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GegenSätze V - Tausche Seele gegen BMW
Idealismus als Prinzip
Die einzig richtige Idealvorstellung von dem, was gut und richtig ist, existiert nicht. Jedoch gibt es mittlerweile Gefässe, aus denen man sich bequem bedienen kann, weil da alles schon zugeschnitten und vorgekocht ist. Wie Dosenfutter. Natürlich könnte man hier Begriffe definieren, sie von einer philosophischen Seite betrachten. Für das gibt es aber Nachschlagewerke. Ich nehme mir gerne das Recht heraus, mich öffentlich zu irren oder zu scheitern. Aus Prinzip.
Auch wenn die Gefahr besteht, dass einem der Idealismus zuweilen im Weg steht oder dass Prinzipen als stur und rigide abgestempelt werden, will ich ganz bestimmt nicht damit anfangen, einfach nur älter und immer wie gleichgültiger zu werden. Sturm und Drang weicht Altersmilde und Desillusionierung. Was einst Antrieb zum Rebellieren war, sieht plötzlich gar nicht mehr so schlimm aus. Früher Punk, Bier und bunte Haare – heute Klassik, Rotwein und Glatze. Die fetten Jahre sind erst noch zu erreichen und das schafft man nicht, indem man sich nicht "öffnet". Oder anders ausgedrückt: Wenn man sich nicht verkauft, verstellt und manchmal sogar ein kleines bisschen aufgibt. Ich will nicht bleiben, wie ich bin und ich bleibe mir nicht selber treu. Aber ich werde auch nicht anfangen aufzuhören und nicht aufhören anzufangen. Mein Idealismus und meine Prinzipen liefern dazu den nötigen Treibstoff. Wer seine für einen schicken BMW eintauscht, der soll damit zurück hinter den Mond "cruisen".
Was soll ich dem entgegensetzen? Natürlich hat er Recht! Doch bleibt der CerpinText so allgemein und schwammig, dass ihm sogar Bill Gates zustimmen müsste. Es sei denn, er fahre BMW. Ich fahre Mercedes. Ein alte Kiste, die mich samt Kauf, Versicherung und 4 Jahren Unterhalt weniger als sfr. 5000.- kostete. Demnächst wandert das Gefährt in den Osten, damit ich zumindest noch 200 Franken als Anzahlung ans GA löse. Verkaufe ich deswegen meine Seele? Oder verkaufe ich sie, weil ich an einer Privatschule unterrichte, wo ich natürlich weniger verdiene als an der öffentlichen, dafür auch weniger Schüler habe? Schüler, die in der öffentlichen Schule litten oder nicht mehr tragbar waren, weil eine Lehrperson mit 26 Kindern schlicht nicht die Ressourcen hat, sich um "Kinder mit speziellen Bedürfnissen" zu kümmern. Bin ich altersmilde, weil ich tatsächlich viel toleranter geworden bin, im Gegensatz zu früher, als ich in meinen jugendlichen Idealismus Toleranz gross schrieb, sie sich aber auf Randgruppen beschränkte?
Natürlich soll man sich etwas Idealismus bewahren. Dass man älter und dadurch gesetzter wird, lässt sich jedoch nicht vermeiden. Es sei denn, man wolle sich der Illusion hingeben, ewig 20 zu sein. Auf die Gefahr hin, dass sich die eigenen Kinder dereinst schämen für ihre ach so jungegbliebenen Eltern mit dem flippigen Haarschnitt und den peinlichen Klamotten.