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26. Januar 2011, 15:34 Kultur Movie

Interview mit Katalin Gödrös

Christina Ruloff - Students.ch hat mit der Schweizer Regisseurin Katalin Gödrös über die Pubertät, die Schweizer Filmlandschaft und natürlich über ihren neuen Film "Songs of Love and Hate" (die Rezension findet sich hier) gesprochen; das Werk läuft ab Donnerstag in den Kinos!

Interview mit Katalin Gödrös
Students.ch: Die Adoleszenz ist in deiner Arbeit ein zentrales Thema: Warum?

Katalin Gödrös: Was mich fasziniert an der Pubertät ist dieser Grenzganz zwischen Kindlicher Fantasie und erwachsenem Verantwortungsbewusstsein. Körperlich ist Lilli erwachsen, alles an ihr strahlt Lust und Sexualität aus, aber der Moment der Kontrolle, das Abschätzen der Folgen, ist noch nicht in ihrem Bewusstsein. Das ist das kindliche Moment. Alles ist noch Spiel, wie die Schnecke am Anfang. Nur ist Lilli durch ihren Körper mächtiger, als es ihr gut tut. Im Prinzip rächt sie sich dafür, wie die "männliche" Außenwelt auf sie reagiert, sie für ihre Taten nicht zur Rechenschaft zieht, ihre immer wiederverzeiht, oder sich ihr nicht in den Weg stellt. Im Prinzip ist es ein kindliches Einfordern nach Grenzen. Und solange sich ihr niemand in den Weg stellt, nimmt sie sich, was ihr gerade verführerisch scheint.

Wie ist es dir gelungen, die Lebenswelt von Lili auch im Detail so realistisch darzustellen? Hast Du intensiv mit Teenagern gesprochen oder speist dein Drehbuch (auch) aus eigenen Erinnerungen?

Ich denke, im Detail werden sich, hoffentlich, viele Frauen in der Figur Lilli wieder finden, das sind Vorgänge, die in Ansätzen doch fast in jeder Familie vorkommen. Und das ist natürlich so. Damit meine ich nicht den begehrlichen Blick des Vaters, sondern das Zurückziehen, das Verstoßen aus dem kindlichen Paradies, das "zuschließen der Badezimmertür".

Der Ödipus-Komplex als Antrieb und Ursache für das Zersetzen der Familie ist altes Motiv, das in deinem Film neu zum Leben erweckt wird... Wie viel Freud steckt in deinem Film? Und sind die Theorien Freuds ­ deiner Ansicht nach ­ noch immer aktuell?

Wäre das nicht viel eher der Elektra Komplex? Aber ehrlich, ich kenne mich da zu wenig aus, habe Freud nie gelesen, weshalb ich hier nicht mit Halbwissen hantieren möchte. Im Prinzip geht es aber auch stark um den Begriff der Scham. Der Vaterunterdrückt sein Begehren, verwehrt sich den Blick, was er als guter Vater ja auch tun muss. Aber wie kann das Kind begreifen, dass es nicht mehr willkommen ist im Schosse der Familie? Niemand kann darüber reden, auch die Mutter nicht, es ist unaussprechlich. Aber dieses Schamgefühl des Vaters,dieses Schuldgefühl macht ihn ja im Endeffekt zum Komplizen seiner Tochter. Ich denke nicht, das man darüber reden kann, bin mir auch sehr unsicher, ob man es sollte. Somit stehen die Figuren in meinem Film einem unlösbarem Problem gegenüber, sie können gar nicht anders reagieren, eine Tragödie halt...

Schweizer Filme haben manchmal einen schweren Stand, vor allem im eigenen Land: Wie schwierig war es, diesen Film machen ­ von Drehbuch über Finanzierung zum eigentlichen Dreh?

Am schwierigsten war wahrscheinlich das schreiben. Am Anfang war das unheimliche Element viel stärker, ich war viel mehr von dem Genre des "Psychothriller" beeinflusst, aber mit der Zeit trat das viel mehr in den Hintergrund und die "einfache" "intime" Geschichte wurde zentraler. Das Finanzieren dauerte auch sehr lange. Aber trotzdem finde ich, dass die Schweiz durchaus über eine mutige Filmlandschaft verfügt. Und wenn ich mich umschaue, bin ich sehr stolz, dass es in der Schweiz auch so viele Frauen gibt die Regie führen (dürfen). Das ist gerade in Deutschland wieder sehrrückläufig. Leider.Gleichzeitig, gibt es aber auch tatsächlich die Tentenz, überaus kritisch mit den eigenen Filmen zu sein. Ein kleines bisschen beschleicht mich das Gefühl, dass ein Film, je erfolgreicher er im Ausland ist, umso kritischer wird er von der einheimischen Presse betrachtet. Aber vielleicht ist das einfach nur meine eigene Paranoia.

Du hast an der Filmakademie Budapest mit Schwerpunkt Produktion studiert ­ warum? Und warum hast Du ins Regiefach gewechselt?

Ich glaube, am Anfang hatte ich einfach Angst vor der Auseinandersetzung mit den eigenen Stoffen. Ich wusste, dass wird nicht einfach. Man ist ja sehr lange sehr einsam. Vor allem, wenn man selber schreibt. (Auch wenn ich mit tollen Co - autoren zusammen gearbeitet habe, mit dem Stoff ist manimmer allein) Ich wollte mehr mit anderen arbeiten, hauptsächlich im Team arbeiten, Es kann sein, dass mich das Bild des leidenden Künstlers abgeschreckt hat.Aber als ich dann eher zufällig, doch einen Kurzfilm gedreht, und mich ein Redakteur auf einen Langfilm ansprach, habe ich mich dann doch hingesetzt und ein Drehbuch geschrieben. So entstand "Mutanten".

KATALIN GÖDRÖS

Geboren 1969 in Zürich, nach der Matura über Alaska, nach Budapest an die Filmakademie (92-96), Schwerpunkt Produktion. Nach mehreren eigenen Kurzfilmproduktionen, unter anderen „Murder – They said!“ von Misa Györik, nach Berlin, wo sie zunächst als Produktionsleiterin für Spielfilme ("Sexy Sadie", "L'amour, l'argent, l'amour") tätig war, und schliesslich als Co-produzentin, Co-autorin für "Almost Heaven" (2005). Jetzt nur noch als Autorin und Regisseurin unterwegs. Neben zwei Kurzfilmen („Hurka“, „Play“), entstand zusammen mit dem kleinen Fernsehspiel der Spielfilm "Mutanten", der 2002 auf der Berlinale Premiere hatte. Eine "Coming Of Age" -Geschichte, über ein Mädchen, das davon überzeugt ist, daß der Rest der Welt, von einem "Gute Laune"- Virus befallen ist. 2004 führte Regie für das Schweizer Fernsehen bei dem Spielfilm "Lous Waschsalon" (Cobra-film AG). Nach Drehbuch und Regie für „Songs of Love and Hate“ arbeitet sie am Drehbuch zum Roman „Der Schwimmer“ (Zs. Bánk), welches ebenfalls unter ihrer Regie gedreht werden soll.

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