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vor 1 JahrenKolumnen

Ein Hoch auf den Katholizismus

Patti_on_Host:*

(*englisch für Hostie)

Katholizismus ist weder Institution, Religion noch Glaube, vielmehr ein Paradigma oder eine politisch-kulturelle Sprache, die sich grundsätzlich vom Protestantismus unterscheidet. Letzterem verdanken wir die äusserliche Bescheidenheit, das innerliche, humanististische Bildungsideal, den Arbeitsethos, Tanzverbote, den inneren Ruf zu moralischem Leben und das Laienpredigertum. Dieses macht sich heute vor allem am Kindergärtnerinnenseminar bemerkbar, wo junge Mädchen zum Bibelkreisgespräch aufrufen und für all jene beten, welche sich nicht freiwillig in die Fussstapfen Jesu begeben.

Was lob ich mir da den Katholizismus! Das Seelenheil kann erkauft, die Absolution erbeichtet werden. Die Schäfchen brauchen weder vernünftig noch integer zu leben. In jeder katholischen Messe der Welt können die Gebete noch halbwegs mitgeschwafelt, die Aufsteh- und Niederknierituale mitgemacht und die heilsversprechenden Hostien zu richtigen Zeit geholt werden. Ein bisschen Busse tun, ein Ave Maria hier, eine Wallfahrt dort, die letzte Ölung und andere jahrhundertealte Rituale ebnen den Weg in den Himmel. Und dieser ist frei von falscher Bescheidenheit: Reich bestickt die Gewänder, bunt bebildert die Kirchen, rauschend die Feste, pompös die Manifestation der Hierarchie! Nach dem Fasten wird gefressen, was das Zeug hält! Kein Wunder, dass die Badenfahrt mehr hergibt, als das kommerzialisierte Züri-Fäscht. Die Sprache des Katholizismus ist international, traditionell, feierlich und äusserst lebensfroh. Und in Zeiten des modernen Ablasshandels (Wie war das nochmal mit der CO2-Steuer?) passt sie eigentlich wunderbar.

CerpinText:

Die gute alte Bequemlichkeit des Glaubens. Übelste Verharmlosung nenne ich das, liebe Patti. Das wäre nur dann lustig, wenn es ironisch gemeint ist – und da ich auf diesen Gegensatz antworten «darf», wird es dies wohl eher nicht sein. Den Katholizismus als nice way to live zu betrachten, finde ich höchst fahrlässig. Weißt du unter welchen Umständen diese Kirchen erbaut wurden? Die Sprache des Katholizismus war über mehrere hundert Jahre Intoleranz, Verfolgung, Ausbeutung, Bekehrung, Verheimlichung und Töten. Im Namen Gottes, wohlverstanden. Das nenne ich nicht lebensfroh, sondern menschenverachtend. Und vieles von dem schwirrt noch heute in manchen Köpfen ver(w)irrter Gläubiger herum. Ich lasse jeden Menschen glauben, was er will. Aber nicht wie er will. Es gibt Grenzen. Solange der Popstar-Papst immer noch rumrennt, wie eine massentauglichere Variante von Uriella und Kondome denjenigen Jugendlichen verbietet, welche sich sowieso in Enthaltsamkeit üben sollten, finde ich weder Jesus plötzlich so cool und trendy wie Dave Grohl, noch werde ich anfangen, mich über längst sinnfreie Traditionen und Rituale zu amüsieren. Den Freibrief für einen Himmel, den es nicht gibt, mit fadenscheinigen Busseritualen erschleichen zu wollen, ist genauso absurd, wie sich in die Luft zu sprengen, um den Rest der Ewigkeit mit ein paar Dutzend Jungfrauen zu verbringen. Nein, ich finde es nicht lustig. Humorloser Heide, der ich bin.

Kommentare
patti_on_tour
patti_on_tour vor 1 Jahren
wenn protestant von protestieren kommt, dann bist du einer. aber ich streite mich mit niemandem lieber als mit dir. ehrlich.
patti_on_tour
patti_on_tour vor 1 Jahren
dazu siehe auch letzte kolumne -> ideologie als prinzip!

