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28. Februar 2012, 16:48 Kultur

Ganz im Gegenteil VII

Junges Schauspielhaus - Diese Woche zum vorerst letzten Mal neues von den Proben am Jungen Schauspielhaus Zürich: Am vergangenen Samstag hatte "Der Hund mit dem gelben Herzen oder Die Geschichte vom Gegenteil" Premiere!

Ganz im Gegenteil VII
Nach fast acht Wochen Probezeit war es am vergangenen Samstag endlich soweit: Premiere! Die Matchbox im Schiffbau ist bis auf den letzten Platz besetzt. Die Schauspieler warten auf ihren Auftritt. Und sogar Jutta Richter hat die Arbeit an ihrem neuen Buch unterbrochen und ist von ihrem Schreibtisch direkt nach Zürich gekommen. Während wir auf unseren Plätzen sitzen, will Philippe draussen warten. Er wird sich die Premiere nicht ansehen, „Die Aufregung ist zu gross.“, sagt er. Statt dessen steht er vor der Matchbox, mit dem Ohr an der Mithöranlage und verfolgt die Vorstellung von dort. „Seine Premiere“ wird er bei der zweiten Vorstellung am Sonntag nachholen.

Ich bin auch aufgeregt. Wird alles funktionieren? Die schnellen Kostümwechsel, alle Musikeinsätze, kann man der Geschichte gut folgen und wie wird die Inszenierung vom Publikum aufgenommen?

Aber die Anspannung ist verflogen, als die Vorstellung beginnt. Karolines Bühnenbild verwandelt sich abwechselnd in undurchdringliche Wildnis, Irrsal und Wirrsal, Sandweg und Hecke, Geräteschuppen und Küche. Fabian, Judith, Oli und Peter sind ebenso wandlungsfähig, spielen Hunde, Ratten, Katzen, Kinder und Erfinder. Entdecken Gegenteil, Freundschaft, Verlust und Einsamkeit und erfinden eine Welt. Ich frage mich nicht mehr, ob Judith draussen im Flur schnell genug ihr Kostüm wechseln kann, sondern bin überrascht, als sie plötzlich als neue Figur auf der Bühne steht. Als ich zu Jutta Richter hinüber blicke, sehe ich, dass sich ihre Lippen stumm bewegen. Still spricht sie jedes Wort mit.

Eine Reise „von der kleinen in die grosse Welt“ , wie sie sich Goethe in Faust I und II vornimmt, gelingt mit Jutta Richters Text in nur etwas mehr als einer Stunde. Danach gibt es begeisterten Premieren-Applaus. Und dann wird gefeiert. Einerseits die Premiere, andererseits Abschied. Denn für einen grossen Teil der Produktionsbeteiligten ist die Arbeit getan und sie werden in den nächsten Tagen abreisen. Eine seltsames Gefühl, dass die Schauspieler in Zukunft ganz ohne uns spielen werden. Dass sich die Inszenierung weiter entwickelt und sich vielleicht verändert, ohne, dass alle von uns diesen Prozess miterleben. Deshalb bin ich auch ein bisschen traurig, als ich am Montag im Zug Richtung Hamburg sitze. Ich glaube aber, zwischen Mannheim und Frankfurt, im Wald am Bahndamm, habe ich einen Mann gesehen, mit einer Rotweinflasche in der Manteltasche und neben ihm einen Hund, der ein gelbes Herz um den Hals trug...

Von Sinja Marie Krüger

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