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20. April 2009, 00:00 Movie

Moscow Belgium

Christina Ruloff - Der grosse Hit aus Belgien hält Einzug in den besseren Schweizer Kinos und bietet anspruchsvolles, anstrengendes und schliesslich erwachsenes Kino: Eine Rarität.Diese Frau ist wütend. Man sieht ihr richtig gehend an, wie sie am liebsten der ganzen Welt einen Tritt in den Hinte...

Moscow Belgium
Der grosse Hit aus Belgien hält Einzug in den besseren Schweizer Kinos und bietet anspruchsvolles, anstrengendes und schliesslich erwachsenes Kino: Eine Rarität.

Diese Frau ist wütend. Man sieht ihr richtig gehend an, wie sie am liebsten der ganzen Welt einen Tritt in den Hintern geben würde. Die Welt war ja auch nicht sonderlich freundlich zu Matty. Aber irgendjemand muss einkaufen, Kleider waschen, Geld verdienen, die Familie am Leben halten und so bringt die Mutter dreier Kinder alles mit wütender, angewiderter und irgendwie abgelebter Miene hinter sich, ohne links oder rechts zu schauen. Da knallt sie mit ihrem Auto in den Truck von Johnny rein. Sie hat nicht nach hinten geschaut, aber eigentlich gehören Lastwagen ja auch nicht auf Supermarktparkplätze. Und da entlädt sich endlich der ganze Frust, die ganze aufgestaute Wut von Matty an Johnny. Und Johnny schlägt zurück. Auch er ist wütend, besonders auf Frauen ganz schlecht zu sprechen.

Es ist eine eindrückliche Szene in diesem Film, weil sie ganz und gar alltäglich, ungeschminkt und kraftvoll daherkommt. Die beiden bleiben nicht auf der sogenannten Sachebene sondern schlagen dort zu, wo’s weh tut und wo’s nicht mehr jugendfrei ist. Aber irgendwie finden sie sich doch und Johnny verknallt sich in Matty. Und Matty? Sie weiss jetzt überhaupt nicht mehr, was sie tun soll, weil... sie sich entscheiden sollte: Für Johnny, der jünger und lieb und begeistert ist, aber aus gutem Grund nicht trinken sollte? Oder für ihren Noch-Ehemann Werner, einen schleimigen Kunstlehrer, der mit seiner Schülerin durchgebrannt ist, aber sich gerne alles offen halten würde und daher immer im falschen Moment auftaucht und „Ich liebe dich noch immer!“ flötet?

Ein Mann ist garantiert zuviel: Werner möchte gerne zurück zu Matty, weil er "ihre Ruhe" so schätzt und seine Affäre ihm zu anstrengend wird.

Die dritte Alternative, das Leben ohne einen Mann, oder wenigstens ohne einen dieser beiden, wird leider nicht geprüft. Das und die Unfähigkeit des Regisseurs Christophe Van Rompaey und seines Drehbuchautors Jean-Claude Van Rijckeghem sich für eine Richtung zu entscheiden, geben diesem starken Film einen Trauerrand. Er dümpelt irgendwie unentschlossen vor sich, manchmal so realistisch wie eine Mike Leigh - Produktion, dass es dem harmoniebedürftigen Publikum zu viel wird, dann wieder mit einem versöhnlichen Stich ins Romantische. Dazwischen wird aber viel echtes und unerfreuliches Leben einer alleinerziehenden Mutter gezeigt, die sich vierteilt zwischen Job, Haushalt, Familie und den minimalen eigenen Bedürfnissen, ohne irgendwo zu genügen. Ihre Kinder, die nichts mit den obligaten Filmkindern gemein haben, sondern vielschichtige Charaktere sind und auch mal Verantwortung übernehmen können, sind wenigstens eine Stütze; die beiden Männer hingegen taugen – wie ein unvergessliches, tragisches und zugleich urkomisches Essen en famille illustriert – wenig.

Moscow Belgium ist ein anspruchsvolles, erwachsenes Stück Kino mit hervorragendem Ensemble. Es beweist mit seinem scharfen und unsentimentalen Blick auf die Welt Mut zur Hässlichkeit und zum Realismus, ist allerdings doch nicht ganz so unverdaulich und konsequent, wie manche englische Produktion – der Film ist absolut sehenswert!

Bewertung: 4 von 5

Nur in der Waschküche hat man noch seine Ruhe: Matty versucht ihr Leben zwischen Familie, Job und Männern zu ordnen.

  • Titel: Moscow Belgium
  • Land: Belgien
  • Regie: Christophe Van Rompaey
  • Darsteller: Barbara Sarafian, Jurgen Delnaet, Johan Heldenbergh
  • Verleih: Cineworx
  • Release: 23. April 2009
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