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13. März 2012, 12:36 Kolumnen

Das Fenster zum Ghetto

Marco Büsch - Ein Bericht über meine Reisen durch die schlimmsten Ghettos dieser Welt. Per Google Street View. Nachahmen nicht empfohlen!

Das Fenster zum Ghetto
Ich weiss nicht, ob ich es erzählen soll, aber ich fröne zurzeit dem Ghettotourismus. Zu meiner Verteidigung muss ich anmerken, dass meine Sozialisation in jungen Jahren stark von Ghettofilmen und Gangsterrap geprägt war und ich auch heute noch bei jedem Berlinbesuch lieber die übelsten Ecken von Kreuzberg (Cottbusser Tor) und Neukölln (Hermannplatz) aufsuche als über den Ku'damm zu flanieren. Nun aber hat mein Ghettotourismus eine neue Dimension angenommen, ich betreibe ihn nämlich auch virtuell. Per Google Street View.

Ich fahre an den düstersten Ecken der grössten Metropolen vorüber, hin und wieder zurück, während ich zu Hause vor dem Computer hocke. Irgendwie schon ein bisschen pervers. Aber vielleicht habt ihr mal die Serie „The Wire“ gesehen. Dort geht es hauptsächlich um den Crackverkauf in Baltimore. Die Dealer stehen da dann den ganzen Tag an Strassenecken und verkaufen ihre Drogen. Manchmal wird auch um eine solche Strassenecke gekämpft, mit Schusswaffen versteht sich. Da denkt man sich in der Schweiz vor dem Bildschirm natürlich bald einmal: So schlimm wird es ja wohl nicht sein. Nachdem ich aber der Bondstreet in East Baltimore entlang gefahren bin und dort an jeder Ecke ein Schwarzer steht und tut, was man dort halt so tut, zweifle ich die Realitätsnähe von „The Wire“ nicht mehr an. An dieser Stelle zu empfehlen sind weitere soziale Brennpunkte wie Brownsville (ein Teil von Brooklyn), South Central (Los Angeles) oder Compton (Los Angeles County). Wer diese Gegenden der USA mal gesehen hat und sei es nur per Google Street View, wird das Wort „Ghetto“ nicht mehr für jede etwas unordentliche Seitenstrasse in den Mund nehmen. Am krassesten ist aber Detroit, vor allem entlang der 8Mile (ja genau, diejenige aus dem Eminem-Film): Wer sehen will, wie eine Stadt inmitten der USA einfach auseinander fällt und zur Geisterstadt wird, ist hier an der richtigen Adresse.

Vielleicht taucht nun die Frage auf, warum ich mich bis jetzt in meinen Ausführungen nur auf amerikanische Städte beschränkt habe, gäbe es doch auf der Welt sicher noch schlimmere Orte. Das ist wohl wahr, aber zu den meisten führt eben keine anständige Strasse und wenn, dann will und wird das Google Street View-Team dort sicher nicht durchfahren. Und so bleiben Orte wie Rocinha im Süden Rio de Janeiros (City of God – der Film, City of Men – die Serie), Teile von Dehli und Mumbai oder Mogadischu in Somalia für Google Street View unsichtbar. Wahrscheinlich ist dies auch besser so. Denn Tourismus kann sehr schnell in Voyeurismus ausarten.

Deshalb habe ich beschlossen, meinen Ghettotourismus wieder auf Realbesuche in Berlin und so zu beschränken. Das ist zwar immer noch eine ziemlich üble Art von Tourismus, aber wenigstens bringe ich den Mut auf, selbst dorthin zu gehen. Nach meinen zahlreichen Google Street View-Sightseeing-Touren bin ich nun aber der Meinung, dass es vielleicht doch nicht ganz so schlimm ist, wenn die Nachbarn ihren Müll in einen Migros- statt in einen Zürisack stecken. Hauptsache, sie schiessen einen nicht grundlos über den Haufen. Das ist doch immerhin schon mal was.

Kommentare
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bennet040
bennet040 29.10.2012 um 23:25
hmm oh hab mich irgendwie 'verlesen' haha aber ich denke genau wie du.. nur das ich gerne mal real dort hinreisen möchte
bennet040
bennet040 29.10.2012 um 23:21
Von so einer Reise hab ich shcon immer geträumt.
Hört sich komisch an, ist aber so haha
Mich würde mal interresieren wie viel du augegeben hast & wie du das alles überhaupt hinbekommen hast ?
Marco_Buesch
Marco_Buesch 31.05.2012 um 17:45
Ja tatsächlich, Kreuzberg ist nicht mehr ganz so schlimm... dafür ist es etwas surreal mit anzusehen, wenn die Juppies im Bioladen einkaufen gehen und daneben Junkies bettelnd am Boden sitzen. Aber wie du so schön sagst: Für "da real shit" eignen sich Neukölln und Wedding mittlerweile besser...
livvi
livvi 31.05.2012 um 11:33
Cottbusser! Pha! ; )
Die Berliner (bzw. jene Zugezonen, die, nach einer ersten anfänglich begeisterten Phase, meist via Konsternation als echte Berliner auszuweisen versuchen) sagen meist, dass Kreuzberg nicht mehr "da real shit" sei, da muss man mittlerweile schon nach Neukölln, mitten in die Blöcke, oder so. Gentrifizierung - da schmelzen die Getthos. Dafür viele tolle Baklava-Shops. Und dann Bars und Galerien. Muaha.
JonnyM 18.03.2012 um 23:23
sehen ist eine sache, erleben ist die andere
sempervivus
sempervivus 16.03.2012 um 10:18
Von diesen Städten wird bleiben, der durch sie hindurchging, der Wind. bb lesen tut immer wieder gut. Was Marco beschreibt, haben Dickens und Zola für ihre Zeit beschrieben.
Marco_Buesch
Marco_Buesch 14.03.2012 um 20:11
Dankeschön!
Suomi9
Suomi9 14.03.2012 um 16:30
Interessanter Artikel!