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2. Juli 2011, 00:24 Kultur

Der Live-Roman im Bahnhof

Gregor Schenker - Vor kurzem berichteten wir über das Projekt "CiudadesParalelas/Parallele Städte". Dieses Mal besuchte students.ch den Bahnhof Hardbrücke, um sich Mariano Pensottis Segment "Sometimes I think, I can see you" anzusehen. Was nicht ganz risikofrei war …

Der Live-Roman im Bahnhof
Schon bei Dominic Hubers "Haus (Prime Time)" waren die Zuschauer nicht bloss Voyeure, sondern wurden gleichfalls beobachtet (oder gar fotografiert). Bei "Bahnhof (Sometimes I think, I can see you)" war’s sogar noch heikler: Vier Schriftsteller haben sich mit ihren Laptops im Eingang zum Bahnhof Hardbrücke eingerichtet, wo sie die Leute beobachtet und über sie geschrieben haben; ihre Sätze wurden zeitgleich auf Leinwände projiziert. Wer also Pech hatte, wurde live zum Untersuchungsgegenstand, nicht nur für den Schreiber, sondern auch für die anderen Beobachter. Manch einer, der grade auf den Zug eilte, bekam das nicht einmal mit, andere stellten mit Entsetzen fest, grad Zentrum der allgemeinen Aufmerksamkeit geworden zu sein; ich zum Beispiel wurde, kaum dass ich vor Ort war, prompt das Opfer von Eva Rottmann ("Unter jedem Dach (ein Ach)").
So analysierten, assoziierten oder fabulierten Rottmann und Co. fleissig vor sich hin. Ab und zu gab’s Versuche, dem Publikum Anweisungen zu erteilen, die Leute waren bei deren Umsetzung aber eher zurückhaltend; zu sehr war man verschüchtert, sobald einen der erbarmungslose Blick der schriftstellerischen Lupe erwischte.

Die Laptop-Täter waren aber ebenfalls Beobachtungs- und mitunter sogar Zielobjekt, wenn sich etwa eine junge Frau von Peter Stamm ("An einem Tag wie diesem") Glückwünsche für die bestandene LAP ihrer Freundinnen wünschte oder Plakatkleber Anna Papst ("Summer is a state of mind") für Werbezwecke missbrauchten. In ganz seltenen Fällen gingen die Schreiber auch aufeinander ein, wenn beispielsweise Gerhard Meister ("Mieschers Traum") sich öffentlich dagegen entschied, über die Mode der Vorbeilaufenden zu schreiben, nachdem sich Stamm ein bisschen über das Kleid einer ahnungslosen Passantin lustig gemacht hatte. So hatte der ganze Abend einen spielerischen Charakter; einzelne Versuche von explizitem Tiefsinn gingen zum Glück schnell wieder vorüber.

Wie die anderen Teilprojekte von "Ciudades Paralelas/Parallele Städte" wurde auch das von Mariano Pensotti bereits in Berlin, Buenos Aires und Warschau umgesetzt; die Aufzeichnungen kann man sich auf der offiziellen Website ansehen. Ähnlich wie bei "Haus (Prime Time)" nahm man auch hier die Frage mit nach Hause, was für Lebensgeschichten sich wohl hinter all den Leuten verbergen, denen man täglich flüchtig begegnet (und das nicht nur am Bahnhof). Aber man durfte auch ein bisschen über das Verhältnis zwischen Künstler, Publikum und Mitzuschauern nachdenken – und stellte fest, dass ein Theaterbesuch nicht immer ganz ohne Risiken ist.

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