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24. August 2011, 14:46 Kolumnen

Das Bestreben des Vertriebenen

- Die höchste Form der Integration ist die Mehrwert schaffende Verschmelzung zweier Mentalitäten. Hasan T. ist ein kleiner Melting Pot, der die Mentalität seiner alten Heimat Bosnien, mit der seiner neuen Schweizer Heimat verbindet. Ein Einblick.

Das Bestreben des Vertriebenen
Es ist Punkt 7:45, der Zug aus Solothurn erreicht sein Ziel, den Zürcher Hauptbahnhof. Hasan T. steigt aus und schließt sich der allgemeinen und allgegenwärtigen Hektik des Hauptbahnhofs an. Eilig hetzt der junge Pendler zur Universität Zürich, denn die Zeit ist knapp und er möchte auf keinen Fall zur Vorlesung zu spät kommen. Hasan T. ist ein fleißiger Student, dass erste Semester hat er mit Bravour gemeistert. „Pünktlichkeit und die Erkenntnis, dass ohne Fleiß nichts geht, das habe ich früh in der Schweiz gelernt, und diese Eigenschaften habe ich hier übernommen. „Schaden tut es mir ja nicht, oder ? “, sagt er und lächelt dazu süffisant.

Obwohl er in Solothurn lebt, pendelt er immer nach Zürich und verbringt somit jeden Tag ca. drei Stunden im Zug. „Ich wollte unbedingt nach Zürich, denn die Universität gehört zu den Besten für Wirtschaft. Natürlich wäre es für mich einfacher in Bern, oder in Basel zu studieren, aber in Hinblick auf meine Zukunft, ist Zürich die beste Wahl“. Selbst die lange Fahrt sieht er nicht als problematisch an. „Die Zugfahrt nutze ich dann, um weiter zu lernen. Ein Zimmer in Zürich ist finanziell nicht machbar, von daher muss ich mich den Gegebenheiten anpassen und daraus das Beste machen“.

Der junge Solothurner hatte es nicht einfach in seinem Leben, schließlich ist seine eigentliche Heimat, der junge Balkanstaat Bosnien und Herzegowina. Geboren wurde er in der Stadt Mostar, die Weltberühmt für ihre alte osmanische, wunderschön geschwungene Brücke ist, die damals eine herausragende symbolische Bedeutung hatte, die in Literatur und Kunst mündete. Der „stari Most“ (zu Deutsch: Alte Brücke) wie die Brücke liebevoll in Bosnien genannt wird, stellte eine Verbindung zwischen Orient und Okzident dar. Im Krieg wurde die Brücke im Jahre 1993 vom kroatischen Militär zerstört, aber 2004 wieder originalgetreu aufgebaut. Doch das Wahrzeichen von Mostar hat seine Seele verloren, denn in Mostar gibt es nicht mehr das, was die Brücke früher symbolisieren konnte. In der geteilten Stadt leben nun Katholiken und Muslime nebeneinander, isoliert durch den Fluss Neretva. Durch dieses gesellschaftliche Armutszeugnis, hat auch die Brücke ihren Glanz verloren und wirkt in ihrer eigentlichen Funktion verstümmelt, denn der „Stari Most“ war schon immer mehr als eine normale Brücke. Jetzt ist es nur noch ein Konstrukt, welches die Neretva überspannt und ein Katalysator für die Gedankenwelt, der vielen Nostalgiker.

Nostalgie ist für den jungen Studenten der Wirtschaft fremd, denn seine Erinnerungen sind nicht für Nostalgie geeignet. Hasan T. wurde 1990, also kurz vor Beginn des Krieges in Mostar geboren und stellt somit die letzte Generation Jugoslawiens dar, ein Auslaufmodell also. Erst 1994 kam er mit seinen Eltern in die Schweiz, wo für ihn das eigentliche Leben erst begann. An den Krieg kann er sich nicht sonderlich gut erinnern, wahrscheinlich will er es auch nicht, aber zwei Dinge haben sich in sein Herz eingeprägt, zwei Momente die er nie vergessen wird. „Ich kann mich an vieles nicht erinnern ausser, wie die Granaten einschlugen und ich mit meiner Mutter im Bunker hockte, und nur eine Hoffnung hatte: Keinen weiteren Granateneinschlag zu hören. Des Weiteren kann ich mich noch gut daran erinnern, als mein Vater aus dem Gefangenenlager freigelassen wurde und ich mit meiner Mutter auf ihn wartete. Als ich ihn sah, war ich mir nicht mal ganz sicher, ob es mein Vater war. Ich sah nur eine Silhouette, die ihm ähnlich erschien. Ich sah einen ausgehungerten, dürren, vollbärtigen Mann. Und als er vor mir stand erkannte ich ihn. Es war mein Vater ".

Weder er, noch sein Vater reden gerne über die durchlebten Jahre in den Wirren des blutigen Krieges. Die Narben sind sehr ausgeprägt und allgegenwärtig, aber die Narben machten ihn und seine Familie stark. Diese Stärke war von Notwendigkeit, schließlich mussten sie sich schnell in einer neuen Welt zurechtfinden und parallel das Durchlebte verarbeiten. „Was jetzt gilt ist das Hier und Jetzt“ schildert mir Hasan, in einem überzeugend selbstbewussten Ton. Integration waren ihm und allen voran seinen Eltern sehr wichtig. Ausserordentlich schnell lernte Hasan die Sprache und kam in seiner neuen Umgebung gut zurecht. „Was auch an der Unterstützung der vielen Schweizer liegt, worüber ich ihnen noch heute sehr dankbar bin“. Die Eltern lernten ebenfalls schnell die Sprache, sowohl Hochdeutsch, als auch Schweizerdeutsch.“Zwar spricht meine Mutter nicht ganz so gut Deutsch wie ich, oder mein Bruder, aber sie ist bemüht und es reicht, um die Sprachbarriere zu überwinden, dass ist das wichtigste“.

Hasan hat noch einen jüngeren Bruder, der eine Lehre bei einer regionalen Bank absolviert und nebenbei leidenschaftlich Fußball spielt. Diese Leidenschaft ist wohl familiär, denn Hasan T. ist noch Schiedsrichter nebenbei. Ich frage mich, wie Hasan T. das alles unter einen Hut kriegt ? Worauf er meine Frage mit einem Lachen erwidert. „Ich bin halt ein Schweizer, mit bosnischem Ursprung, ich kann das, denn aus Bosnien kommt meine Eigenschaft, niemals aufzugeben, immer zu kämpfen. Und hier habe ich gelernt, geduldig, diszipliniert und kontinuierlich zu arbeiten.“

Diese Kombination, welche zugleich ein Sinnbild für erfolgreiche Integration darstellt, ist sehr erfolgsversprechend und ich merke, dass die Brücke von Mostar doch nicht verstümmelt ist ihn ihrer symbolischen Funktion.Einen Funken dieser symbolischen Bedeutung trägt Hasan T mit sich, denn er verbindet die bosnische mit der schweizer Mentalität, genau wie die alte Brücke von Mostar, den Okzident mit dem Orient.

Sakib Mehanovic

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