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Ein Unzeit gemässer Dialog:
Der Mensch, Forts.


Drum fällst du Nashorn ohne Horn,
Mein stolzes Menschlein, stets nach vorn..


Hat man da noch Lust auf Kontakt und Austausch mit solch maskierten Wesen?

Die Kunst, mit Menschen umzugehen, beruht wesentlich auf der Geschicklichkeit (die eine lange Übung voraussetzt) eine Mahlzeit einzunehmen, zu deren Küche man kein Vertrauen hat. Gesetzt, dass man mit einem Wolfshunger zu Tisch kommt, geht alles leicht; aber man hat ihn nicht, diesen Wolfshunger, wenn man ihn braucht! Ah, wie schwer sind die Mitmenschen zu verdauen!

Hat man da nicht Lust auf eine kleine, z w e c k m ä s s i g e Rachenahme?

Es gibt auch andere Arten und Kunststücke, mit Menschen umzugehen: zum Beispiel als Gespenst, was sehr ratsam ist, wenn man sie bald los sein und fürchten machen will. Probe: Man greift nach uns und bekommt uns nicht zu fassen. Das erschreckt. Oder wir kommen durch eine geschlossene Türe. Oder: wenn alle Lichter ausgelöscht sind. Oder: Nachdem wir bereits g e s t o r b e n sind. Letzteres ist das Kunststück der posthumen Menschen par Excellence...

Ist unsere Persönlichkeit vorherbestimmt?

Ich habe für mich entdeckt, dass die alte Mensch– und Tierheit, ja die gesamte Urzeit und Vergangenheit alles empfindenden Seins in mir fortdichtet, fortliebt, forthasst, fortschließt. Man kann wie ein Gärtner mit seinen Trieben schalten, und, was wenige wissen, die Keime des Zorns, des Mitleidens, des Nachgrübelns, der Eitelkeit so fruchtbar nutzbringend ziehen wie ein schönes Obst an Spalieren; man kann es tun mit dem guten und dem schlechten Geschmack eines Gärtners. Man kann auch die Natur walten lassen und nur hier und da für ein wenig Schmuck und Reinigung sorgen, man kann endlich auch ohne alles Wissen und Nachdenken die Pflanzen in ihren natürlichen Begünstigungen und Hindernissen aufwachsen lassen und an einer solchen Wildnis seine Freude haben, und gerade diese Freude haben wollen, wenn man auch seine Not damit hat. Dies alles steht frei: aber wie viele wissen denn, dass uns dies freisteht? Glauben nicht die Meisten an sich wie an vollendete, ausgewachsene Tatsachen?

Welches sind die Gründe dafür, dass der Mensch so wenig über sich weiß?

Wie weit einer seine Selbstkenntnis auch treiben mag, nichts kann doch unvollständiger sein, als das Bild der gesamten Triebe, die sein Wesen konstituieren. Wir sind gewohnt, dort, wo uns die Worte fehlen, nicht mehr genau zu beobachten, noch genau zu denken: Zorn, Hass, Liebe, Mitleid, Begehren, Freude, Schmerz, – das sind alles Namen für e x t r e m e Zustände: Die milderen mittleren Grade entgehen uns, und doch weben sie gerade das Gespinst unseres Charakters. Und selbst das mäßigste uns bewusste Wohlgefallen oder Missfallen eines Tones ist immer noch, richtig abgeschätzt, ein extremer Ausbruch.

Es scheint, dass wir keine Ahnung haben, wer wir wirklich sind...

Wir sind a l l e nicht das, als was wir nach den Zuständen erscheinen, für die wir W o r t e – und folglich Lob und Tadel – haben. Wir v e r kennen uns nach diesen gröberen Ausbrüchen, die uns allein bekannt werden, wir machen einen Schluss aus einem Material, in welchem die Ausnahmen die Regel überwiegen. Unsere Meinung über uns aber, die wir auf diesem falschen Weg gefunden haben, das sogenannte ‘Ich’, arbeitet fürderhin mit an unserem Schicksal.

Du klagst, dass nichts dir schmackhaft sei?
Noch immer, Freund, die alten Mucken?
Ich hör dich lästern, lärmen, spucken –
Geduld und Herz bricht mir dabei.

Sie sagen, die einzige Sünde des Menschen sei, dass er sich bisher zu wenig gefreut habe...

Ein einziger freudloser Mensch genügt schon, um einem ganzen Hausstand dauernden Missmut und trüben Himmel zu machen; und nur durch ein Wunder geschieht es, dass dieser Eine fehlt! Die Freude ist lange nicht eine so ansteckende Krankheit. Woher kommt das?

Warum ist Freude für uns wichtig?

Eins ist not: dass der Mensch seine Z u f r i e d e n h e i t mit sich erreiche, nur dann erst ist der Mensch überhaupt erträglich anzusehen! Wer mit sich unzufrieden ist, ist fortwährend bereit, sich dafür zu rächen: Wir Anderen werden seine Opfer sein, und sei es auch nur darin, dass wir immer seinen häßlichen Anblick zu ertragen haben.

Aber wie findet man Erheiterung, wenn die Hektik des Alltags ihren Tribut fordert?

Werde klug und suche die Tragödie und Komödie dort, wo sie besser, als im Theater, gespielt wird! Wo es interessanter und interessierter zugeht! Ja, es ist nicht ganz leicht, dabei eben nur Zuschauer zu bleiben, – aber lerne es! Und fast in allen Lagen, die dir schwer und peinlich fallen, hast du dann ein Pförtchen zur Freude und eine Zuflucht. Mache dein Theater–Auge auf, das große dritte Auge, das durch die beiden anderen in die Welt schaut.

Öffne dein Theaterauge!


Author
Frank Jost