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15. April 2009, 21:56 Music Interview

Interview Stephan Weidner (Der W)

Silvan Gertsch - Gehasst, verdammt, vergöttert - Stephan Weidner war Bassist und zugleich Motor bei den Böhsen Onkelz. Sein Solo-Debut "Schneller, höher, Weidner" stellte er vor wenigen Tagen - im Rahmen seiner so gut wie ausverkauften Tournee - live im Z7 in Pratteln vor. In einem seiner selt...

Interview Stephan Weidner (Der W)
Gehasst, verdammt, vergöttert - Stephan Weidner war Bassist und zugleich Motor bei den Böhsen Onkelz. Sein Solo-Debut "Schneller, höher, Weidner" stellte er vor wenigen Tagen - im Rahmen seiner so gut wie ausverkauften Tournee - live im Z7 in Pratteln vor. In einem seiner seltenen Interviews spricht er mit Students.ch über Erfolg, Wut und die heutige Jugend.

Du definierst Erfolg darüber, ob du erfolgreich dabei bist, deine Gefühle auszudrücken.

Stephan Weidner: Was in der Öffentlichkeit als Erfolg angesehen wird, ist zwar auch erstrebenswert. Letztendlich geht es aber darum, mit der eigenen Leistung zufrieden zu sein. Ich definiere im Endeffekt, ob ein Song oder ein Album gut ist oder nicht. Das, was kommerziell mit dem Album geschieht, ist nicht ausschlaggebend.

Warst du aus diesem Blickwinkel betrachtet erfolgreich mit deinem Solo-Album?

Jeder Künstler findet in der Nachbetrachtung seines Werkes immer Dinge, die er besser machen könnte. Das merke ich auch in der Live-Situation, wie mir manche Songs besser von der Hand gehen. Ich musste meine Person und meine Art des Singens erst finden. Das war ein Entwicklungsprozess, der noch nicht perfekt sein konnte. Aber nichtsdestotrotz bin ich immer noch sehr zufrieden mit meinem Solo-Album.

In deiner Anfangszeit war die Wut ein grosser Antrieb. Ist das auch heute noch so?

Sicherlich kann Wut ein Motor sein. Aber ich möchte das jetzt auch nicht überstrapazieren. Letztendlich hat meine Art von Musik auch etwas physisches, das kann man auf der Bühne ganz gut ausleben – wie man generell als Sänger unheimlich gut Emotionen loswerden kann. Die können sich auf die unterschiedlichste Art und Weise entladen. Sei es über die Stimme oder über das körperliche. Bei mir ist vor allem letzteres oftmals der Fall. Ich brauche dieses Schweisstreiben, diese Energie, die Gitarrenmusik für mich beinhaltet. Inhaltlich treibt mich die Wut sicherlich an. Aber es gibt genügend andere Dinge, die es mir wert sind, besungen zu werden. Je älter man wird, umso besser lernt man, mit seiner Wut und mit der Ungerechtigkeit umzugehen. Im Endeffekt kommt die Wut ja daher, dass man etwas anders sieht, sich ungerecht behandelt fühlt oder dass andere Menschen ungerecht behandelt werden. Und ich glaube, für mich wird es immer wichtiger, mir von der Seele zu schreiben und die Leute an meinen Gedanken teilhaben zu lassen. Das muss gar nicht unbedingt mit Wut zu tun haben.

Bist du dir gegenüber seit dem Ende der Onkelz kritischer geworden? Die ganzen Erfolge und Misserfolge lasten nun nur noch auf deinen Schultern, nicht mehr auf denjenigen von vier Personen.

Das war bei den Onkelz auch nicht anders. Die Last lag schon damals auf meinen Schultern, nicht auf denjenigen der anderen. Wir waren zwar offiziell vier Leute. Aber unterm Strich hat einer die Arbeit gemacht. Und dementsprechend hat sich für mich gar nicht so viel geändert. Klar muss ich jetzt mit drei Leuten weniger meine Songs besprechen. Aber das war auch bei den Onkelz nie ein Problem. Ich habe den Jungs einen Song vorgeschlagen und dann war er gut. Es gab sehr wenig Kritik und Ablehnung von ihnen gegen meine Songs. Mir selbst gegenüber bin ich also nicht kritischer geworden, aber ich habe schon immer viel Wert auf meine eigene Leistung gelegt. Und ich gebe mir auch Mühe, das Beste zu geben.

Mit den Onkelz standest du 25 Jahre auf der Bühne, da gibt es gewisse Automatismen, die sich eingebürgert haben. War der Wechsel zum Solo-Künstler schwer?

