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8. August 2016, 18:17 Music International Interview

Du musst das machen, was sich richtig anfühlt.

students Redaktion - Passenger ist Songwriter und seit dem Hit «Let Her Go» unglaublich beliebt. Wir hatten am Gurtenfestival die Gelegenheit, mit ihm zu sprechen und haben erfahren, wie er seine Nerven vor Gigs beruhigt und wieso er auf der kommenden Tour mit Band unterwegs ist.

Du musst das machen, was sich richtig anfühlt.
Interview von Rahel Inauen.

Neben Muse war Passenger sicher ein Highlight am Gurtenfestival 2016. Wir haben den Songwriter getroffen und mit ihm über das Strassenkonzert in Bern gesprochen, ihn zum neuen Album befragt und herausgefunden, wieso er einen Bart trägt.

Wie gefällt dir Bern bis jetzt?

Es ist schön hier, wirklich schön. Wir haben gerade erst ein Strassenkonzert gegeben (Am Mittwoch vor dem Festival auf dem Berner Münsterplatz, Anm. d. Red.) und es hat wie aus Eimern geschüttet. Aber wir hatten viel Spass, es war cool.Wir haben es im Livestream gesehen, es war unglaublich.

Oh cool!

Du hast mit dem Strassenkonzert in Bern deine Europa-Busking-Tour beendet. Vermisst du manchmal die Momente von früher, als du auf der Strasse gespielt hast, aber niemand wirklich da war, um dir zuzuhören?

Ich weiss nicht, ob ich das vermisse. Ich meine, es ist ziemlich toll, irgendwohin zu kommen und da warten schon tausende Leute, bevor du überhaupt etwas gespielt hast. Ich werde das nie als selbstverständlich betrachten. Dieses Gefühlt ist sehr speziell. Aber einfach irgendwo aufzukreuzen, beginnen zu spielen und zu sehen, wie sich das Publikum langsam formt, hat einfach etwas Schlichtes und Cooles. Und zwar sind die Leute nicht wegen «Let Her Go» dort oder weil sie mich als Passenger erkennen, sondern einfach, weil sie die Musik mögen. Also ja, ich glaube, auf eine Art und Weise vermisse ich dieses Gefühl.

Würdest du sagen, dass es beeindruckender und emotionaler ist, auf einer Bühne aufzutreten als auf der Strasse zu spielen. Oder welches von beiden bevorzugst du?

Die beiden Dinge sind sehr unterschiedlich. Du stehst unter viel grösserem Druck an Gigs wie heute (Am Gurtenfestival, Anm, d. Red.). Ich bin den ganzen Tag nervös und sogar letzte Nacht dachte ich «Fuck». Wir kamen hierhin und haben uns Frank Turner angesehen und es geschieht sehr selten, dass ich Konzerte von der anderen Seite erlebe. Ich dachte: «Shit, das ist riesig, eine gewaltige Menschenmenge!» und dann wurde ich richtig nervös. Wenn ich auf der Strasse spiele, werde ich nie nervös wegen der Grösse. Dann macht mich eher nervös, ob es anfängt zu regnen oder ob die Polizei kommt (lacht). Also zwei verschiedene Dinge, die ich beide aus verschiedenen Gründen liebe.

Aber du wirst immer noch nervös? Du hast so viele Shows vor teils riesigem Publikum gespielt.

Yeah, ich weiss. Ich glaube, dass ist, weil ich alleine bin. Klar, 99 von 100 Gigs geht es gut, die Leute sind gut drauf und das Publikum ist wundervoll. Aber wenn du nur eine Gitarre und eine Stimme hast, kannst du nicht mehr viel tun, wenn die Leute nicht zuhören wollen. Es ist nicht wie mit einer Band, mit der du das einfach durchziehen und auf der Bühne deinen Spass haben kannst.

Es ist nervenaufreibend.

Genau, es ist nervenaufreibend.

Hast du ein Ritual bevor du auf die Bühne gehst, um dich ein bisschen zu beruhigen?

Ja, ich mache ein Warm-Up, ich trinke einen Whiskey. Es ist ein merkwürdiges Ritual und geht etwa eine bis eineinhalb Stunden.

Wenn du an all deine Strassenkonzerte, Shows, Festivals, Tramsessions und andere Gigs zurückdenkst: ist da ein einziger Moment, den du niemals vergessen wirst?

