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25. Juli 2011, 07:34 Kolumnen

Shots no. 31: Der lateinamerikanische Traum

Dominik Mösching - Während die Favoriten reihenweise straucheln – Argentinien und Brasilien an der Copa América, USA und Europa im Währungswettbewerb – mache ich mich wieder auf in Richtung Nordamerika. Und versuche zu erfassen, wie die Welt im Süden und aus der Sicht des Südens aussieht.

Shots no. 31: Der lateinamerikanische Traum
Nur Geduld: Vielleicht realisiert er sich irgendwann, der lateinamerikanische Traum – wie die Hoffnung auf einen Fisch aus dem Río de la Plata bei Buenos Aires.

Mit "Lateinamerika" verhält es sich wie mit den Begriffen "Europa" oder "Afrika". Sie wecken Assoziationen, die über die Geografie kontinentaler Umrisse hinausgehen und gewisse Gemeinsamkeiten ihrer Bewohner deutlich machen sollen. Das sind manchmal positive, manchmal negative Merkmale - und immer einfältige Klischees. Man werfe in Europa nur einmal das Stichwort "Latino" in die Runde. Es wird "Salsa", "Palmen", "Strand" und "Leidenschaft" zurücktönen. Traumhaft! Die edlen Wilden, die in den weltweiten Glücksrankings trotz Armut unerklärlich weit oben stehen und lieber feiern anstatt zu arbeiten. Was soll man sagen? Schreiend falsch.

Ja, die Länder Südamerikas verfügen über Millionen von Improvisationstalenten, die stärker aufs Heute bezogen sind als strukturierte Mitteleuropäer. Aber das liegt schlicht daran, dass Wirtschaft und Politik und damit auch Leben und Karriere viel weniger planbar sind. Der Alltag ist für die meisten rastlos, häufig steht das Wasser bis zum Hals, und angesichts vieler geschlossener Türen ist Kreativität eine angemessene Lebensstrategie. Ja, familiäre und informelle Bindungen sind stärker. Was würden wir denn tun, wenn es zu wenig Arbeit gibt oder für den Krankheits- oder Altersfall keine Versicherung existiert? Anklopfen bei Papi und umgekehrt auch mal den Cousin über Wasser halten.

Ja, es gibt Salsa, Palmen, Strand und Leidenschaft. Aber Salsa wurde in New York zusammengemischt, und von Palmen und Strand wissen die Dschungelbäuerin, der andine Minenarbeiter oder der kolumbianische Cowboy aus den Llanos Orientales weniger als die Schweizerin, die in wenigen Stunden am Mittelmeer ist. Lieber feiern als arbeiten? Man sage das jemandem, der dreizehn Tage am Stück im Büro arbeitet, alle zwei Wochen den Sonntag frei hat und zehn Tage Ferien im Jahr. Und für einen Flug nach Europa zwei Monatslöhne hinblättern und noch einmal das Doppelte auf dem Konto vorweisen müsste, um schon nur ein Touristenvisum zu kriegen. Wie wenn die Leute hier von nichts anderem träumen würden, als irgendwo im Norden illegal unterzutauchen.

Vielmehr möchten sie endlich ernst genommen werden von uns, den Ländern aus den Hochglanzprospekten. Nach ihrer Version der Geschichte gefragt werden. Erzählen, wo sie tatsächlich so etwas wie eine gemeinsame lateinamerikanische Erfahrung sehen - das hat viel mit Kolonialismus und Imperialismus, aber wenig mit Bailar und Fiesta zu tun - und warum ein argentinischer Porteño trotz alldem wenig mit einer andinen Peruanerin oder einem Karibikküsten-Venezuelaner gemeinsam hat. Etwa so viel wie eine Süditalienerin mit einem Schotten oder einer Lettin. Warum nicht einfach mal zuhören? Statt immer nur mit unseren Antworten einzufahren, ob wir es nun gut meinen oder nicht?

Natürlich: Ich habe die meiste Zeit in Buenos Aires verbracht, das zwar Schmelztiegel Südamerikas ist und so die kontinentale Perspektive in ihrer ganzen Breite abbildet, aber in vieler Weise doch nicht ganz dazu gehört und gehören will. Man ist relativ wohlhabend und wird nicht müde, das europäische Vermächtnis zu betonen. Auch wenn es natürlich längst nicht mehr nur nach Pizza, Pasta und den grossen argentinischen Grillgelagen namens Asado riecht, bei denen bis in die frühen Morgenstunden geschlemmt und viel guter Rotwein getrunken wird. Angesichts der Bolivianer, Paraguayos und Chinesen finden kulturell Herausgeforderte aber gerne Halt in der Tradition, und so verwandelt man die früher Zugewanderten in die "eigentlichen" Argentinier. Die Sehnsucht nach den alten Zeiten als Basisgefühl.

Und so werden die Welt, Lateinamerika und Argentinien durch unzählige imaginäre Grenzen ständig in unendlich viele Einheiten aufgeteilt. Sie sind vielleicht fürs Gelingen eines lustigen Witzes nützlich, sollten aber letztlich unwichtig dafür sein, ob man sich nun mit jemanden persönlich versteht oder nicht. Denn die kleinste mögliche Identifikationseinheit ist keine Gruppe. Es ist die andere Person als Individuum.

Leben, lieben, lachen, weinen, fluchen, staunen, suchen, ankommen: Wir haben alle die gleichen Leidenschaften. Die gleichen Träume. In Lateinamerika, in Europa und überall auf der Welt. Eine Schande, dass die Bedingungen immer noch so unterschiedlich sind, um sie zu verwirklichen.

 Die gleichen Leidenschaften: Die Murga, der rioplatensische Karneval mit angeblich Kölner Wurzeln.
Die gleichen Leidenschaften: Die Murga, der rioplatensische Karneval mit angeblich Kölner Wurzeln.

Die gleichen Faszinationen: Beeindruckende Iguazu-Fälle.
Die gleichen Faszinationen: Beeindruckende Iguazu-Fälle.

Die gleichen Routinen: Einkaufen gehen in Brasilien.
Die gleichen Routinen: Einkaufen gehen in Brasilien.

Das gleiche Erbe: UNESCO-Städtchen Colonia de Sacramento, Uruguay.
Das gleiche Erbe: UNESCO-Städtchen Colonia de Sacramento, Uruguay.

Die gleichen Gelage: Asado in Rosario, Argentinien.
Die gleichen Gelage: Asado in Rosario, Argentinien.

 Die unterschiedlichen Bedingungen: Kongress in Buenos Aires, nach dem Vorbild desjenigen von Washington.
Die unterschiedlichen Bedingungen: Kongress in Buenos Aires, nach dem Vorbild desjenigen von Washington.

Bisherige Shots From the Road findest du hier.

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