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GegenSätze III - Der Fadenschein im Fadenkreuz

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vor 1 JahrenKolumnen

"Im Spiel wird sauber getötet"

CerpinText:

Was machen Schweizer Politiker, wenn es ihnen langweilig wird? Genau, sie verklagen willkürlich einen Geschäftsführer wegen eines willkürlich herausgegriffenen "Killergames". Weil ihnen die Jungs am Montag morgen zu nervös in die Schule kommen. Die haben nämlich am Wochenende Konsolenspiele gezockt und man hat ja schliesslich pädagogische Psychologie studiert. Man weiss also gleich, von wo das kommt, das nervöse Zucken. Jetzt wurde die Justiz bemüht und man hat wieder eine tolle Schlagzeile. Während der gute Herr Roland Näf selbstlos seinen persönlichen Heldenkampf gegen alles Böse in der Spielewelt kämpft – und sich natürlich keineswegs vor seinen Wählern profilieren will –, sollen sich andere um die weniger wichtigeren Dinge des politischen Alltags im Lande kümmern. Leider beantwortet aber kein Rechtsstreit um kulturelle Werte in Ballerspielen oder um die Sauberkeit des Tötens die Gretchenfrage nach dem Huhn oder dem Ei: Spielen aggressive Kinder häufiger bzw. lieber aggressive Spiele oder werden Kinder erst aggressiv, weil sie solche Spiele häufig spielen? Es gibt einen Dachstock voll mit Studien zu diesem Thema. Es gibt ebenfalls einen Dachstock voll mit ungeklärten Fragen. Der einzige Effekt solcher Aktionen ist aber nur eine Übersättigung und Abstumpfung gegenüber dem Thema. Wie die Attentatsmeldungen aus dem Irak. Die zeigt man übrigens in der Tagesschau zur besten Sendezeit. Das nennt man dann wohl aber "Realität".

Patti_on_Retour:

Schweizer Politikern dürfte es kaum langweilig werden. Wie wohl in keinem anderen Land müssen sie sich in der Stube und im Kinderzimmer von Familie Schweizer auskennen. Weniger weil sie es wollen, sondern mehr weil sie durch die basisdemokratischen Institutionen zur offenen Haustür hereingezerrt werden. Das Kernthema ist hier allerdings ein anderes: Wie soll mit gesellschaftlichen Umbrüchen politisch umgegangen werden? Die Pädagogische Psychologie hat (noch) keine Lösungen, aber sie liefert gute Ansätze. Einen ganzen Dachstock voll. Statt dies nur beiläufig zu erwähnen, täte man gut daran, die Dachstockstiege auch einmal zu erklimmen. Dort findet sich nämlich tatsächlich zumindest EINE Antwort: Killerspiele machen einen Unterschied. Zwar mutieren sozial und emotional stabile Kinder durch exzessives Spielen nicht zu empathielosen Monstern. Doch hier kommt der Interaktionseffekt zum Tragen, wie übrigens auch bei anderen potenziell süchtig machenden Verlockungen der schönen neuen Welt. Sind junge Menschen bereits psychisch vorbelastet, können genannte Games sie negativ beeinträchtigen. Das mag im Extremfall so weit gehen wie bei den jungen Tessinern, die "aus Langeweile" einen Jugendlichen zu Tode geprügelt haben.

Dass sich Politiker gerne mit brennenden Gesellschaftsfragen profilieren wollen, und dass Repression allein wenig Wirkung zeigt, ist hinlänglich bekannt. Erreicht wird hiermit bestenfalls, dass ein nötiger und keinesfall abstumpfender Diskurs lanciert wird. Vielleicht begeben sich dadurch die Eltern mitsamt ihrem Wertepaket wieder einmal selbst ins Kinderzimmer, damit nicht Pädagoginnen, Politiker und Richter bemüht werden müssen. Diese können inzwischen getrost im Dachstock wühlen. Von allzu exzessivem Gamen rät indes jeder Experte ab. Das nennt man dann nämlich Realitätsverlust.

Kommentare
Gwendolan
Gwendolan vor 1 Jahren
Ja, bei Kinderpornographie ist der Markt das Problem. Markt heisst nämlich, es gibt Produzenten, heisst: Es gibt Opfer. Diese gibt es bei Computerspielen nicht. Diese Komponente des Vergleiches fehlt also schonmal.

