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30. Oktober 2011, 20:37 Bücher Kultur

Spoken-Word-Poesie im Tram Zürich West

Claudia Maag - Die Spoken-Word-Poeten Beat Sterchi und Guy Krneta trugen am Samstag im Rahmen von „Zürich liest `11“ auf der neuen 4er-Linie durch Zürich West ihre literarischen Kurztexte vor. Eine Reise.

Spoken-Word-Poesie im Tram Zürich West
Das Cobra-Tram setzt sich leise summend in Bewegung, fort vom Bellevue.

Beat Sterchi – schwarz gekleidet wie die Nacht draussen vor den Fenstern – steht vorne mit dem Rücken zur Fahrtrichtung. Er hält sich an einer sonnengelben Haltestange fest und wiegt im Takt der Trambewegungen leicht vor und zurück. Mit einem Augenzwinkern nimmt der 62-Jährige Alltagsgepräche in öffentlichen Verkehrsmitteln oder Einkaufszentren auf die Schippe. Da ruft Nadia an, die am Bahnhof abgeholt werden will. Oder die Fahrgäste hören den Prototypen des mühsamen Tram-Telefonierers: „hallo, hallo, ghörsch mi, ghörschmi mi ned, ghörsch mi, hallo, hallo“. Auch Gotthelf darf nicht fehlen, den Beat Sterchi gemäss seiner Homepage bei der Buch-CD „Bitzius“ als „unseren Goethe“ bezeichnet. Der Berner liest seine Texte in erstaunlich rasant, trotzdem sind sie verständlich.

Vor den Fenstern ziehen herausgeputzte, verkleidete und übernächtigte Samstagabend-Ausgänger vorbei. Zwischen Sihlquai und Limmatplatz braust Guy Krneta, ebenfalls in schwarz, mit dem Auto den Berg hinauf und muss frustrierenderweise wegen der Steigung immer wieder einen Gang herunterschalten.

Die Texte mit vielen Wiederholungen und Endreimen erfordern einiges an (Hör-)Konzentration. Ehe wir uns versehen, sind wir am Hardturm und Bahnhof Altstetten vorbei, während Möchtegern-Kunstliebhaber beteuern, die Bilder Hodlers seien „wie schön, ja, wie schön“ und befinden uns bereits auf dem Rückweg.

Belustigung ruft die Pendlerkommunikation über einen freien Sitzplatz hervor. Sterchi, mit etwas längerer, grau melierter Kurzhaarfrisur murmelt: “Isch do na frei? Merci. Isch do na frei? Merci – Halt d’Schnorre!“

Guy Krneta „bechunnt“ vor dem beleuchteten Landesmuseum „d’ Kriise“, da er keine „Zigi kriegt“. Mit gesteigerten Entzugserscheinungen und sonstigen Krisen wird der 47-Jährige immer lauter.

Leichten Hunger ruft nahe Hauptbahnhof ein Mantra hervor, bei dem man schon wieder in den Denner, schon wieder in die Migros, schon wieder in den Coop muss.

Die Reise neigt sich langsam dem Ende zu, wir fahren ins Central ein, wo das Cobra-Tram linkerhand einer pinken Limousine den Weg abschneidet. Vor dem VBZ-Häuschen steht ein blass geschminkter Soldat, mit Schusswunde auf der Stirn – es muss wohl Halloween sein.

Über den Zoo und die dortigen Affen sinniert Krneta, während rechts die Limmat vorbeifliesst. Aus dem Fenster blickend und die Menschen vorbeihuschen sehend, mag sich der Fahrgast fragen, wer hier der Affe und wer der Zoobesucher ist.

Wie im Flug verging die 50-minütige Fahrt. Die Gäste erklatschen sich eine Zugabe. Eine kleine Verzögerung durch ein noch vorne wartendes Tram überbrücken die Spoken-Word-Poeten souverän. Die Türen öffnen sich, die Fahrgäste werden in die kalte Nacht entlassen.

Infobox

kulturraum.ch
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Guy Krneta ist 1964 in Bern geboren. Nach Studien der Theaterwissenschaft in Wien und der Medizin in Bern ging Krneta 1986 ans Theater, wurde Regieassistent am Stadttheater Bern und am Theater Basel, war Co-Leiter des Theaterfestivals «auawirleben» in Bern sowie Dramaturg an der Württembergischen Landesbühne Esslingen und am Staatstheater Braunschweig. Heute lebt er als freier Schriftsteller in Basel. Er ist verheiratet und hat drei Kinder.

beatsterchi.ch
beatsterchi.ch
Beat Sterchi, 1949 in Bern geboren. 1970 ging er nach Kanada und studierte Anglistik. Von 1975 bis 1977 war er Sprachlehrer in Tegucigalpa (Honduras) und beschäftigte sich mit lateinamerikanischer Literatur. Heute ist Sterchi freier Autor und lebt in Bern.
http://beatsterchi.ch
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