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25. März 2012, 00:00 Music Festivals

M4Manowar des deutschsprachigen Hip Hops

Patrick Holenstein - Der Samstag am M4Music war sehr gut besucht und zumindest im Vorverkauf waren keine Ticket mehr erhältlich. Wer eines der begehrten Ticket besass, wurde mit viel guter Musik belohnt. Highlight des Abends: Dispatch in der Halle.

Die Ansammlung von Menschen, die am Samstag schon kurz nach acht Uhr vor dem Schiffbau anzutreffen war, verriet: Der Samstag am M4Music war sehr gut besucht. Zumindest im Vorverkauf waren keine Tickets mehr zu finden. Wer seine Eintrittskarte rechtzeitig gekauft und es in den Schiffbau geschafft hatte, wurde dafür mit viel guter Musik belohnt. Ich startete den Abend in der angenehm bevölkerten Halle mit Peter Kernel, die gerade dabei waren, ihre Instrumente zu bearbeiteten und die Leute mit lauten Punkbrettern in die Halle zu locken. Das Duo aus dem Tessin besteht aus Barbara Lenhoff und Aris Bassetti. Das Label Punk wird der Band aber nicht gerecht, denn durch ihren experimentellen Stil verarbeiteten sie verschiedene Einflüsse und Sounds zu einem avantgardistischen und durchaus bemerkenswerten Konzerterlebnis.

Während also Peter Kernel sämtliche Energiereserven ausschöpften, füllt sich die Halle immer mehr und die Häppchen im VIP-Bereich wurden weniger. Einig waren sich aber kurz nach halb zehn wohl alle: Der nächste Programmpunkt darf nicht verpasst werden. Dispatch stammen aus Boston und sind in den USA wohl das, was man eine grosse Nummer nennt. In Europa sind sie hingegen der klassische Geheimtipp. Oder sie waren es. Am M4Music haben sie die Halle gefüllt. Das Trio beeindruckte mit einem immensen Flair für Dynamik. Ihre zum Teil rotzig-direkten Songs strahlten stets ein beeindruckendes Verständnis für Musik aus. