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25. Juli 2010, 12:54 Music Festivals Interview

Joey DeGraw: "Radio ist für Zurückgebliebene"

Eray Müller - Singer/Songwriter Joey DeGraw spielte am Blue Balls Festival drei Kurzkonzerte vor einem begeisterten Publikum. students.ch traf Joey und seine Band zum Interview. Kurz vor 18 Uhr macht sich ein unscheinbarer Amerikaner mit einer Gitarrentasche auf den Weg zur kleinen Bühne vor ...

Joey DeGraw: "Radio ist für Zurückgebliebene"
Singer/Songwriter Joey DeGraw spielte am Blue Balls Festival drei Kurzkonzerte vor einem begeisterten Publikum. students.ch traf Joey und seine Band zum Interview.

Kurz vor 18 Uhr macht sich ein unscheinbarer Amerikaner mit einer Gitarrentasche auf den Weg zur kleinen Bühne vor dem Luzerner KKL. Ebenso unauffällig wird er von seinen beiden Bandkumpanen Andy Clayburn und Phil Cimino begleitet. Sie setzen sich hin und beginnen das Konzert. "Ich mag es unkompliziert, wir möchten authentisch sein. Es geht hier um Musik und nicht um eine Show." Die Authentizität nimmt man der Band ab. Joey DeGraw, der grosse Bruder von US-Rocker Gavin DeGraw weiss, was er will und geht keine Kompromisse ein. "Ich muss nicht von der Musik leben können. Ich mache, was ich will. Ich habe einen anderen Job, mit welchem ich Geld verdiene. Das ermöglicht mir, die Musik zu machen, die ich machen möchte. Ich bezeichne mich auch nicht als Sänger. Ich singe, weil ich meine Songs performen muss. Mein Bruder hingegen beispielsweise ist ein Sänger und muss Songs schreiben, damit er etwas singen kann."

Die enge Beziehung zu seinem Bruder wird oft thematisiert. "Ja, wir duschen sogar zusammen." Joey lacht und erklärt, dass seine Eltern sehr musikalisch sind und dass es nur natürlich war, dass auch sein Bruder und er Musik machen würden. Dass er selber in der glücklichen Lage ist, das zu machen, was er möchte, schätzt er sehr. Gleichzeitig erklärt er, dass er von vielen beneidet wird. "Ich kann mir schon vorstellen, dass es für viele nicht einfach ist. Viele haben Talent, werden aber nicht entdeckt. Sie schreiben grossartige Songs, die niemand hören möchte. Dann entscheiden sie sich, mit einer Plattenfirma zusammenzuarbeiten, die keine Ahnung von Musik hat. Die haben nur Interesse am Business, es heisst ja Musikindustrie. Es geht nur um Geld und nicht um Kunst. Natürlich gibt es überall Ausnahmen. Mark Knopfler zum Beispiel. Er ist ein guter Freund von uns. Er hat mit Dire Straits und auch mit seinen Solosachen Millionen von Alben verkauft, aber im Grunde genommen ist er immer noch ein Musiker, der es kaum erträgt, wenn er sich mit der Plattenfirma auseinandersetzen muss. Das hat einfach nichts mit Musik zu tun."

