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9. Februar 2011, 15:17 FREE! - Background Interview

Thema: Die Frau in der «Pillen-Gesellschaft»

Andreas Rohrer - Vor 50 Jahren wurde die erste Pille zur Schwangerschaftsverhütung in Europa eingeführt. Es folgte ein halbes Jahrhundert geprägt durch die sexuelle Revolution und eine neue Unabhängigkeit der Frau. Wo steht die Frau heute und inwiefern hat die Pille die gesellschaftlichen En...

Thema: Die Frau in der «Pillen-Gesellschaft»
Vor 50 Jahren wurde die erste Pille zur Schwangerschaftsverhütung in Europa eingeführt. Es folgte ein halbes Jahrhundert geprägt durch die sexuelle Revolution und eine neue Unabhängigkeit der Frau. Wo steht die Frau heute und inwiefern hat die Pille die gesellschaftlichen Entwicklungen beeinflusst? Prof. Dr. Ueli Mäder, Professor für Soziologie an der Universität Basel, erklärt, dass die Frau der «Pillen-Gesellschaft» zwar unabhängiger und selbsbewusster ist – Rollenbilder und Klischees aber nach wie vor existieren.

von Andreas Rohrer

students.ch: Die Rolle der Frau in der Gesellschaft hat sich seit den 60er Jahren in den verschiedensten Hinsichten gewandelt. Was sind die Eckpfeiler respektive Hauptmerkmale dieses Rollenwandels?
Prof. Dr. Ueli Mäder: Das Fräulein ist passé. Und damit, zumindest symbolisch, das Verniedlichen der Frau. Frauen sind seit den 60er Jahren auf öffentlichem Parkett viel präsenter. Auch in der Politik und an Hochschulen. Und überhaupt im Erwerbsleben. Da steigt der Frauenanteil weiter an. Wobei in der Wirtschaft und leider auch bei uns in der Wissenschaft die oberen Etagen noch extrem männer-lastig sind. In einigen Verwaltungsräten, wie beispielsweise bei der Axpo, sitzt keine einzige Frau. Und die Rektorate der Universitäten sind ebenfalls eine Männerdomäne. Gleichwohl haben Frauen – gegen viel Widerstreben – ihre Funktionen und ihren Einfluss stark ausgeweitet. Das selbstbewusste Auftreten und Selbstverständnis macht den Rollenwandel aus.

Inwieweit hat die Erfindung und Einführung der «Pille» den Wandel der Frau beeinflusst? Ist sie eventuell sogar der Auslöser für die Entwicklung.
Ueli Mäder: Die Pille hat die Unabhängigkeit der Frauen weiter gefördert. Sexuell und in der Familienplanung. Das zeigt sich auch im Rückgang der Geburten. Kinder sind dank Pille weniger Schicksal. Aber die Pille ist nicht Urheber des Wandels. Frauen waren schon vorher eigenständig. Und sie benötigten diese Eigenschaft gerade nach Einführung der Pille umso mehr, weil nun viele Männer meinten, Frauen erst recht sexualisieren und als Objekt nutzen zu können.

In welchen ehemals «männerdominierten» Berufs- oder Ausbildungsfeldern haben Frauen zugelegt?
Ueli Mäder: Aus dem Kaufmann ist eine Büro- und Handelsfrau geworden, aus dem Sekretär eine Sekretärin. In den geisteswissenschaftlichen Disziplinen haben Frauen besonders zugelegt. Auch als Lehrerinnen an Volks- und Mittelschulen. In einzelnen Handwerken und naturwissenschaftlichen Berufen fallen Frauen noch besonders auf, weil sie hier in der deutlichen Minderzahl sind. So als Maurerin, Schreinerin, Schlosserin oder Physikerin.

Kann man heute noch von einer 2-Geschlechtergesellschaft im Sinne von festen Rollenbildern für Mann und Frau sprechen?
Ueli Mäder: Die Trennung ist heute viel weniger krass. Aber es gibt immer noch bestandene Zuschreibungen, was als männlich und weiblich gilt. Auf dem Titelbild des Basler Hochschulsports sind ein Mann und eine Frau abgebildet. Der Mann boxt, die Frau meditiert in Yoga-Pose.

Inwiefern ist ein Wandel bei Partnerschaften und Familien zu beobachten? Haben sich die dominierenden Partnerschaftsverhältnisse oder Kinderzahlen verändert?
Ueli Mäder: Das Zusammenleben ist wohl partnerschaftlicher geworden. Die Konditionen und Entscheide werden mehr gemeinsam ausgehandelt und festgelegt. Aber die Verteilung von Haus- und Erwerbsarbeit ist immer noch einseitig geregelt. Da hapert es nach wie vor. Trotz dem schon angesprochenen Rückgang der Kinderzahl, der ausgewogenere kooperative Arrangements eher vereinfachen könnte.

Heute ist für viele junge Frauen die Selbstverwirklichung wichtiger als Partnerschaft oder Familie. Steuern wir auf eine kinderlose Gesellschaft zu?
Ueli Mäder: Kinder beleben die Partnerschaft. Aber wie viele Kinder künftig zur Welt kommen, hängt vor allem auch davon ab, wie erwünscht sie sind und wie lebendig unsere Gesellschaft ist. Heute sind die städtischen Agglomerationen sehr kinderfeindlich. Die privaten Verkehrsmittel beherrschen den Raum. Kinderstätten sind rar. Ebenso Männer, die sich wie Frauen um Kinder kümmern. Das ist das Problem. Nicht die Selbstverwirklichung von Frauen, die auch für Kinder wichtig ist.

Ist das Label «Karrierefrau» heute angesehener und zeitgemässer als das Label «Mutter»?
Ueli Mäder: Das Label wechselt, je nach gesellschaftlichem Kreis, in dem wir uns bewegen. Tendenziell feiern Mütter eher wieder ein Comeback. Aber das ist stark ideologisiert und unterschiedlich motiviert. Die einen propagieren Mütter, die wieder möglichst ganz zum Herd zurück finden. Andere favorisieren jene Mütter, die gleichzeitig Karriere machen oder wenigstens noch zu achtzig Prozent erwerbstätig sind. So oder anders, Mütter müssen omnipotent oder zumindest im Haushalt omnipräsent sein. Dann werden sie vielleicht Wert geschätzt.

Neben der «starken Frau» spricht man immer wieder vom «schwachen Mann». Hat sich auch die Rolle des Mannes in der Gesellschaft verändert?
Ueli Mäder: Männer reflektieren ihre Rolle kritischer als vor 68. Teilweise dank der Frauenemanzipation. Und auch aus freien Stücken. Menschen sind lernfähig. Zum Glück. Wir lernen zwar von Kindesalter an, wie wir von vermeintlichen Schwächen anderer profitieren können. Und das korrumpiert uns. Das unterläuft auch die Solidarität. Aber wir machen auch die Erfahrung, dass es interessanter ist, wenn alle gut, stark und selbstbewusst sind.

Prof. Dr. Ueli Mäder ist Professor für Soziologie an der Universität Basel und der Hochschule für Soziale Arbeit. Er leitet (im Team) das Institut für Soziologie und das Nachdiplomstudium in Konfliktanalysen.

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