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11. April 2011, 14:54 Konzert Music

In Extremo: Rasend Herz und Feuer im Volkshaus

Patrick Holenstein - Wenige Bands geniessen derart unterschiedliche Vorschusslorbeeren wie In Extremo. Die einen verdrehen schon fast angewidert die Augen, so schlecht sei die Band live, andere loben sie in den Himmel. In Zürich waren In Extremo dem Himmel sehr nah.

Nicht nur, wenn es um die Qualität geht, bewegten sich die sieben Musiker in anderen Sphären, auch stilistisch. Gleich zu Beginn schwebte der fliegende Abenteuerspielplatz, der das Cover zur aktuellen Platte, Sterneneisen, ziert, über ein Leintuch, dass die Bühne verdeckte. Als der aviatische Flohmarkt mitten auf der Leinwand stillstand, sausten drei Flammen vom Balkon her zur Bühne, rissen das Leintuch zu Boden und so war der Weg für In Extremo frei. Mit Sterneneisen starteten Das letzte Einhorn, wie sich Sänger Michael Robert Rhein auf der Bühne nennt, und seine Kumpanen in die Show. Während des Konzerts fielen zwei Dinge besonders auf. Die vielfältigen Instrumente und die technischen Innovationen.

Zuerst zur Musik. In Extremo sind bekannt für Dudelsäcke und mittelalterliche Klanggeräte. Was war da alles dabei: die unterschiedlichsten Flöten, dann Hackbrett und Harfe, eine Schalmei und zum Teil selbst gemachte Sackpfeifen. In besonderer Erinnerung blieb aber ein Perkussionsstern, den Dr. Pymonte alias André Strugala bediente. Man muss sich einen siebenzackigen Stern vorstellen, über den feine Metallstangen verlaufen. Auf diesen hämmerte Dr. Pymonte sanft mit einem Schlägel und erzeugte filigrane Klänge, die sich in die ansonsten druckvolle und wuchtige Musik von In Extremo einnisteten und so beachtliche Facetten erzeugten. Daneben schien die Band technisch sehr interessiert. Mal abgesehen von den diversen, sehr gut versteckten und den Mann von der Berufsfeuerwehr arg ins Schwitzen bringenden schwarzen Kästchen, die Feuer spuckten, waren die Kameras bemerkenswert. Vor der Bühne und rund um das auf einer Erhöhung positioniert Schlagzeug herum waren Schienen verlegt, wie man sie in grösserer Ausführung von Filmsets kennt. Darauf flitzten kleine Kamerawägelchen eifrig umher und lieferten Bilder auf den Screen. Weil die Kameras sich in alle Richtungen drehen liessen, konnten von allen Seiten Bilder der Band gemacht werden. Clever gelöst und das funktionierte auch auf der engen Bühne im Volkshaus prächtig.

Und das hat sich dann auch gelohnt. Ob das die beiden Dudelsackbläser waren, die voller Freude gemeinsam tanzten. Oder Dr. Pymonte, der das Intro zu Vollmond nur mit der Unterstützung des Publikums und im Rosenblätterregen sang und so einen Hauch von Romantik zauberte. Specki T.D., der präzise die Felle bearbeitende Schlagzeuger, war an diesem Abend eine sichere Festung und Das letzte Einhorn ist ein Profi, das zeigte sich an der Kommunikation mit dem Publikum. Ober er nun vier vermeintlich coole Junges in der ersten Reihe des Balkons, alle sonnenbebrillt und die Hände verschränkt, fragte, ob sie sich langweilen oder ob er etwas später aufrichtig der Crew für ihre Hilfe dankte, als Frontmann wirkt er sehr greifbar und glaubhaft. Als er mit den Worten "wir möchten mit euch auf das Leben singen. Das Leben ist wunderbar!" in den Song Aufs Leben einstieg, war klar, dass das Stück zum Triumphzug für eine extrem charismatische Band und zum Abschluss für ein vielseitiges Set werden würde..

Die zweite Zugabe, Rasend Herz, kann direkt als Synonym für die Energie gesehen werden, die In Extremo in den Menschen entfachten. So mancher Lebensmuskel in der pogenden Menge war bestimmt ebenfalls am rasen – egal ob mitten in der Wall of Death oder als Beobachter am Rande. Schliesslich endete mit Omnia sol temperat und sehr, sehr viel Feuerzauber ein wuchtiges und mit subtilen Klangspielereien angereichertes, grossartiges Konzert.

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