Joey ist überzeugt, dass es in der Musikbranche nicht nur um Grösse geht. "Du kannst auch an den kleinsten Shows Freude haben. Lieber vierzig Leute in einem halbleeren Club, die deine Musik mögen als ein volles Stadion, wo dich die Leute nicht sehen und miteinander quatschen. Schau dir die Dave Matthews Band an, die sind gut, aber einfach nicht mehr authentisch." Auf Produkte wie Lady Gaga, Katy Perry oder Rihanna angesprochen, meint Joey. "Die meisten kennen wir in Amerika nicht, vielleicht die Namen, aber die Musik interessiert niemanden. Es gibt viele Künstler, die in Europa gross sind, in Amerika aber keinen Erfolg haben. Umgekehrt gibt es bei uns auch Leute, die gut sind, aber hier niemanden interessieren. Gestern Abend haben wir hier Melanie Fiona gesehen, das war schrecklich. Die Songs sind schlecht und die Frau hat keine Stimme, aber anscheinend ist die bei euch ziemlich erfolgreich. Sie hat eine grossartige Band, die womöglich gut bezahlt wird, aber das ist alles nicht authentisch. Da wird irgendeine Band von einem Management gecastet. Wir aber sind alles Freunde und kennen uns seit Jahren. Wir machen das Ganze, weil wir es wollen. Wir nehmen in Kauf, dass wir die anderen jede Nacht schnarchen hören. Wir regen uns auf und merken am nächsten Tag aber wieder, wieso wir das machen. Wir lieben es einfach. Wir reisen um die Welt, spielen coole Konzerte und erleben die verrücktesten Sachen. Da spielt es keine Rolle, ob dich die anderen nerven. Das macht einfach Spass. Mein einziger Businessgedanke ist, dass ich meine Musiker fair bezahlen möchte. Ansonsten mache ich mir keine Gedanken ums Geld."

Joey findet in seinen Aussagen klare Worte, ohne aber überheblich oder arrogant zu wirken. Das Interview, welches eigentlich für kurze fünf Minuten angesetzt war, artet zu einem langen, spannenden Gespräch über Musik, Business und Kunst aus. "Du hast bestimmt tausend Fragen und wir plappern dich hier voll." Die Band lacht und verteilt Wodka-Shots, welche sie als "Minraaalwasa" bezeichnen und ich frage, ob die amerikanischen TV-Serien wie One Tree Hill das neue Radio seien. "Absolut. Radio ist für Zurückgebliebene. Niemand hört Radio, da läuft nichts mehr Schlaues. Auch bei MTV kommt keine Musik mehr. Jedesmal, wenn ich MTV einschalte, könnte ich kotzen. TV-Serien sind super. Sie platzieren deine Musik und plötzlich kennen dich unzählige Leute. Der Vorteil ist, dass du schnell bekannt wirst, der Nachteil, dass sie vielleicht nur wegen einem Song an ein Konzert kommen. Aber solange die Leute Spass an der Musik haben, spielt das keine Rolle."

Es ist neun Uhr, wir müssen das Gespräch langsam beenden, eigentlich müsste die Band bereits wieder auf der Bühne stehen. Leicht angetrunken packt das Trio ihre Sachen und macht sich auf den Weg zur Bühne. Das Publikum in Luzern finden sie super. "Hier hören die Leute zu. In Amerika interessiert sich niemand für Bands, die nicht gross angekündigt werden. Hier bleiben die Leute stehen und hören zu, auch wenn sie nur am Anstehen sind. Das macht Spass." Joey DeGraw muss in Europa nochmals von vorne beginnen, während er in den USA einiges bekannter ist. Die kurze Europatour ist hauptsächlich entstanden, weil Joey seine Fans gebeten hatte, ihm zu helfen und Gigs für ihn zu organisieren. Ein Blick in seine Touragenda verrät, dass ein paar schöne Gigs zusammengekommen sind. Er weiss aber auch, dass sein Americana-Sound hier weniger populär ist, aber dies scheint ihn nicht zu kümmern. "Ich mache ja Musik für Leute, die uns hören möchten und nicht für diejenigen, die uns nicht hören wollen." Eine gesunde, lockere Einstellung, die wahrscheinlich wirklich von vielen beneidet wird. Und eine Attitüde, die eher zu britischen Rockbands passt als zu amerikanischen Singer/Songwritern. Dann schnappt sich Joey seine Gitarrentasche und seine drei Kumpels und spielt das letzte von drei Sets. Die nächsten Wodka-Shots warten bereits in der Garderobe.

Aktuelle CD: Say Something Strong
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