Dann gibt es da noch die andere Komponente, Computerspiele könnten die Hemmschwelle für Gewalt und das Agressionspotential bei einzelnen Gamern beeinflussen. Das mag ja sein - rechtfertigt aber kein Verbot, weil wir da zuerst andere Dinge verbieten müssten, die viel gefährlicher sind. Wie eben Autos, Alkohol, Schweizer Taschenmesser und die Armee.
patti_on_tour
patti_on_tour vor 1 Jahren
"Je realistischer ein Game, um so weniger dürfte ein Gamer Lust auf richtige Gewalt kriegen" ich frag mich, ob das stimmt. gibt es nicht diese mischung zwischen faszination und ekel, zwischen adrenalin und brechreiz, zwischen angst und erregung, wenn man echte gewalt sieht? sei es nun im game oder auf youtube. (siehe link zu den "Tessinern").

Ist es nicht wie bei den Hardcore-Pornos oder der Kinderpornographie: Man würde es zwar nie selbst tun (glaubt man zumindest) und doch schauen viele fasziniert zu. es gibt also abnehmer, ergo einen markt und produzenten. auch das ist, grad im fall der kinderpornographie, ein sehr grosses problem. das ist allerdings ein anderes thema und hat hier eigentlich nichts verloren.
Gwendolan
Gwendolan vor 1 Jahren
Was wirklich nötig wäre, ist die Durchsetzung des Jugendschutzes. Spiele mit dem Alter unangemessenen Gewalttätigkeiten gehören nicht in die Hände von Kindern, das ist völlig klar. Ich persönlich habe so ziemlich alles gespielt, was es an brutalen Spielen auf dem Markt (und nicht auf dem Markt) gibt. Und es ist auf jeden Fall so, dass die wirklich brutalen Inhalte nichts in Kinderhänden verloren haben. Ebenso klar ist aber, dass Erwachsenen nicht verboten werden soll, genau diese Inhalte zu konsumieren. Das wäre in meinen Augen eine staatliche Einmischung in die Privatsphäre sondergleichen. Wenn man schon neue Gefährdungstatbestände schaffen will (also Dinge verbieten und mit Strafe belegen weil sie so gefährlich sind, unabhängig davon ob tatsächlich eine Schädigung vorliegt), dann sollte man bei denjenigen Gebieten anfangen, wo wirklich regelmässig Schäden zu verzeichen sind. Autos zum Beispiel. Oder Alkohol. Ich sage nicht, man soll Autos oder Alkohol verbieten. Aber bevor man Computerspiele wegen gewalttätigen Inhalten verbietet müsste man diese zwei Gefahrenquellen aus der Welt schaffen - und das sind nur zwei Beispiele, es gibt natürlich noch mehr. Das wäre dann wenigstens konsequent.

Dass es einfacher ist, die kulturell noch nicht vollständig etablierten Computerspiele zu attackieren und damit zum Schein etwas für mehr Sicherheit zu tun, liegt auf der Hand. Ich hoffe allerdings, dass die schweizer Bevölkerung profilierungssüchtigen Politikern nie staatliche Zensur in diesem Ausmass aus der Hand fressen wird.

Desweiteren wären im Zeitalter des Internets und der faktischen Ubiquität jeglicher digitalen Inhalte über unzählige Tauschbörsen - deren Illegalität gerade Jugendliche überhaupt nicht stört - ein Verbot ohnehin völlig wirkungslos.

Überigens ist selbst mir noch kaum je ein Spiel über den Weg gelaufen, welches in Sachen Brutalität an Filme wie Kill Bill oder Reservoir Dogs heranreicht.

