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28. März 2009, 10:43 Kultur

Alpenglühen @ Schauspielhaus

Jan Rothenberger - „Wir lügen alle!“ So lautet die Prämisse von Peter Turrinis schlauer Groteske, die in der vermeintlichen Idylle der Bergwelt ein doppelbödiges Verwirrspiel um die Frage nach der Wahrheit inszeniert.„Man muss Unwirklichkeiten erfinden, um dem Wirklichen nahe zu kommen.“...

Alpenglühen @ Schauspielhaus
„Wir lügen alle!“ So lautet die Prämisse von Peter Turrinis schlauer Groteske, die in der vermeintlichen Idylle der Bergwelt ein doppelbödiges Verwirrspiel um die Frage nach der Wahrheit inszeniert.

„Man muss Unwirklichkeiten erfinden, um dem Wirklichen nahe zu kommen.“ Diesen Satz des Autors könnte man dem Stück als Motto voranstellen. Regie und Dramaturgie (Alexander Wiegold und Nina-Maria Schmidt) folgen denn auch dieser Idee in dem hochalpinen Verwirrspiel, das „Alpenglühen“ ist. Dabei fängt alles ganz simpel an: Ein blinder Einsiedler (Gottlieb Breitfuss), der seit Jahrzehnten in einer Berghütte fernab der Zivilisation lebt, hat ein einfaches Bedürfnis – er wünscht sich eine Frau. Und zwar zwecks Gesprächen über Literatur und, idealerweise, „mehr“. Eine Jugenderinnerung hat ihn zur späten Suche nach der Liebe motiviert, der Besuch an einem italienischen Strand vor Jahrzehnten und das Wort „amore“, an eine Wand geschrieben. Eine Frau, so schreibt er dem Blindenverband, wäre etwas, dass er im Gegensatz zu den jährlich zugeschickten Blumen und Grusskarten wirklich gebrauchen könnte. Darum sollten sie doch so gut sein und entsprechendes veranlassen. Und so trudelt eines Tages eine aufgetakelte Kurtisane (gespielt von Karin Pfannmatter) bei ihm ein, die zu seinem Erschrecken alles andere als eine kultivierte Dame ist. Immerhin kann die sehr schnell handgreiflich werdende mit Shakespeare glänzen und weiss den Alten an den Fingerspitzen zu stimulieren, denn das sei der einzige Ort, wo bei ihm selbiges wegen seines ausgeprägten Tastsinns noch funktioniere. Bald werden erste vertrauliche Gespräche geführt, in denen die beiden einander ihre Geschichten erzählen. Sie, eine gealterte Prostituierte mit zwei Kindern, die vom Blindenverband angeheuert wurde und sich für ihn wegen seiner Blindheit interessierte. Er als früherer Journalist, der aufgrund eines Atombombenversuchs in der Südsee, dessen Zeuge er wurde, erblindet ist und sich anschliessend in die Einsamkeit zurückzog um sich dort aus den Meldungen seines Radio seine eigene Welt zusammenzureimen.

Doch, wie schon Motto und Bühnenbild (Marlene Baldauf) es andeuten: Es ist nichts wie es scheint. Die Kulisse der rustikalen Berghütte steht auf einem Mini-Gebirge kleiner, weisser Bergspitzen, deren Zwischenräume mit Sand aufgefüllt sind. So sind geschickt das eigentliche Setting und die Erinnerung des Blinden überblendet, und beides beginnt surreal zu wirken. Auch der stets offen sichtbare Schnürboden erinnert den Zuschauer konstant an Fiktionalität und Bühnenillusion. So stellen sich auch die Geschichten der beiden bald als Seemannsgarn heraus: Sie ist eigentlich Sekretärin des Blindenverbands und wollte lediglich ihrem ereignislosen Leben eine Wende geben. Und er war noch nie in der Südsee. Aber auch die neuen Identitäten der Figuren bleiben schwankend und in ihrem Wahrheitsgehalt ungewiss. Der Zuschauer wird in seinen Erwartungen auf kalkulierte Weise verschaukelt und ist auch im weiteren Verlauf des Stücks immer wieder gezwungen, sein Bild der Akteure zu revidieren. So wird die Alphütte, die mit einem Vorhang in Richtung des Zuschauerraums versehen ist, zur Bühne auf der Bühne, und es zeigt sich: die Schauspieler spielen Komödie, ein Stück im Stück.

Diese Fiktionen zeigen sich als ihre Methode, sich eine eigene, lebbare Welt zusammenzuschustern und darin ungeachtet der tatsächlichen glücklich zu werden. Dass diese Message nicht zum theatralischen Pathos gerinnt, dafür sorgen die Inszenierung, die mit dem Vorgeführten immer wieder ironisch bricht, und das nuancierte Spiel der Akteure. Ihnen schaut man gerne zu; Karin Pfannmatter und Gottlieb Breitfuss sind dem andauernden Rollenwechsel mehr als gewachsen und verhelfen diesem originellen und dezidiert realitätskritischen Stück zu einem bleibenden Eindruck.

  • Alpenglühen
  • Schauspielhaus Pfauen, Bühne 5
  • nächste Vorstellungen: 8./9./11./14. April
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