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5. September 2011, 00:00 Movie

Jane Eyre

Christina Ruloff - Leid, Leidenschaft und Romantik: Die neue Kino-Adaption von Charlotte Brontës Klassiker führt die junge Generation an eine wunderschöne Geschichte heran. Weniger Kerzen, weniger Gewitter und weniger Filmschnitte hätten die Story allerdings intensiver gemacht.

Jane Eyre
„Jane Eyre“ ist einer der grössten und vor allem beliebtesten Klassiker der englischen Literatur; entsprechend häufig wurde der Roman schon verfilmt (siehe unten). Jane Eyre anno 2011 zwängt die ganzen 400 Seiten in 120 Minuten und zwar ohne Handlungsstränge zu kürzen oder Akzente zu setzen – und rast durch die Handlung.

Das passt zu Cary Fukunaga, dem Regisseur von Sin Nombre; seine Handschrift ist deutlich zu spüren, wenn er in fantastischen Landschaftsaufnahmen mit düsterem Wolkenhimmel schwelgt, Jane und Rochester in die Dunkelheit vor ein wild flackerndes Kamin setzt oder die Heldin in Gewittern ersäuft. Die Fantasie des Regisseurs und seines Kameramanns Adriano Goldman kennt kaum Grenzen, wenn es darum geht schöne und eindrückliche Bilder zu produzieren. Nur führt das mit der Zeit zur Überreizung des Zuschauers und lenkt zugleich vom Wesentlichen an – der Geschichte einer jungen Frau, die zu sich selber findet und dabei noch ihre grosse Liebe rettet.

Gone with the myst: Mia Wasikowska macht als Jane Eyre einiges mit.

Mia Wasikowska wie vor allem Michael Fassbender haben nicht nur Talent, sondern eignen sich wirklich, Jane und Rochester zu verkörpern. Das Drehbuch lässt ihnen aber zu wenig Zeit Interesse oder gar Leidenschaft für einander zu entwickeln. Erst als es scheinbar schon zu spät ist, tauen die beiden auf: Die Szene in der Rochester Jane überreden möchte, doch (und ohne Trauschein!) mit ihm zu leben, ist wohl die schönste im ganzen Film – und keine Frau aus dem Jahre 2011 könnte widerstehen. Es sind denn auch die Details, die diese Version spannend machen: Rochesters Ungeduld in der Kirche und sein spontaner Wutanfall sind grossartig; wie Jane ihren unangenehmen Cousin St. John abfertigt und tut, was sie allein für richtig hält, ist ganz stark. Die Dialoge wären toll, wenn sie nicht so arg „verschnitten“ wären. Man kommt sich vor wie bei einem Tennismatch, so häufig wird zwischen Jane und Rochester hin- und hergewechselt.

"Do you find me handsome Miss Eyre?" Hat inzwischen einen grossen Fanclub: Michael Fassbender

Weniger Handlung hätte dieser Adaption sehr gut getan; vielleicht wäre dann mehr Spielzeit für das schockierend abrupte und unbefriedigende Happy Ending geblieben. Dass der Film dennoch sehenswert und unterhaltsam ist, liegt nicht zuletzt an den Darstellern (Judy Dench, Sally Hawkins und Jamie Bell in Nebenrollen) und natürlich am grossartigen und zeitlosen Roman!

Best of der anderen Jane Eyre-Verfilmungen

Der Klassiker (1943): Orson Welles’ Rochester erschreckt nicht nur Joan Fontaine, sondern auch das Publikum, Thornfield hat den Charme eines Geisterhauses. Der Schwarz-Weiss-Streifen ist „as Gothic as it can get“!

Die Leidenschaftliche (1997): Obwohl extrem kurz und auf die Lovestory fokussiert, entspricht diese Version wohl am ehesten Charlotte Brontës Ideal: Ciaràn Hinds und Samantha Morton sind zwar nicht schön, nehmen aber kein Blatt vor den Mund: Dieses Paar „rockt“!

Die Pop-Soap-Opera (2006): 202 Minuten schön ist dieses BBC-Drama und Rochesters Versuche, Jane für sich zu gewinnen, sind nicht mehr ganz jungendfrei: „I want a wife to share my bed every night. All day if we wish.“ Sei’s drum! Diese Jane Eyre macht riesig Spass.

Die Werktreue (1983): Im Kammerspiel in 11 Episoden und 239 Minuten ist wirklich das ganze Buch drin; obwohl fürs Fernsehen und alt... die Chemie zwischen Timothy Dalton und Zelah Clarke stimmt!

Das Waisenhausdrama (1996): Nirgendwo sonst wird die furchtbare Kindheit Janes derart plastisch in Szene gesetzt. Die ersten 30 Minuten berühren stark, die Liebesgeschichte ist aber von gepflegter Langweile, und zwar obwohl Charlotte Gainsbourg mitspielt.

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