Das Gericht im Fall des Mediamarktgeschäftsführers hat überigens in meinen Augen verfehlt argumentiert: Die Darstellungen seien überzogen und damit nicht realistisch genug um den einschlägigen Straftatbestand zu erfüllen. Ich sage: Je realistischer ein Game, um so weniger dürfte ein Gamer Lust auf richtige Gewalt kriegen.
patti_on_tour
patti_on_tour vor 1 Jahren
ja. da stimme ich dir zu. doch sündenböcke braucht das land. ich bin ja als (ex-)raucherin auch für die explodierenden kosten im gesundheitssystem und für das nicht-erwachsen-werden-sollen einer ganzen generation verantwortlich. und als lehrerin bin ich eh eine alt-68er-kuschelpädagogin (was immer das heissen mag) und trage für all das die schuld, was fälschlicherweise den computerspielen angelastet wird.
doublewe
doublewe vor 1 Jahren
stimmst du mir zu, dass "der wille, die jugendlichen zu erziehen, schranken zu setzen und die gesetzten schranken durchzusetzen" ein umfassendes pädagogisches problem darstellt und nicht nur computerspiele, sondern auch fernsehen, alkohol, sexualität und noch so viele andere dinge betrifft?
denn meines erachtens gibt es keinen vernünftigen grund dafür, dass computerspiele (die notabene seit spätestens 2002 auf der politischen agenda stehen) immer und immer wieder als sündenbock für so viele dinge herhalten müssen, unter anderem für kritik an der largen erziehung gewisser eltern.
(nebenbei: ich liebe diese kolumne )
patti_on_tour
patti_on_tour vor 1 Jahren
erstens ist es leider letzteres und zweitens spricht auch niemand davon, das problem zu lösen. grosse gesellschaftliche probleme so eins, zwei mal kurz lösen, das kann höchstens die svp.
politische stimmungsmache ist weder eine lösung noch teil des problems. aber zumindest wird, wie in diesem thread, das thema auf den tisch gebracht. und ja, ich finde es gibt durchaus spiele, die man ein für alle mal verbieten könnte.
doublewe
doublewe vor 1 Jahren
ich verstehe nicht genau, woran es fehlen soll.
informationsgrundlagen über die jugendverträglichkeit einzelner spiele?
das bewusstsein, dass nicht alle spiele für alle altersklassen geeignet sind?
verantwortungsbewusstsein? der wille, die jugendlichen zu erziehen, schranken zu setzen und die gesetzten schranken durchzusetzen?
wenn es denn letzteres sein sollte, dann ist das erstens ein generelles phänomen, das sich nicht auf videogames beschränkt und zweitens eines, das sich kaum über politische stimmungsmache lösen lässt.
patti_on_tour
patti_on_tour vor 1 Jahren
nein. ich gebe euch beiden nicht recht. die mediale und politische thematisierung stumpft sicher die erwachsenen nicht mehr ab, als dass exzessives killergamen die jugendlichen gemüter abstumpft. man soll also nicht den teufel mit dem belzebub austreiben.

die profilierungsstrategie ist das eine. da haben herr taxt, herr doublewe und frau retour ebenfalls(!) absolut recht. nur haben wir das problem noch nicht gelöst, wenn herr näf seinen kampf nicht antritt.

wer tut dann etwas? es besteht handlungsbedarf, das ist kein blinder alarmismus. und zwar besteht mindestens soviel handlungsbedarf wie beim raucherproblem oder bei der sinkenden qualität der weblogs (man erinnere sich an frühere kolumnen). damit meine ich nicht das generelle verbot von shooterspielen oder das willkürliche verklagen der hersteller derselben. sondern den blick und den gang in die kinderzimmer und die dachstöcke.

viele eltern sind verunsichert. in den letzten jahrhunderten haben sich die spiele der kinder nie in so kurzer zeit so drastisch verändert wie in den letzten 15 jahren. eltern und lehrer kommen nicht mehr mit. sie verstehen nicht, was die kinder spielen und wie und warum sie es spielen. deshalb resignieren viele eltern und lehrpersonen. sollen die jungen machen, was sie wollen. jugendschutz hin oder her. doch kinder brauchen leitung, führung und eine schulter zum anlehnen. sie brauchen starke und verantwortungsvolle erwachsene an ihrer seite, die sie begleiten, ihnen verantwortung abnehmen und grenzen setzen. in der virtuellen welt fehlt dies.
ich lasse mir anvertraute kinder und jugendliche nicht einfach spielen, was sie wollen, nicht einfach spielen, so lange sie wollen, nicht einfach in einer virtuellen welt versinken. sie müssen mit mir reden können über ihre games und ihre motivation dafür. sie sollen aber auch grenzen spüren in dieser zeit der grenzenlosen virtuellen möglichkeiten.

leider nehmen sich dafür nicht alle erwachsenen die nötige zeit. lieber laseen sie von politik und justiz alles regeln. "ja, ich kann doch nichts machen, ich komm nicht draus bei dieser technik. aber die wirtschaftsbosse, die mit diesen schweinereien noch gross absahnen, die sollte man verklagen! die sind schuld, wenn ..(.usw. siehe cerpintext)"

dann ist halt auch das volkswille. leider. nicht fadenscheinig, sondern scheinheilig. oder ganz einfach verunsichert und hilflos.
doublewe
doublewe vor 1 Jahren
da schliesse ich mich herr taxt an, vor allem auch dem zusätzlichen kommentar.