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21. Oktober 2010, 01:02 Movie

180°- Wenn deine Welt plötzlich Kopf steht

Raphaël Rück - Cihan Inan hält der Schweiz den Spiegel hin. Seine Protagonisten haben unterschiedliche Herkünfte, reden verschiedene Sprachen, gemeinsam ist ihnen bloss, dass sie alle in Zürich leben, arbeiten, verkehren. An einem Amoklauf und einem Verkehrsunfall aufgehängt, ist der Plot e...

180°- Wenn deine Welt plötzlich Kopf steht
Cihan Inan hält der Schweiz den Spiegel hin. Seine Protagonisten haben unterschiedliche Herkünfte, reden verschiedene Sprachen, gemeinsam ist ihnen bloss, dass sie alle in Zürich leben, arbeiten, verkehren. An einem Amoklauf und einem Verkehrsunfall aufgehängt, ist der Plot eher konventionell. Doch hinter dem Katalysator verbergen sich zahlreiche Schweizer Komplexe wie die Aufbewahrung von Dienstwaffen zuhause oder wie Manfred (Michael Neunschwander) im Film erklärt: die ewige Dualität zwischen Haben und Sein...

Ähnlich wie L.A. Crash ist 180° die Erzählung mehrerer Geschichten, die alle miteinander verbunden sind. Was sich aber zunächst als Prolog vor den Augen des Zuschauers offenbart, sind Nahaufnahmen von Tapetenmustern und Alltagsobjekten, die beim einen oder andern Heimatgefühle aufflammen lassen werden. Dem Film gelingt es den Zuschauer in die Handlung einzubeziehen und löst von Anfang an eine starke Identifizierung mit den Figuren aus, denn sie alle sind Leute die wir kennen oder gekannt haben: Das ambitionierte Liebespärchen, die deutsche Akademikerfamilie oder noch die sich um ihre gesellschaftliche Integration bemühte türkische Einwandererfamilie. Ein namenloser Mann (Christopher Buchholz) gerät aus den Fugen und erschiesst seine Mitarbeiter. Ein Banker (Benjamin Grüter) und seine Freundin Esther (Carla Juri) begehren sich während dem Autofahren und überfahren zwei verliebte Jugendliche. Ohne es zu wollen treffen die Protagonisten aufeinander und ihr Leben wird von diesem Tag an nie mehr dasselbe sein.

Der Amoklauf, der durch die Schreckenstat des Amokläufers Günther Tschanun (1986) inspiriert worden ist, spielt sich eher am Rande ab, ist aber alles andere als unbedeutend. Die stark an Elephant erinnernde Schiesserei und vor allem die Szene, in welcher der Mörder einer Gruppe von Brakedancern begegnet, fahren wahrhaftig unter die Haut. Ob im Kiffrausch oder im Tanz suchen die Figuren Antworten auf existentielle Fragen und der Amoklauf verbildlicht diesen Zustand der Verzweiflung. Die Bildsprache ist ästhetischen und ungeschminkt. Die Musik, vom Tonhalle-Orchester Zürich gespielt, begleitet und verstärkt die Aussagen. Für ihre Arbeit wurde den Geschwistern Diego, Nora und Lionel Vincent Baldenweg der Preis der SUISA-Stiftung für die beste Filmmusik 2010 verliehen. Bei den Schauspielern glänzen vor allem die Österreicherin Sophie Rois (Deutscher Filmpreis 2009 für ihre Darstellung in "Der Architekt") und der Schweizer Michael Neuenschwander ("Nachbeben", "Grounding – Die letzten Tage der Swissair") in der Rolle eines deutschen Ehepaars. Doch auch das restliche Ensemble indem sowohl Laiendarsteller als auch der türkische Superstar Güven Kiraç (u.a. "Gegen die Wand" und "Soul Kitchen" von Fatih Akin) mitwirkten ist überzeugend. Auch wenn manchmal die Dialoge gar sehr inszeniert wirken, ist ihre Glaubwürdigkeit schwer abzuschätzen, denn schliesslich wagen sich die wenigsten Hollywoodregisseure an solche Krisensituationen.

Fazit: Ein soziologisch aussagekräftiger Film in dem sich heutige Schweizer wiederfinden werden. Verschiedene Weltsichten und Kulturen stossen aufeinander. Wie die Integrierung von Schweizer Rapliedern zeigt, der Film trifft den Nerv der Zeit. Sehr empfehlenswert!

Filmvorstellungen: Zurzeit ist der Film nur im Pathé Eldorado in Basel zu sehen.

Hier klicken für das Interview mit dem Regisseur: http://www.students.ch/magazin/details/45548/Interview-mit-Cihan-Inan-Regisseur-von-180?ref=blogpost-teaser-title

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