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vor 1 JahrenKolumnen

Idealismus als Prinzip

CerpinText:

Die einzig richtige Idealvorstellung von dem, was gut und richtig ist, existiert nicht. Jedoch gibt es mittlerweile Gefässe, aus denen man sich bequem bedienen kann, weil da alles schon zugeschnitten und vorgekocht ist. Wie Dosenfutter. Natürlich könnte man hier Begriffe definieren, sie von einer philosophischen Seite betrachten. Für das gibt es aber Nachschlagewerke. Ich nehme mir gerne das Recht heraus, mich öffentlich zu irren oder zu scheitern. Aus Prinzip.

Auch wenn die Gefahr besteht, dass einem der Idealismus zuweilen im Weg steht oder dass Prinzipen als stur und rigide abgestempelt werden, will ich ganz bestimmt nicht damit anfangen, einfach nur älter und immer wie gleichgültiger zu werden. Sturm und Drang weicht Altersmilde und Desillusionierung. Was einst Antrieb zum Rebellieren war, sieht plötzlich gar nicht mehr so schlimm aus. Früher Punk, Bier und bunte Haare – heute Klassik, Rotwein und Glatze. Die fetten Jahre sind erst noch zu erreichen und das schafft man nicht, indem man sich nicht "öffnet". Oder anders ausgedrückt: Wenn man sich nicht verkauft, verstellt und manchmal sogar ein kleines bisschen aufgibt. Ich will nicht bleiben, wie ich bin und ich bleibe mir nicht selber treu. Aber ich werde auch nicht anfangen aufzuhören und nicht aufhören anzufangen. Mein Idealismus und meine Prinzipen liefern dazu den nötigen Treibstoff. Wer seine für einen schicken BMW eintauscht, der soll damit zurück hinter den Mond "cruisen".

Patti_on_Retour:

Was soll ich dem entgegensetzen? Natürlich hat er Recht! Doch bleibt der CerpinText so allgemein und schwammig, dass ihm sogar Bill Gates zustimmen müsste. Es sei denn, er fahre BMW. Ich fahre Mercedes. Ein alte Kiste, die mich samt Kauf, Versicherung und 4 Jahren Unterhalt weniger als sfr. 5000.- kostete. Demnächst wandert das Gefährt in den Osten, damit ich zumindest noch 200 Franken als Anzahlung ans GA löse. Verkaufe ich deswegen meine Seele? Oder verkaufe ich sie, weil ich an einer Privatschule unterrichte, wo ich natürlich weniger verdiene als an der öffentlichen, dafür auch weniger Schüler habe? Schüler, die in der öffentlichen Schule litten oder nicht mehr tragbar waren, weil eine Lehrperson mit 26 Kindern schlicht nicht die Ressourcen hat, sich um "Kinder mit speziellen Bedürfnissen" zu kümmern. Bin ich altersmilde, weil ich tatsächlich viel toleranter geworden bin, im Gegensatz zu früher, als ich in meinen jugendlichen Idealismus Toleranz gross schrieb, sie sich aber auf Randgruppen beschränkte?

Natürlich soll man sich etwas Idealismus bewahren. Dass man älter und dadurch gesetzter wird, lässt sich jedoch nicht vermeiden. Es sei denn, man wolle sich der Illusion hingeben, ewig 20 zu sein. Auf die Gefahr hin, dass sich die eigenen Kinder dereinst schämen für ihre ach so jungegbliebenen Eltern mit dem flippigen Haarschnitt und den peinlichen Klamotten.

Kommentare
patti_on_tour
patti_on_tour vor 1 Jahren
und als pädagogin kann ich hier nur zufügen: was du übernimmst und was sich "entwickelt" vs. was du selbst "kreierst", liegt möglicherweise nicht so sehr in deiner eigenen wahlfreiheit, wie du es gerne hättest. es läuft hier nicht anders als beim komponieren von musik. alle melodien gibt es schon, du fügst sie einfach neu zusammen und nicht einmal dann ist garantiert, dass sie wirklich original sind. es ist also alles 100% nature (entwicklung) und 100% nurture. als psychologe weisst du das. dies lässt sich auch auf die prinzipienbildung übertragen. auch wenn du eine eigene meinung hast oder eine eigene ideologie: sie gehört weder nur dir, noch bist du ihr urheber. sie ist eben letztendlich auch schon vorgekaut. und was du schliesslich weiterentwicklung und veränderung nennst (bei stetiger prinzipientreue) ist nichts anderes als das übernehmen von anderen bereits vorgefertigten meinungen. auch wenn du sie vermeintlich selber entdeckt hast während deinem reifeprozess.
doublewe
doublewe vor 1 Jahren
bisher ging es m.E. weniger darum, was "gute" prinzipien sind, sondern um die aufgabe von prinzipien jedweden inhalts.
patti_on_tour
patti_on_tour vor 1 Jahren
diese dualistische sicht von materialismus und GEIST (oder PRINZIP?) ist meines erachtens überholt. auch ökologisches gedankengut beispielsweise fusst letztendlich auf materiellen überlegungen. hier scheint mir eher die frage angebracht: sind die prinzipien und daraus folgenden handlungen rein egoistisch/hedonistisch/kurzfristig motiviert oder liegt ein solidaritätsgedanke zugrunde? statt "innere" wertigkeit zu betonen, schlage ich vor das "gute" im daraus resultierenden nutzen für die gemeinschaft (die kleinere, die grössere, die zukünftige, die von mensch, tier und natur) zu sehen. die vordergründige entfremdung von religiöser ethik (vordergründig deshalb, weil hintergründig der dekalog und religiöse motive uns immer noch stark beeinflussen) kommt erschwerend hinzu. wie soll ein diskurs über "ideale", "gut", "richtig" geführt werden ohne eine kollektiv geteilte ethik?
doublewe
doublewe vor 1 Jahren
würd' ich nicht sagen. "prinzipien", die man gegen materielle dinge aufgibt, sind als prinzipien nichts wert. hingegen sehe ich keinen grund, warum man mit zunehmender erfahrung und reife einzelne prinzipien aus sachlichen gründen nicht aufgeben dürfte.
patti_on_tour
patti_on_tour vor 1 Jahren
aber am schluss kommt's doch auf dasselbe raus, nicht?
doublewe
doublewe vor 1 Jahren
die motivation dahinter. würd' ich sagen.
patti_on_tour
patti_on_tour vor 1 Jahren
was ist er unterschied zwischen "prinzipientreu bleiben, aber dafür die prinzipien ändern" und "prinzipien brechen, bzw. verraten"?
doublewe
doublewe vor 1 Jahren
dem will ich nicht widersprechen, aber doch noch einmal nachfragen: wie du jemandem anderen anmerken, dass er prinzipien für gewisse dinge eintauscht, ohne in vorurteile zu verfallen?
doublewe
doublewe vor 1 Jahren
prinzipientreue ist m.E. kein attribut, das sich stark in der äusseren erscheinung niederschlägt. es interessiert mich deshalb, wie du sie bei anderen erkennst. mir für meinen teil fällt das schwer, ohne in vorurteile zu verfallen.
doublewe
doublewe vor 1 Jahren
"und mir scheint, wie immer man sich ändere, man täte es ja nicht, wenn der, den man verlässt, gar so einwandfrei wäre." sagt musil ("die amsel") und ich schliesse mich dem an. auf keinen fall wünsche ich mir die unbeholfene und übertriebene rebellion meiner frühen jugend zurück. denn wenn reife richtig verstanden wird, dann geht älter werden auch ohne integritäts- oder prinzipienverlust.