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11. Oktober 2011, 22:53 Campus Kultur students.ch

Jeder ist irgendwer

Annekatrin Kaps - Zwischenhalt nennt das Neue Theater am Bahnhof ihr circa dreijähriges Exil in der ehemaligen Druckerei Arlesheims. Durch mehrere Räume und ein Archiv der Erinnerungen wurden die Besucher der ausverkauften Premiere von Taboris „Mutter Courage“ geführt, danach gab’s pot-a-feu, von ihr selbst gekocht.

Jeder ist irgendwer
Das geräumige Souterrain lädt zum stöbern ein, alte Lederkoffer stehen malerisch im Durchgang, in einer Nische liegen Anzüge unter Nähmaschinen. Sehr spezielle sind darunter, weissblau gestreifte in etwas dickerem Stoff. Die dazu gehörenden gelben Sterne liegen direkt daneben. Überall Fotos, Alben in denen man blättern kann und neben Stadtansichten auch Auschwitz findet oder einen Schnappschuss vom Führer. Alles Theaterattrappen, erfahre ich später, das Telegramm, das im ungarischen abgeschickt über eine erfolgreiche Deportation mit genauer Anzahl der beteiligten Juden Auskunft gibt, die Bittgesuche eines Dr. Simons nach New York stammen aber aus dem Sperrmüll in Lörrach.

Im hintersten Raum läuft ein Video, dass ein Interview mit der hochbetagten Mutter des Regisseurs Georg Darvas zeigt, auch sie entkam durch einen ähnlichen Zufall wie Taboris „Mutter Courage“ der Vernichtung in Ausschwitz.

Enger zu stehen werden wir autoritär immer wieder aufgefordert, dass dichtgedrängte Publikum amüsiert sich und strebt zusammen. Über eine Treppe geht es nach oben, den Abmarsch überwacht Darvas höchstpersönlich, im feingerippten weissen Unterhemd mit verschränkten Armen schaut er grimmig zu.

Aber über Parallelhandlungen zerbricht sich jetzt keiner den Kopf.Man verteilt sich im lindgrün gestrichenen Saal, der den Charme eines in die Jahre gekommenen Spitals verströmt, aufs ehemalige Kinogestühl. Eine ältere, gutaussehende Dame im schwarzen Kleid mit lila Strickjacke und sorgfältig frisierten Haaren legt am Tisch Patiencen. Ein grosser Mann mit schwarzen Haaren, salopp elegant in beige und schwarz gekleidet, fängt an zu erzählen.

Es ist die Geschichte einer Mutter (mit grossartiger Würde von Nikola Weisse gespielt), die feingemacht zum Rommé spielen ausgeht. Eine Geschichte, die schon so oft erzählt wurde, dass es wichtig ist, ob der Hut eine weisse Krempe hatte oder ob es ein Apfel in ihrer Handtasche war. Und eine Geschichte, die so unwahrscheinlich ist, dass sie nur langsam mit grösster Genauigkeit erzählt werden kann. Eine Geschichte, die eine unwahrscheinliche Wendung wegen zweier wundervoller blauer Augen nimmt.

Bis klar ist, was sie nun wirklich an jenem verhängnisvollen Sommertag trug, hat sie bedächtig Möhren und Zwiebeln geschnitten, Wasser aufgesetzt, ein Stück Rindfleisch dazugetan und mehrmals resigniert geseufzt. „So ist das Leben!“

Zwei alte, ungeschickte Polizeibeamte, die beide nach ihrer Pensionierung wieder einberufen werden und Elsa Tabori zwar auf der Strasse verhaften, doch nicht mehr mit ihr auf die Strassenbahn ausspringen können, hören sich noch amüsant an. Die Perspektivlosigkeit der älteren Dame, die sie schliesslich bewegt, auf die Beiden zu warten, schon weniger. Die willkürlich aus dem Bett geholten, in Schulen und Synagogen verhafteten Menschen schon gar nicht, die nun auf dem Budapester Westbahnhof zusammengetrieben werden.

Videoaufnehmen von Menschen flimmern über die Wände, Stimmengewirr begleitet uns auf dem Weg in einen grausam neongrellen Raum mit abgeschrägten Dach, der von einer Spielzeugeisenbahn geteilt wird. In diese Kakophonie hinein erzählt der Sprecher (von Alexander Tschernek mit unaufgeregter Eindrücklichkeit verkörpert) von Chaos und Verladung, Schüsse fallen, dann ist Ruhe. Auch die Zustände im Waggon sind bedrückend und verstörend, als der Erzähler, der ja der Sohn, also Tabori selbst, präzise die Annäherung eines Mannes beschreibt, verlässt die Mutter das Zimmer. . Wie soll es hier noch Rettung geben, fragt man sich immer wieder im Laufe des Abends.

Doch das Unerklärliche geschieht. Ein deutscher, blonder Offizier mit blauen Augen, scheint in der älteren, unsicheren Dame, die sich notgedrungen bei ihm beschwert, etwas zu sehen. Die Mutter lässt beim Gang auf ihn zu ihn nicht aus den Augen, denn „in diesen Augen lag jetzt mein ganzes Leben“. Auch der Militär, sieht sie unverwandt an. Den pöbelnden Soldaten fährt er zwar an „Jeder ist irgendwer!“ doch deutlich leiser, auch zu dieser Dame ist er recht sanft. Gab es das wirklich, einen deutschen Offizier, der nicht schreit oder zackig spricht?

Jedenfalls passiert das Unvorhergesehene, sie darf zurück. Isst ihre Suppe in dem Moment in einem Erste Klasse Abteil, als der Zug nach Ausschwitz abfährt.Der Erzählung ihres Sohnes hat sie bis jetzt mit stoischer Ruhe gelauscht, doch nun bricht es aus ihr heraus. Zu gross ist der Hass auf diesen Mann, dem sie ihr Leben verdankt. Wohin mit dem Hass, wenn man nicht lieben darf, weil man auch an umgekommene Onkel, Nichten und deren Kinder denken muss? Wenn die Dankbarkeit nur Ekel erzeugt? Ein wütendes runter wischen der Bilder auf dem Tisch bringt da auch nicht die erlöste Befreiung, zurück bleibt ratlose Resignation.

Und auch Dankbarkeit, davongekommen zu sein, während sie mit ihrem Sohn die Suppe isst, deren Duftschwaden schon länger im Raum schwebten, erläutert sie beiläufig, wie sie dann verspätet bei ihrer Schwester eintrifft. Sie fünf Pengö beim Rommé gewinnt und erst spätnachts das Unwahrscheinliche erzählte. Der Spitalsaal verwandelt sich übrigens nach der Vorstellung in einen improvisierten Speisesaal mit mobiler Bar. Bei pot-a-feu und Getränken unterhielten sich viele Besucher angeregt über diese sehr sehenswerte Inszenierung, die neugierig auf weitere Produktionen im Zwischenhalt macht.

Nächste Aufführungen 15., 16., 20., 22., 12. und 27. Oktober sowie 3., 4., 5. und 6. November, Billets zu 42,-25,- und 18,-CHF, weiter Informationen unter www.neuestheater.ch

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