eben. vorgefasste meinungen, welche bereits in der kindheit prägen, sind meist auch nicht von den eltern erfunden worden, weil diese ebenfalls nicht die zeit hatten, weil sie.... wie du beschreibst usw. politische sprachen kommen meist von regierenden oder klerikalen schichten, welche diese zeit unddiese macht haben. die sprachen (gemäss pocock -> langue / paroles) setzen sich zusammen aus bestimmten geteilten ansichten oder für alle verständlichen begriffe und schlüsselwörtern. in diesem zusammenhang werf ich atheismus, naturalismus, nudismus oder was immer du willst, allemal in denslben topf. anders lassen sich die unterschiedlichen mentalitäten gar nicht erst vergleichen.
Gwendolan
Gwendolan vor 1 Jahren
Das ist eine Unterstellung, die meines Erachtens falsch ist.
Die meisten Menschen kümmern sich nämlich schlicht und einfach nicht um diese Fragen, weil sei mit anderem beschäftigt sind. Brötchen verdienen, Frauen abschleppen, den Mann fürs Leben finden, Kinder grossziehen, sich scheiden lassen, Musik machen, Bilder malen, verrückt werden, Krankheiten aussiechen - die meisten Menschen haben einfach nicht den Luxus, sich mit solchen Fragen überhaupt eingehend zu beschäftigen. Deswegen behalten die meisten in diesen Fragen einfach das als Kind eingeimpfte Weltbild mitsamt den Ritualen welche es mit sich bringt oder nicht. Sie lassen die Antworten, auf die "grossen Fragen" ganz einfach in dieser default-Position.

Atheismus ist auch ein Weltbild, das stimmt. Aber Atheismus (oder besser: Naturalismus) in einen Topf mit religiösen Weltbildern zu werfen, greift dann doch etwas zu kurz. Denn Atheismus ist die Default-Position, welche jeder Mensch hätte, wenn ihm nicht aus Tradition Unwahrheiten über unser Universum aufgetischt würden.
patti_on_tour
patti_on_tour vor 1 Jahren
deshalb schreibe ich bereits im ersten satz, dass es im von mir behandelten thema weder um den glauben, noch um die religion geht. fällt nämlich der katholizismus weg, wird die lücke sofort mit etwas anderem gefüllt: protestantismus, sakralisiertem atheismus (in deinem fall, gwendolan), kommunismus (sakralisierung der gemeinschaft nach protestantischem vorbild), nationalismus (sakralisierung der nation), faschismus usw. politische ideengeschichte bzw. mentalitätsgeschichte wurde immer von einem paradigma oder einer sprache beherrscht, bewusst oder unbewusst, und die meisten davon sind letztendlich religiös fundiert. sogar der atheismus, den du so missionarisch vertrittst, bedient sich sakraler werkzeuge.
Gwendolan
Gwendolan vor 1 Jahren
Ich bin sicher, Militärparaden unter Stalin oder Hitler waren ziemlich imposant, die von ihnen errichteten Gebäude gewaltig, die feschen Uniformen haben wohl mancher Dame den Kopf verdreht. Aber das sind ja nicht die Dinge, an welchen man eine politische Ideologie misst. Genauso wenig, wie die Dinge, welche du, patti, aufführst, ein guter Maasstab für den katholischen Glauben sind. Mir persönlich ist der Katholizismus auch sympathischer als der Protestantismus. Der ganze Pomp, die Rituale - das hat alles schon was für sich. Es macht aber die falsche Grundlage - den Glauben, ein extradimensionaler Superpapi hätte uns nach seinem Ebenbild geschaffen um uns dann 80 Jahre zu testen und bei Versagen bis zum Ende aller Zeiten zu quälen - nicht wahrer.
Vor kurzem habe ich einen interessanten Text gelesen, wo der radikale Islam der heutigen, und der Protestantismus zur Zeit der Reformation verglichen und erstaunliche Parallelen aufgezeigt werden (Reformation Theocracy and Islamic Militancy, Richard Mansbach, in: Europäische und globale Herausforderungen (Referate zu Fragen der Zukunft Europas 2007), Schulthess 2008).
patti_on_tour
patti_on_tour vor 1 Jahren
humorlos ja, heide nein. deine antwort zeigt, dass du durch und durch protestant bist, wenn auch ein unreligiöser, denn die inneren werte, die gute absicht und das gute handeln an mensch und gesellschaft sind dir wichtiger, als rein äusserliche riten. dass der katholizismus eine heuchlerische angelegenheit ist, wird aus meinem beitrag ja genügend klar. (dieser ist übrigens völlig ironiefrei, wenn auch leicht satirisch überhöht.) dass auch andere religionen sinnlose oder zumindest sinnleere rituale praktizieren, hast du selbst erwähnt, das ist nicht nur auf dem katholischen mist gewachsen. wer den katholizismus aber einfach grudsätzlich negiert, riskiert auf zweifache weise heuchlerisch zu sein: indem er erstens die fehler, die die katholische kirche zweifelsfrei in grosser menge macht, weit von sich selbst und der eigenen verantwortung wegweist und zweitens indem er glaubt, nur weil äusserliche rituale wie beichte, sakramente usw. weggelassen werden, sei man ein besserer mensch.
ich kann ein guter mensch sein ohne tanzverbot. ich kann feste feiern und mich ob schönen kirchen erfreuen, ohne dabei zum sündiger zu werden. und ich kann traditionellen ritualen frönen, ohne dass ich den papst und seine anti-verhütungsparolen gut finde.