine Heilsbotschaft zu verkünden. Aber man kann die Erde für seine Aussaat unfruchtbar machen: Durch Intellektualisierung der Massen. (S. 203)
An jeder Strassenecke steht auf seiner Seifenkiste ein Prophet, der bereit ist, das "sacrificium intellectus" entgegenzunehmen. Sie sind sogar bereit, ihn mit klingender Münze dafür zu bezahlen, dass er ihr Opfer in Gnaden annimmt. (S. 205)
Souveränität des Volkes und staatsbürgerliche Mitverantwortlichkeit jedes einzelnen setzen allgemeine Aufgeklärtheit voraus. Nur dann kann in der Stimme des Volkes die Vernunft zu Worte kommen. (S. 249)
Der metaphysische Eifer der Diktatoren sollte schon genügen, die Demokraten gegen Metaphysik und Wertgemeinschaft misstrauisch zu machen. (S. 269)
Es gibt, soweit ich sehen kann, heute keine Möglichkeit, die Gesamtheit der Wissenschaften befriedigend zum einheitlichen Aufbau zu ordnen. Es gibt, mit anderen Worten, kein wissenschaftliches Weltbild. Aber es gibt eine intellektuelle Lebenshaltung. Ihre Formel lautet: Halte dich an das Wissbare, erkenne die Grenzen des Wissens und lass die Finger vom Unwissbaren. (S. 278)
Der praktische Wertnihilist handelt in Übereinstimmung mit den Forderungen der Gesellschaft, nicht "weil es gut ist", so, oder "schlecht", anders zu handeln, sondern weil die gesellschaftliche Interdependenz die Einfügung in eine gewisse Verhaltensordnung notwendig macht. In seiner Beurteilung fremden Verhaltens wird er nicht von "Verderbtheit", "Schlechtigkeit" oder "Schurken" sprechen, sondern von sozial unzulänglich angepassten Personen, mit denen es schwierig, vielleicht unmöglich ist zusammenzuleben. (S. 291)
Der Gebrauch unseres Intellektes führt, wenn wir uns von anerzogenen Vorurteilen freimachen, notwendig zu der Einsicht, dass Werte keine Wirklichkeiten, sondern Einbildungen und Werturteile demgemäss theoretisch unzulässig, vernunftwidrig sind. Es ist nun aber klar: Gefühlshaltungen und gefühlsmässige Einstellungen, d.h. primäre Bewertungen, sind mit intellektueller Aufgeklärtheit wohl vereinbar, weil sie mit dem Vernunftgebrauch nichts zu tun haben. Die Abgabe von Werturteilen aber ist mit dem Intellekt unvereinbar, wenn deren theoretische Unzulässigkeit erst einmal eingesehen ist. Der kritisch Aufgeklärte ist notwendigerweise praktischer Wertnihilist, weil er nicht einerseits wissen, andererseits aber gegen sein Wissen handeln kann. (S. 291)
Nirgends wird mit Ideenpropaganda so grober Missbrauch getrieben wie im Bereich der inneren Politik, wo Ideen als Vorwände für wirtschaftliche und soziale Interessen dienen. Die Organisation dieses Missbrauchs heisst: politische Partei. Die eine predigt Erhaltung des Lebensmarks der Nation - und meint Liebesgaben an die Landwirtschaft. Andere wollen der Gesellschaft die Werte des Familienlebens und die christlichen Bürgertugenden als Grundlagen bewahren - ungeschmälerte Aufrechterhaltung des Privateigentums und Stützung der Mittelschicht: so lautet die Übersetzung in schlichtes Deutsch. Technischer und wirtschaftlicher Fortschritt ist die Losung, unter der man die Interessen des Industriekapitals verficht. Und wenn der Arbeiter nach sozialer Gerechtigkeit ruft, meint er höhere Löhne und Sozialleistungen. Sie alle suchen mit schönen Parolen Anhänger ausserhalb ihres Interessentenkreises zu werben. Nichts ist dagegen einzuwenden, dass dies parteipolitische Treiben den Interessen von Sondergruppen dient. [...] Widerwärtig ist aber mir wenigstens die Verschanzung der Interessen hinter erheuchelten oder erschlichenen Idealen. (S. 299)
Kritische Aufgeklärtheit ist das radikale Misstrauen gegen die Verkündung als solche, ist Reifung zum Wissen darum, dass alle Propheten falsche Propheten sind, und als Folge davon ein unerschütterliches Nichthinhören. (S. 308)
Die radikale Kritik, auf die es ankäme, hätte fremde Aussagen nicht um ihres besonderen Inhaltes willen abzuweisen (zumeist, weil dieser Inhalt unbequem ist), sondern sofern und weil es eine Aussage über etwas ist, worüber es keine Erkenntnis auszusagen gibt - weder eine richtige noch eine falsche. (S. 309)
Die ältere, naive Aufklärung war allen Ernstes davon überzeugt, auch in politischen, sozialen, überhaupt moralischen Fragen gebe es objektive Wahrheit, die es nur zu finden gelte. Man glaubte an eine auf theoretischem Wege bestimmbare Gerechtigkeit. Die Charta der Menschenrechte, das ganze Naturrecht stammt aus solcher Überzeugung. Der Aufgekärte von heute weiss, dass dies Utopie und metaphysischer Trug ist. Ungeachtet dieses Standes des intensiven Aufklärungsfortschrittes setzen aber die politischen Führer der Völker die Volksaufklärung alten, naiven Stiles fort: Durch die Verbreitung von Kenntnissen, ad usum delphini weislich ausgewählt, und durch formelle Theoretisiserung praktischer Willensstandpunkte. (S. 322-323)
Solange ein Gegenstand nicht der wissenschaftlichen Einsicht erschlossen ist, wird seine politische Behandlung notwendig dilettantisch sein. Ermöglichen aber fachliche Erkenntnissfortschritte wissenschaftlich unterbaute und durchdachte Massnahmen, wird die Politik des Laienverstandes unverantwortlich. (S. 339)
Insofern kann man sagen, dass die Substanz der Politik zunehmend rationalisiert und zum Gegenstand eines Fachwissens geworden ist. Das heisst natürlich nicht, die politischen Entscheidungen seinen solche der Erkenntnis, nicht mehr des Willens. Die politische Zielsetzung selbst ist nach wie vor eine auf primären Wertungen beruhende Willensentscheidung. Ist diese aber getroffen, so ist die Wahl der Mittel und Verfahren in zunehmendem Masse durch fachtheoretische Einsicht festgelegt. (S. 349)
Demokratie heisst zwar Freiheit der Meinung - aber sie heisst auch Selbstzucht der Meinung. Die zeigt sich darin, dass man keine Meinung äussert, wo man keine haben kann. (S. 352)
Nur die Stimmungsdemokratie einer wertbesessenen Gesellschaft bedarf der Wertgemeinschaft als Grundlage. Die Massendemokratie der gesellschaftlichen Antagonismen kann fortbestehen, wenn kritische Aufklärung dem kollektiven Kultus der Werte ein Ende macht. Und nur dann. (S. 357)
In aller nüchternen Einfachheit ist sie [die Demokratie] von den bisher ausgedachten und erprobten politischen Formen diejenige, die den unvermeidlich von der Gesamtheit gegenüber dem Einzelnen ausgeübten Zwang, den Druck der gesellschaftlichen Interdependenz, für alle im Durchschnitt verhältnismässig am erträglichsten macht. Dies ist das beste, was man von irgendeiner politischen Lebensform sagen kann. (S. 358)"