(überlegt lange). Da sind einige, die herausstechen. Wembley mit Ed Sheeran zum Beispiel. Wisst ihr, manchmal sind die grossen Dinge, gar nicht so gross, wie man immer denkt. Zum Beispiel im Wembley aufzutreten, am Glastonbury zu spielen oder deinen ersten Plattenvertrag zu unterzeichnen – all diese Momente – und in der Wirklichkeit sind das die Dinge, bei denen ich danach immer denke «aha okay, das war's». Auf der anderen Seite, wenn du denkst, dass der Gig echt grauenvoll wird, wird er meistens toll. Beim Wembley-Ding war ich – naja – etwas nervös. Ich hatte am Abend davor aber eine echt grosse Headlineshow in London – die grösste Passenger-Show in London, die ich jemals hatte - also war ich nervöser vor dieser Show als vor dem Gig im Wembley. Wembley war cool, ich kam auf die Bühne und es war verdammt nochmal unglaublich, vor fünfzig-, sechzigtausend Leuten.

Das ist irre, einfach riesig!

Es war verrückt und auch emotional, Ed zu sehen, wie gut er das macht. Ich kenne ihn seit er in Pubs gespielt hat, habe seine Reise gesehen und miterlebt. Und ihn dann im Wembley Stadion zu sehen – wow.

Du hast vor vier Jahren in einem Interview gesagt, dass du glaubst, die Leute verstehen deine Musik besser, wenn da nur du und deine Gitarre sind. Dieses Jahr tourst du ja noch mit einer Band. Warum das?

Ich glaube, weil ich das «nur ich und die Gitarre»-Ding nun schon seit zehn Jahren mache und ich auch jetzt immer möchte, dass meine Shows anders sind. Ich bringe verschiedene Songs und versuche, andere Witze zu erzählen. Du kannst so viel machen, aber ich habe nur ein Instrument und eine Stimme – das kannst du nicht einfach neu definieren. Ich glaube, der Punkt ist, dass ich weiss, da sind Leute, die 20 Mal an einen Gig kommen und ich fühle «Ja, ich will ihnen etwas anderes geben». Auch für mich selbst; ich möchte mich herausfordern, mir etwas zu tun zu geben. Dieses neue Album hat echtes Liveband-Feeling. Ich weiss nicht, wie ich das live machen werde, es ist zu gross. Wir haben bereits vor einigen Jahren bei der «Whispers»-Tour eine Band zusammengestellt und am Ende habe ich gesagt «Nein, vergesst das.» Aber jetzt bin ich immer noch davon überzeugt und ich denke, dass ich immer wieder Lieder alleine spielen werde, denn das ist es, was Passenger ist. Jetzt ist es aber Zeit, den Leuten etwas anderes zu geben und wisst ihr was? Das mit einer Band zu tun, wird verdammt Spass machen!Wir freuen uns riesig darauf.

Ja, ich mich auch! (lacht)

Natürlich, du dich auch! (alle lachen)

Jeder ist gespannt darauf. Das allerwichtigste ist, dass wir sicherstellen, nicht wie jeder andere zu klingen. Es muss immer noch Passenger sein, es soll sich immer noch hauptsächlich um die Lyrics und den Song drehen. Die Band füllt nur ein bisschen auf und es wird nicht klingen wie eine Rockband.

Weil du für die stillen Momente bekannt bist, in denen alle einfach ruhig sind. Niemand spricht dann, absolut niemand.

Ja und ich denke, wir werden einige Solo-Stücke reinnehmen, dann wird ein Lied mit Band sein, einmal nur ich alleine, wieder mit der Band, und so weiter. Hoffentlich mögen es die Leute, aber du wirst immer welche haben, die sagen «Ich mag ihn lieber alleine» oder «Mir gefällt es besser mit Band». Das ist halt, wenn du den Leuten zwei Dinge gibst, wirst du zwei Meinungen erhalten. Aber vor allem als Musiker kannst du dich nicht immer um die Meinung anderer sorgen. Du musst einfach das machen, was sich für dich richtig anfühlt.

Was machst du, wenn du keine Shows hast? Wie sieht dein Alltag aus, zu welcher Zeit stehst du auf, trinkst du einen Kaffee am Morgen?

Yeeeeeah. Ich lebe in Brighton, in England, und mein Haus ist nahe am Meer. Wenn das Wetter mitmacht gehe ich am Morgen normalerweise schwimmen, was sehr, sehr kalt ist in England. Nicht jedermann macht das (lacht). Aber ja, wenn ich zu Hause bin versuche ich Leute zu treffen, meine Freunde, meine Familie. Es ist echt komisch. Ich bin etwa 20 Prozent meiner Zeit zu Hause, also versuche ich, alles in diese 20 Prozent reinzuquetschen. Wenn du auf Tour bist, ist das eine total andere Welt. Klar kannst du die Leute anrufen, aber ja ...

