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GegenSätze VI - Gold, Weihrauch und rauschende Feste
Ein Hoch auf den Katholizismus
(*englisch für Hostie)
Katholizismus ist weder Institution, Religion noch Glaube, vielmehr ein Paradigma oder eine politisch-kulturelle Sprache, die sich grundsätzlich vom Protestantismus unterscheidet. Letzterem verdanken wir die äusserliche Bescheidenheit, das innerliche, humanististische Bildungsideal, den Arbeitsethos, Tanzverbote, den inneren Ruf zu moralischem Leben und das Laienpredigertum. Dieses macht sich heute vor allem am Kindergärtnerinnenseminar bemerkbar, wo junge Mädchen zum Bibelkreisgespräch aufrufen und für all jene beten, welche sich nicht freiwillig in die Fussstapfen Jesu begeben.
Was lob ich mir da den Katholizismus! Das Seelenheil kann erkauft, die Absolution erbeichtet werden. Die Schäfchen brauchen weder vernünftig noch integer zu leben. In jeder katholischen Messe der Welt können die Gebete noch halbwegs mitgeschwafelt, die Aufsteh- und Niederknierituale mitgemacht und die heilsversprechenden Hostien zu richtigen Zeit geholt werden. Ein bisschen Busse tun, ein Ave Maria hier, eine Wallfahrt dort, die letzte Ölung und andere jahrhundertealte Rituale ebnen den Weg in den Himmel. Und dieser ist frei von falscher Bescheidenheit: Reich bestickt die Gewänder, bunt bebildert die Kirchen, rauschend die Feste, pompös die Manifestation der Hierarchie! Nach dem Fasten wird gefressen, was das Zeug hält! Kein Wunder, dass die Badenfahrt mehr hergibt, als das kommerzialisierte Züri-Fäscht. Die Sprache des Katholizismus ist international, traditionell, feierlich und äusserst lebensfroh. Und in Zeiten des modernen Ablasshandels (Wie war das nochmal mit der CO2-Steuer?) passt sie eigentlich wunderbar.
Die gute alte Bequemlichkeit des Glaubens. Übelste Verharmlosung nenne ich das, liebe Patti. Das wäre nur dann lustig, wenn es ironisch gemeint ist – und da ich auf diesen Gegensatz antworten «darf», wird es dies wohl eher nicht sein. Den Katholizismus als nice way to live zu betrachten, finde ich höchst fahrlässig. Weißt du unter welchen Umständen diese Kirchen erbaut wurden? Die Sprache des Katholizismus war über mehrere hundert Jahre Intoleranz, Verfolgung, Ausbeutung, Bekehrung, Verheimlichung und Töten. Im Namen Gottes, wohlverstanden. Das nenne ich nicht lebensfroh, sondern menschenverachtend. Und vieles von dem schwirrt noch heute in manchen Köpfen ver(w)irrter Gläubiger herum. Ich lasse jeden Menschen glauben, was er will. Aber nicht wie er will. Es gibt Grenzen. Solange der Popstar-Papst immer noch rumrennt, wie eine massentauglichere Variante von Uriella und Kondome denjenigen Jugendlichen verbietet, welche sich sowieso in Enthaltsamkeit üben sollten, finde ich weder Jesus plötzlich so cool und trendy wie Dave Grohl, noch werde ich anfangen, mich über längst sinnfreie Traditionen und Rituale zu amüsieren. Den Freibrief für einen Himmel, den es nicht gibt, mit fadenscheinigen Busseritualen erschleichen zu wollen, ist genauso absurd, wie sich in die Luft zu sprengen, um den Rest der Ewigkeit mit ein paar Dutzend Jungfrauen zu verbringen. Nein, ich finde es nicht lustig. Humorloser Heide, der ich bin.

eben. vorgefasste meinungen, welche bereits in der kindheit prägen, sind meist auch nicht von den eltern erfunden worden, weil diese ebenfalls nicht die zeit hatten, weil sie.... wie du beschreibst usw. politische sprachen kommen meist von regierenden oder klerikalen schichten, welche diese zeit unddiese macht haben. die sprachen (gemäss pocock -> langue / paroles) setzen sich zusammen aus bestimmten geteilten ansichten oder für alle verständlichen begriffe und schlüsselwörtern. in diesem zusammenhang werf ich atheismus, naturalismus, nudismus oder was immer du willst, allemal in denslben topf. anders lassen sich die unterschiedlichen mentalitäten gar nicht erst vergleichen.
Die meisten Menschen kümmern sich nämlich schlicht und einfach nicht um diese Fragen, weil sei mit anderem beschäftigt sind. Brötchen verdienen, Frauen abschleppen, den Mann fürs Leben finden, Kinder grossziehen, sich scheiden lassen, Musik machen, Bilder malen, verrückt werden, Krankheiten aussiechen - die meisten Menschen haben einfach nicht den Luxus, sich mit solchen Fragen überhaupt eingehend zu beschäftigen. Deswegen behalten die meisten in diesen Fragen einfach das als Kind eingeimpfte Weltbild mitsamt den Ritualen welche es mit sich bringt oder nicht. Sie lassen die Antworten, auf die "grossen Fragen" ganz einfach in dieser default-Position.
Atheismus ist auch ein Weltbild, das stimmt. Aber Atheismus (oder besser: Naturalismus) in einen Topf mit religiösen Weltbildern zu werfen, greift dann doch etwas zu kurz. Denn Atheismus ist die Default-Position, welche jeder Mensch hätte, wenn ihm nicht aus Tradition Unwahrheiten über unser Universum aufgetischt würden.
Vor kurzem habe ich einen interessanten Text gelesen, wo der radikale Islam der heutigen, und der Protestantismus zur Zeit der Reformation verglichen und erstaunliche Parallelen aufgezeigt werden (Reformation Theocracy and Islamic Militancy, Richard Mansbach, in: Europäische und globale Herausforderungen (Referate zu Fragen der Zukunft Europas 2007), Schulthess 2008).
ich kann ein guter mensch sein ohne tanzverbot. ich kann feste feiern und mich ob schönen kirchen erfreuen, ohne dabei zum sündiger zu werden. und ich kann traditionellen ritualen frönen, ohne dass ich den papst und seine anti-verhütungsparolen gut finde.