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22. Juli 2010, 14:54 Music Festivals

Nina Hagen @ Live at Sunset

Christina Ruloff - Yabadabadoooooooo! Gibt es etwas, was Nina Hagen nicht kann? Nach ihrem Konzert am Live at Sunset sind Zweifel angebracht – so stilsicher wechselt sie zwischen Gospel, Blues, Country und natürlich Punk hin und her; ihre neue Platte Personal Jesus ist klasse, Nina Hagen aber is...

Nina Hagen @ Live at Sunset
Yabadabadoooooooo! Gibt es etwas, was Nina Hagen nicht kann? Nach ihrem Konzert am Live at Sunset sind Zweifel angebracht – so stilsicher wechselt sie zwischen Gospel, Blues, Country und natürlich Punk hin und her; ihre neue Platte Personal Jesus ist klasse, Nina Hagen aber ist eine Klasse für sich.

Halb neun, gerade erst ist die Sonne hinter den Bäumen verschwunden, stapft Nina Hagen auf die Bühne. Und damit wir sie auch ja nicht verpassen, kommt sie im obligaten Nina Hagen – Look: Schwarze hochhakige Schuhe, schwarze Legins, schwarzes Röckchen, schwarzes Oberteil und auf dem Kopf ein wirres, grünes Etwas, was man respektvoll als Kopfschmuck bezeichnen könnte – die Hexe im Märchen nichts dagegen. Aber heute erschreckt die Fünfundfünfzigjährige in diesem Aufzug niemanden mehr. Das Publikum besteht aus gleichaltrigen Damen, die würdig gealtert sind mit entsprechender Milde auf ihr Jugendidol schauen. Dazwischen hopsen ein paar jüngere Semester, die nachholen wollen, was sie in den siebziger Jahren mit Unbehagen verpasst haben.

Hagen greift nach einem weissen Buch – der Bibel und beginnt zu zitieren. Das Zeug zur Predigerin hat sie schon immer in sich gehabt, nur waren manchmal die Botschaften etwas... fehlgeleitet (Ufos, Gurus, Spiritualismus...) Nun schreit sie Personal Jesus heraus und mit Johnny Cash und sogar Depeche Mode kann sie lang mithalten. Das ist für Nicht-Kenner vielleicht das Erstaunlichste: Egal ob sie Elvis oder Woodey Guthrie covert, es passt und man glaubt, sie hätte ihr ganzes Leben nichts anderes gemacht. Natürlich weiss man bei ihr nie so richtig, wie ernst es ihr ist – mit Jesus ist es ihr sehr ernst, aber mit dem Rest der Welt? Die Frau muss nur den Mund öffnen und irgendwas mit ihrer Quickstimme erzählen, und das Publikum lacht und strahlt. Aber das, ihr eklektischer Aufzug und ihr Sendungsbewusstsein sind genau, warum man die Frau so unterschätzt hat. Dabei ist sie eigentlich doch sehr bürgerlich, ja sogar intellektuell: Sie singt nicht nur Soldat, Soldat, das ist kein Spiel (von ihrem Stiefvater Wolf Biermann), sondern ebenso überzeugt und überzeugend zum Krieg in Afghanistan Das Trauerspiel von Afghanistan von Theodor Fontane („Mit dreizehntausend der Zug begann/Einer kam heim aus Afghanistan“) auch noch Goethes Veilchen - wenn das kein Beleg für klassische Bildung (und vielleicht sogar Zugehörigkeit zum verhassten Establishment) ist! Und damit der Schein trügt und man sie nicht doch zu ernst nimmt, teilt sie mit dem Publikum ihren „geilsten Traum“, wo ihr Elvis persönlich erschienen ist und sie gebeten hat, ein Konzert an seiner Stelle zu singen – was sie sehr gut gekonnte hätte. Dazwischen erzählt sie mit Märchenstimme die Geschichte von Jesus und dem Brunnen: „Wer von diesem Wasser trinkt, den wir wieder dürsten; wer aber von dem Wasser trinken wird, das ich ihm gebe, den wird ewiglich nicht dürsten; sondern das Wasser, das ich ihm geben werde, das wird in ihm ein Brunnen des Wassers werden, das in das ewige Leben quillt.“ Das Publikum grinst, es kichert, es staunt, es schweigt respektvoll und es ist begeistert. Zum Schluss gibt es nicht nur die coolste Version von „Ave Maria“, die man sich vorstellen kann. Es gibt auch nochmals richtig Punk. Was für ein Abend! Und wie zu bedauern diejenigen, die Nina Hagen am Live at Sunset verpasst haben!

Bild: Usgang.ch

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