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4. September 2012, 00:00 Kultur Movie

Kino: Thorberg

Gregor Schenker - Unter Mördern, Drogenhändlern und Gewalttätern: Dieter Fahrer hat sich in eine Schweizer Strafanstalt begeben, um vom Alltag der Häftlinge zu berichten. „Thorberg“ ist ein Dokumentarfilm, der hinter Schlagzeilen und Verbrechensstatistiken blickt.

Kino: Thorberg
In der Schweizer Bevölkerung herrscht ja das Bild vor, dass die eidgenössischen Gefängnisse mehr oder weniger ein Schlaraffenland sind. Der Begriff der „Kuscheljustiz“ macht öfters die Runde, wer strengere Strafen fordert, kommt damit immer gut an, und wer hat nicht schon Sätze wie folgt gehört: „Asylanten kommen ja nur immer wieder hierher, weil sie es sogar im Gefängnis viel besser als Zuhause haben!“ Aber ab und zu versuchen unter anderem Dokumentarfilmer, den Klischees und Schlagworten entgegenzuwirken und diese Vorstellungen ein wenig zu hinterfragen.

Fernand Melgar hat erst vor kurzem in seinem preisgekrönten (aber auch umstrittenen) Vol spécial gezeigt, wie es in der Ausschaffungs-Haft zugeht, der Dokumentarfilmer Dieter Fahrer porträtiert nun den Alltag in der Berner Strafanstalt Thorberg. Dort leben 180 Insassen aus über 40 verschiedenen Nationen, fast durchgehend schwere Fälle. Fahrer hat über mehrere Monate hinweg mit den Häftlingen gearbeitet und schliesslich sieben von ihnen für seinen Film ausgesucht. (Zudem gestaltete er eine Ausstellung in Bern, die noch bis zum 2. Dezember läuft.)

Wurde Melgar vorgeworfen, dass er die kriminelle Vergangenheit seiner Illegalen verschwieg, so bestehen in Fahrers Film keine Zweifel darüber, dass es sich bei den Porträtierten um Schwerverbrecher handelt, um Drogenhändler, Gewalttäter und Mörder. Sympathie entwickelt man für sie nicht so ohne weiteres, auch deshalb, weil sich die Männer in den Gesprächen nicht immer von ihrer besten Seite zeigen. Man hört viele Ausflüchte und Schuldzuweisungen und dann gibt es Fälle wie den Grenader, der von der gottgegebenen Unterlegenheit der Frau schwadroniert. Wenn schliesslich der Kosovare davon erzählt, wie er seine Ex-Frau angeschossen hat, stockt einem fast der Atem.

Muss man Mitleid mit diesen Männern haben? Nein, muss man nicht. Aber man sieht, dass auch Mörder letztlich Menschen sind, keine Monster. Und man kann nach dem Sinn von Gefängnisstrafen fragen. Will man Verbrecher bestrafen oder resozialisieren? Nach dem Gesetz steht die Wiedereingliederung in die Gesellschaft an erster Stelle: „Der Strafvollzug hat das soziale Verhalten des Gefangenen zu fördern, insbesondere die Fähigkeit straffrei zu leben.“
Aber fördert man soziales Verhalten, indem man die Straftäter wegsperrt, also normales soziales Verhalten verunmöglicht? Wird die Resozialisierung nicht vernachlässigt, wenn es an Gefängnisarbeitsplätzen mangelt oder Möglichkeiten zur Berufsausbildung fehlen? Richten Jahre in beschränkten Platzverhältnissen und bei allgegenwärtiger Langeweile nicht erst recht Schaden an?

Ebenso wie Melgar ergreift Fahrer nicht direkt Partei, berichtet aber sehr einseitig aus der Perspektive der Häftlinge. Weder die Opfer noch die Vertreter härterer Strafen kommen zu Wort. Was man damit anfängt und welche Antworten man für sich aus dem Film zieht, muss jede Zuschauerin und jeder Zuschauer selbst entscheiden. Und genau das ist die Stärke von Thorberg: Er zwingt das Publikum, zur Abwechslung nachzudenken.


Bewertung: 4 von 5



  • Titel: Thorberg
  • Land: Schweiz
  • Regie: Dieter Fahrer
  • Verleih: Look Now!
  • Start: 6. September 2012
Fotos von Look Now!
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