... es ist nicht dasselbe und du bist beschäftigt.

Genau, du bist beschäftigt. Auch wenn die Show erst am Abend ist. Komischerweise bist du trotzdem den ganzen Tag auf Achse. Du hast Interviews, dies, das, was auch immer. Und plötzlich ist einfach Showtime!

Hast du manchmal das Gefühl, dass du dich beschäftigen musst, wenn du zu Hause bist, aber es gibt nichts zu tun?

Ja, es ist hart, runter zu kommen. Vor allem wenn du solche Shows spielst wie heute. Es beginnt bereits, wenn du von der Bühne gehst. Manchmal spielst du eine grosse Show, steigst danach direkt in den Bus und innerhalb von fünf Minuten bist du alleine in deinem Hotelzimmer. Kurz zuvor warst du aber noch von 20'000 Leuten umgeben. Das ist schrecklich.

Gibt es eine Frage, die du bisher noch nie in einem Interview beantworten musstest, du aber gerne dazu etwas sagen würdest?

«Bist du ein Supermodel?». Das hat mich nämlich noch nie jemand gefragt, was mich echt überrascht.Also: bist du ein Supermodel?

JAAA!! Danke!!

Wir wussten doch, da ist noch etwas! (alle lachen)

Ja, wisst ihr, ich hab mir den Bart wachsen gelassen, damit ich als Supermodel nicht erkannt werde.

Das ist total nachvollziehbar (alle lachen). Du bringst im September dein neues Album raus. Was beinhaltet es? Warum hast du den Titel «Young As The Morning, Old As The Sea» gewählt?

Der längste Albumtitel ever. Ich habe die Aufnahmen in Neuseeland gemacht und alle Videos haben wir in Island gedreht. Durch das ganze Album ziehen sich also Landschaftsmotive und der Titel dazu war einfach da. Ich meine, ich bin 32, das ist mein achtes Album, ich fühle mich jung und alt gleichzeitig. Der Titel passt einfach dazu.

Auf welches der acht Alben bist du am meisten stolz?

Ich liebe «Wide eyes, blind love». Mein erstes Solo-Album. Ich habe es innert einer Woche gemacht, ohne Geld, mit einem Freund und ich habe das Album während fünf Jahren beim Busking verkauft. Ich liebe es, weil es nicht gut tönt – also akustisch nicht gut – aber es ist so viel Herz in den Aufnahmen und dieses Album hat alles möglich gemacht.

Lass uns kurz über «Let Her Go» sprechen. Der Song hat gerade erst über eine Milliarde Klicks auf Youtube erreicht und ist somit einer der Videos, mit den meisten Klicks. Wie fühlt sich das an?

Es ist wahnsinnig! «Let Her Go» fühlt sich manchmal wie ein fremder Song an, wie ein Cover. Wenn ich es spiele, jubeln alle und jeder liebt es und es ist, als ob ich – ich weiss nicht – als ob ich einen Song von Adele spiele (lacht). Jeder kennt das Lied und es fühlt sich nicht real an. Aber dann hast du auch wieder die Momente, in denen du «fucking hell» denkst, das ist einfach nur verrückt. Das ist ein Siebtel der ganzen Weltbevölkerung, der sich mein Lied angesehen hat. Ich glaube zwar nicht, dass das eine Milliarde verschiedene Leute waren, aber trotzdem, es ist einfach toll. Einen Song zu schreiben, der um die ganze Welt geht, der so vielen Leuten überall etwas bedeutet, nicht nur in englischsprachigen Ländern oder Europa, ist grossartig – der Song ist verdammt nochmal überall. Auf so etwas zurückblicken zu können, ist echt magisch. Ich glaube nicht, dass mir das nochmals mit einem Song passiert. Ich schreibe keine Popsongs und es ist schwierig den Mainstream-Markt mit Folkmusik zu knacken. Dazu kommt, dass nur sehr sehr wenige Lieder mit Akustikgitarre in den Charts sind, wisst ihr. Das war schon irgendwie ein Phänomen. Es ist wie beim Lotto: du hast nur diese eine Chance. Das nochmals zu erwarten ist verrückt, das mache ich nicht, aber es ist supercool, das einmal zu erleben und es einmal meinen Enkeln erzählen zu können.Das ist es. Danke für deine Zeit und bis bald.

Es war schön euch zu sehen und erzählt das mit dem Supermodel niemandem.

Passenger - «Let Her Go»

  • Passenger spielt am 4. November 2016 in Winterthur. Tickets gibt es bei Starticket.


Foto: © Patrick Holenstein, zvg

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