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26. Juni 2009, 10:53 Politik

Bastien Girod: Glücks- statt Einkommensmaximierung

Bastien Girod - "Happiness: A revolution in economics" heisst das jüngste Buch des renommierten Zürcher Ökonomen Bruno S. Frey. Darin werden die Resultate von Messungen der Veränderung des subjektiven Wohlbefindens vorgestellt. Frey weist systematische Abweichungen von grundlegenden Annahmen...

Bastien Girod: Glücks- statt Einkommensmaximierung
"Happiness: A revolution in economics" heisst das jüngste Buch des renommierten Zürcher Ökonomen Bruno S. Frey. Darin werden die Resultate von Messungen der Veränderung des subjektiven Wohlbefindens vorgestellt. Frey weist systematische Abweichungen von grundlegenden Annahmen der bisherigen Ökonomie nach – zum Beispiel bei der Rationalität von Entscheidungen wie auch bei der Eigennutzmaximierung (Egoismus). Die Ergebnisse erklären, wie ein Markt sich in eine Krise verrennen kann. Und es können daraus Erkenntnisse über eine sinnvollere Regulierung zu Gunsten eines langfristig funktionierenden Marktes abgeleitet werden.

Heute stellt sich uns die Frage, welche Erkenntnisse uns helfen könnten zu antizipieren, in welche Richtung sich Wirtschaft, Gesellschaft und Politik in Zukunft bewegen werden. Wir gehen heute davon aus, dass sich die Wohlfahrt vom Wohlbefinden der Bevölkerung ableiten lässt. Es gibt aber kein allgemeines Wohlbefinden einer Gesellschaft. Wohlbefinden bedeutet für jede Person etwas anderes – nicht umsonst wird es darum auch subjektives Wohlbefinden genannt. Begriffe wie Glück oder Zufriedenheit erfassen dieselbe Grösse. Sie lässt sich am besten mittels Befragungen messen. Die Ergebnisse in Freys Buch zeigen, dass sich das subjektive Wohlbefinden der Bevölkerung in den industrialisierten Ländern trotz steigendem Einkommen während der letzten fünfzig Jahren nicht verbessert, ja zum Teil gar verschlechtert hat – das so genannte "Easterlin-Paradox".

Weitere Studien konnten zeigen, dass die Haushalte dazu neigen, die Verbesserung ihres künftigen Wohlbefindens durch materiellen Wohlstand systematisch zu überschätzen. Aufgrund dessen fällen sie irrationale Entscheidungen und unterschätzen nicht-materielle Werte wie zum Beispiel ein funktionierendes soziales Netzwerk, Freizeit oder Sport. Daraus folgt, dass eine Politik, die alleine die Verbesserung des materiellen Wohlstands verfolgt, nur relativ wenig zur Verbesserung des Wohlbefindens beiträgt. Genau darum ist es besonders absurd, das Wohlbefinden künftiger Generationen – die unter den Folgen der Klimaveränderung zu leiden haben werden – oder auch der Mitmenschen, die unter verunreinigter Luft leiden, für eine allein auf materiellen Wohlstand fokussierte Entwicklung zu opfern.

Die Glücksforschung zeigt uns, dass sinnvolle Arbeit glücklicher macht und dass vor allem auch Investitionen zu Gunsten von anderen, also altruistisches Verhalten, zum subjektiven Wohlbefinden beiträgt. All dies sind weitere Gründe, warum auch die Politik bei der Maximierung des Wohlstandes die Nachhaltigkeit besser berücksichtigen müsste. Dass wir auf Kosten künftiger Generationen leben, ist nämlich weder sinnvoll noch altruistisch.

Bastien Girod ist dipl. ETH Umweltnaturwissenschafter und Doktorand an der ETH sowie Nationalrat der Grünen Zürich.

www.bastiengirod.ch

Die erste Kolumne von Bastien Girod

Die Politkolumne auf Students.ch

Kommentare
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akademiker 29.06.2009 um 20:00
Sehr richtig. Das sage ich allerdings als einer der Fans von Bruno S. Frey.
Die heutige Politiker-Generation bezahlt die aus Kitsch und Kommerz gebauten Traumlandschaften bereits heute mit der Kreditkarte künftiger Generationen. Anfang der 90er Jahre, also vor dem Amtsantritt von Kaspar Villiger als Finanzminister hatte der Bund etwas mehr als 40 Mia. CHF Schulden. Heute betragen die Staatsschulden 128 Mia. CHF. Während bald 20 Jahren werden enorme Schulden angehäuft, ohne nennenswerte Glücks- geschweige denn Produktivitätsgewinne unserer Gesellschaft.
Stellte die Schweiz in globalisierungsfernen Zeiten einst Schoggi, Sackmesser, Uhren, Käse, Kleider und Schuhe her, so hat es in der Schweiz heutzutage nur noch Banken - und auch die vielleicht nicht mehr lange. Sogar die einst stolze Schweizer Bahntechnik wird nur noch von einem Nischenunternehmer aus dem Thurgau (der ihrer Partei allerdings nicht so nahesteht ) bedient.
Da findet doch ein gewaltiger Niedergang statt. Man schaue doch nur mal in den Kanton St. Gallen oder in den Kanton Glarus: überall stehen ausgediente Fabrikhallen herum. Zeugen der einst glorreichen Schweizer Textilindustrie - die heute "aus Kostengründen" nach China verlagert wurde.
Irgendwo liegt unserem heutigen System ein gigantischer Denkfehler zugrunde. Nur merken das noch viel zu wenige.
Die Schweiz könnte sich als Herstellerland für nachhaltige Energie weltweit profilieren. Stattdessen werden nicht nachhaltige Banken mit Steuergeldern künstlich am Leben gehalten. Und sogar bei dieser Staatsinvestition wird ein Grossteil an geldgierige Manager ausbezahlt statt in ökonomisch sinnvolle Geschäfte. Auf diese Weise bereichern sich die Manager auch noch an der Krise.
Unsere Generation muss hier dringend umdenken: die Schweiz muss in den Bereichen Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt dringend wieder nachhaltig werden. Das geht allerdings nicht, indem die Politiker Steuergeld für Partikularinteressenten ausgeben, sondern indem die gesetzlichen Rahmenbedingungen verbessert und in vielen Bereichen erleichtert werden. Es fehlt in der Schweiz eben am "Change", den auch wir so dringend benötigen würden.