Logisch. Von der linken Position des Bassisten in die Mitte zu rücken – darüber habe ich mir sehr viele Gedanken gemacht. Aber das lief sehr viel unproblematischer, als ich mir gedacht habe. Ich hätte mit einem längeren Zeitraum der Anpassung gerechnet. Mittlerweile fühle ich mich so, als hätte ich nie was anderes gemacht. Am Anfang konnte ich mir auch nur schwer vorstellen, kein Instrument mehr zu spielen auf der Bühne. Aber das hat sich ganz schell ergeben. Wie ein natürlicher Prozess.

Was war es für ein Gefühl, als du zum ersten Mal als Solokünstler auf die Bühne gegangen bist?

Die Nervosität war grösser. Das Repertoire war neu – ich spielte keine Songs, die wir schon zwanzig Jahre zuvor durchgenudelt haben. Die Band war neu. Ich stand auf einer anderen Position. Aber ich habe mich nicht verrückt machen lassen. Ich bin nicht jemand, der vorneweg unheimlich viele Gedanken in etwas setzt. Das schöne an meinem Beruf ist ja, dass ich immer wieder auf neue Situationen reagieren muss.

Du setzt auf deinem Solo-Album vermehrt auch Streicher ein. Wie bist du auf den Geschmack gekommen?

Es gab halt Dinge, die ich bei den Onkelz nie gemacht habe. Etwas davon war, mit echten Streichern zusammen zu arbeiten. Diesen Wunsch wollte ich mir erfüllen. Ursprünglich habe ich zwei Stücke mit Streichern komponiert, letztendlich sind es dann vier geworden, weil es halt so viel Spass gemacht hat. Diese Auseinandersetzung mit einem anderen Musik-Genre war wahnsinnig interessant, für mich als Musiker ein Herzenswunsch.

Hast du dich auch intensiv mit klassischer Musik auseinandergesetzt?

Den Orden kann ich mir nicht anheften lassen. Ich habe mit jemandem zusammengearbeitet, der die Streicher-Arrangements geschrieben hat. Dann sind wir die Songs durchgegangen, haben Dinge rausgeschmissen, die uns nicht gepasst haben und gemeinsam andere Sachen weiterentwickelt.

Wie läufts mit deinem Nebenprojekt Eschenbach?

Die Platte ist im Kasten und wartet darauf, veröffentlicht zu werden. Eschenbach hat ja jetzt einen festen Sänger, Riitchy Schwarz, der auf dem Album den Schwerpunkt der Songs singt. Einen Titel singe ich, einen Kevin, einen Yen, Nina C. Alice von Skew Siskin interpretiert einen Song und auch Ben Tewaag singt ein Stück. Live werden die Songs dann alle von Riitchy Schwarz gesungen. Die ganze Idee, mehrere Sänger zu nehmen, entstand ja dadurch, dass Ben Tewaag als ursprünglicher Sänger ausgefallen ist – aufgrund von Begebenheiten, die ich hier nicht weiter besprechen möchte. Jedenfalls standen wir ohne Sänger da und die Musik, die wir bis dahin aufgenommen hatten, war zu gut, als dass ich sie einfach in eine Schublade hätte stecken wollen.

Zu Kevin und Pe, Sänger und Drummer bei den Onkelz, hast du immer noch Kontakt. Packt euch nicht ab und zu die Lust, Musik zu machen?

Das Musikding haben wir hinter uns gebracht. Obschon ich das Gefühl hätte, dass es Kevin ganz gut tun würde, sich wieder mal zu präsentieren, in welcher Form auch immer. So könnte er sich vor Augen führen, ob es ihm überhaupt noch Spass macht, Musik zu machen. Auch mit Pe treffe ich mich immer noch gerne und oft. Weihnachten und Silvester haben wir zusammen mit unseren Familien gefeiert.

Kommen wir zu einem thematischen Stilbruch: Was denkst du über die heutige Jugend?

Das ist für mich schwierig, hier zu urteilen. Mit 45 habe ich mit Jugendlichen nicht mehr so viel zu tun. Aber natürlich beobachte ich, was draussen los ist und mache mir Gedanken dazu. Ob die von Relevanz sind, weiss ich nicht. Man sollte aber auch nicht alles auf die Jugend abschieben. Es ist generell die Entwicklung der Gesellschaft, die mir Sorgen bereitet. Bei den Jugendlichen gibt es wie bei allen anderen Altersgruppen auch gute und schlechte Leute. Dementsprechend möchte ich da kein Pauschalurteil abgeben.

Die Jugend ist aber auch an deinen Konzerten stark vertreten.

Das hat mich überrascht. Ich denke schon, dass ich was zu erzählen habe. Deshalb freut es mich, dass ich Jugendliche erreiche, dass sie mit den Botschaften, die ich mit meinen Songs weitergebe, etwas anfangen können. Ich glaube, es gibt schlechtere Vorbilder als mich.

Kommen wir zum Schluss: Wo fühlst du dich heute zuhause?

Ich fühl mich da zuhause, wo mein Sohn ist.

www.der-w.de

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