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Dialektik - Fechtkunst des Gespräches, Forts.

Licht und Schatten, Forts.

Der zweite Teil bei Nietzsches Kryptik besteht in einer Art logischen 'Dominospiels', das will sagen in einer Verkettung von logischen Schlussfolgerungen - es lässt sich dies abermals an unserem kleinen Beispiel illustrieren: Wir haben nun also die besonderen, für uns entscheidenden Textfragmente zalp und zilp aus dem allgemeinen, beiläufigen Textmaterial deduziert, extrapoliert und redigiert (in die richtige Reihenfolge gebracht) und haben daraus unsere Erkenntnis abgeleitet, die da lautet: Der Star ist ein Singvogel. Aber noch ist die Lösung nicht vollständig, denn der Star ist eben nicht nur ein Singvogel: Wir ergänzen also, wiederum nach dem logischen Prinzip der Dialektik – und nun wird freilich ein gutes Stück ornithologischen Wissens vorausgesetzt:

Der
Star
Ist
Ein
Sing–vog–el.
Der
Star
Ist
Ein
Zug–vo-gel.
Der
Star
Ist
Ein
Bunt–er
Vo–gel:
Der
Star
Ist
Ein
Schön–er
Vo–gel.

Ticktack, ticktack, leise ticktack...

Der
Star
Ist
Ein
Ge–fähr–de-ter
Vo–gel:
Der
Star
Ist
Ein
Ge–schützt–er
Vo–gel.
Der
Star
Ist
Ein
Schütz–en-der
Vo–gel:
Der
Star
Ist
Ein
Vog–el
Der
In
Höhl–en
Brü-tet.
Der
Star
Ist
Ein
Vog–el
Der
Ge–räusch–e
Nach–ahmt:
Der
Star
Ist
Ein
Auf–merk–sam–er
Vo–gel,
Der
Star
Ist
Ein
Klug–er
Vo–gel.

Was die wunderliche Art und Weise der Darstellung betrifft: Nehmt dies vorerst nur zur Kenntnis, und auch, dass die Silbentrennung hier eigenen Gesetzmässigkeiten folgt. Wer mag, der kann diese Verse laut lesen - zu Beginn hilft es vielleicht dabei, den Rhytmus zu erfühlen, der den Zarathustra-Dithyrambos antreibt, um diesen sich einzuverleiben und gleichsam ins Blut einfliessen zu lassen. Nun aber wollen wir zurückkehren zu unserem Interview mit Professor Nietzsche.


Ein Unzeit gemässer Dialog:
Der Mensch.

Ich bin nicht, was ich seh und sah –
Mein Auge ist mir viel zu nah..

Was ist der Mensch?

Das hat mir die größte Mühe gemacht und macht mir noch immerfort die größte Mühe: Einzusehen, dass unsäglich mehr daran liegt, wie die Dinge heißen, als was sie sind.

Und das gilt auch für den Menschen?

Wenn ich mit den Augen eines fernen Zeitalters nach diesem hinsehe, so weiß ich an dem gegenwärtigen Menschen nichts Merkwürdigeres zu finden, als seine eigentümliche Krankheit, genannt ‘der historische Sinn’. Der Name – im Ursprung zu aller erst ein Irrtum und eine Willkürlichkeit, den Dingen übergeworfen wie ein Kleid, und seinem Wesen und selbst seiner Haut ganz fremd – ist durch den Glauben daran dem Ding allmählich gleichsam an – und eingewachsen und zu seinem Leib selber geworden. Die Allermeisten, was sie auch immer von ihrem Egoismus denken und sagen mögen, tun trotzdem ihr Leben lang nichts für ihr Ego, sondern nur für das Phantom von Ego, welches sich in den Köpfen ihrer Umgebung über sie gebildet und sich ihnen m i t g e t e i l t hat, – infolge dessen leben sie alle zusammen in einem Nebel von unpersönlichen, halbpersönlichen Meinungen und willkürlichen, gleichsam dichterischen Wertschätzungen, einer immer im Kopf des anderen, und dieser wiederum in andern Köpfen: eine wunderliche Welt der Phantasmen, welche sich dabei einen so nüchternen Anschein zu geben weiß.

Und wie genau entsteht dieser Schleier?

Dieser Nebel von Meinungen und Gewöhnungen wächst und lebt fast unabhängig von den Menschen, die er einhüllt; in ihm liegt eine ungeheure Wirkung allgemeiner Urteile über den ‘Menschen’ – alle diese sich selber unbekannten Menschen glauben an das blutlose Abstraktum ‘Mensch’, das heißt, an eine Fiktion. Jede Veränderung, die mit diesem Abstraktum vorgenommen wird, durch die Urteile einzelner Mächtiger (Philosophen, Politiker, Kirchenväter, Künstler) wirkt außerordentlich und in unvernünftigem Maße auf die große Mehrzahl. Alles aus dem Grund, dass jeder Einzelne in dieser Mehrzahl kein wirkliches, ihm zugängliches und von ihm ergründetes Ego der allgemeinen, blassen Fiktion entgegen zu stellen und sie damit zu vernichten mag.

Sind die Menschen die Opfer fremder, vielleicht falscher Meinungen?

Alle Handlungen gehen auf Wertschätzungen zurück, alle Wertschätzungen sind entweder eigene oder angenommene, letztere bei weitem die meisten. Warum nehmen wir sie an? Aus Furcht, – das heißt: Wir halten es für ratsamer, uns so zu stellen, als ob sie auch die Unsrigen wären – und gewöhnen uns an diese Verstellung, so dass sie zuletzt unsere Natur ist.


Der Mensch ist Etwas.


Etwas, das überwunden werden muss.


Author
Frank Jost