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vor 1 JahrenKolumnen

Das Blog als Accessoire 2.0?

CerpinText:

Richtig gelesen. Es heisst das Blog. Das kommt eben davon, wenn Blogs Bücher und Artikel ersetzen. "Vorgärten sind ja so Blog 1.0", las ich neulich irgendwo. Zwischenmenschlich kommuniziert wird nicht mehr über den Gartenzaun hinweg, sondern über das weltweite Netz. Bloggen ist hipp und trendy geworden. Schreiben verkommt zum netten Accessoire. Was einen guten Blog auszeichnet, ist dabei genauso wenig fassbar, wie was gute Musik ist. Die einen wollen lieber keine langen Texte und schon gar nicht dabei etwas denken müssen, die anderen verfluchen den geistigen Fast-Food und wünschen sich mehr Qualität. Die Mitteilungsbedürftigkeit ist ja nur die eine Sache, die Hemmschwelle ist eine andere. Wer seinen Blog spazieren führt, wie ein Schmusehündchen im Handtäschchen, darf sich über eines nicht wundern: Wer sich öffentlich zur Schau stellt, muss wissen, dass er anderen eine Angriffsfläche bietet. Und eine gewisse Qualitäts- und Kompetenzkontrolle gibt es immer. Auch wenn die nicht bei einem selbst liegt. Das Blog ist wie das Format mp3: Es vereinfacht mit dem Nachteil des Qualitätsverlustes.

Patti_on_Retour:

Mit 13 begann ich ein Buch zu schreiben. Nicht auf dem Computer, versteht sich, der war damals noch ein Ungetüm mit schwarzem Desktop-Hintergrund. Und die Hermes-Media meines Vaters war lauter als das Getrampel der Kühe im Vorgarten. Sie waren dann auch meine einzigen wiederkäuenden Zuhörer, musste ich resignierend feststellen. Bei Seite 35 gab ich mit einer linkshändigen Sehnenscheiden-Entzündung auf und warf meine Textperlen vor die Kühe in den Heuhaufen. Geschrieben hat es weiter mit mir, doch zu Papier gebracht habe ich nichts mehr. Der Return on Investment schien mir zu klein. Erst als dieser sich in Klicks messen liess, schien der wortreiche Exhibitionismus wieder lohnenswert. Gelegentliche Kritik ist nicht nur kommunikativ, sondern durchaus qualitätssteigernd. Wenn man sie denn auch zulässt. Denn die zwischenmenschliche Kommunikation wurde schon oft totgesagt. Ebenso die Qualität, die ohnehin im Auge des Betrachters liegt. Je mehr sich die Welt vernetzt, desto lauter schreien die Alarmisten in den globalen Vorgärten. Es gibt nicht weniger Qualität, wie Cerpin textet, der Heuhaufen ist einfach grösser geworden.

Kommentare
patti_on_tour
patti_on_tour vor 1 Jahren
wenn du mit der jugend argumentierst: ich bin froh, wenn die jugendlichen überhaupt noch lesen. junge menschen haben es heute schwerer denn je, sich aus dem riesigen angebot etwas nützliches auszusuchen. sich an einer norm zu orientieren. wer will schon lesen, wenn man musikvideos, dödelfilmchen oder pornos anschauen und shootergames online spielen kann? und für diejenigen, die wirklich lesen wollen, gibt es ja uns pädagogen, die ihnen zeigen, was wahre qualität ist. voilà.
doublewe
doublewe vor 1 Jahren
finde ich einen guten vergleich, monsieur taxt. man orientiert sich an dem, was man vor die nase gesetzt bekommt, dominant indiziert relevant. wenn alle käsisch käse schreiben, ist das der massstab.
patti_on_tour
patti_on_tour vor 1 Jahren
das "müssen" in deiner frage ist schon sehr normativ. ich würde es mir wünschen. leider ist dem nicht so. studien zeigen beispielsweise, dass diejenigen fremdsprachigen kinder, welche trotz jahrelangem schulbesuch in der schweiz unsere sprache nur unzureichend beherrschen, auch ihre muttersprache nicht wirklich gut sprechen. oft haben sie nur ein sehr rudimentäres vokabular.
doublewe
doublewe vor 1 Jahren
müsste nicht (fast) jeder seine muttersprache einigermassen korrekt beherrschen?
patti_on_tour
patti_on_tour vor 1 Jahren
das internet ist die wohl niederschwelligste möglichkeit texte zu publizieren. da erstaunt es nicht, dass auch diejnigen schreiben, die es eigentlich gar nicht können. die durchschnittliche qualität aller publikationen mag dadurch sinken. das heisst jedoch nicht, dass die sprache an sich an qualität verliert. im übrigen ändert sich sprache dauernd. nur die franzosen haben das noch nicht gemerkt
doublewe
doublewe vor 1 Jahren
ich teile die auffassung, dass das internet die allgemeine qualität der sprache und der meinungsäusserungen nicht unbedingt anhebt.
treffend auch was kapinos «hank moody» in den mund legt:
http://www.youtube.com/watch?v=mGz6NdLBF2Y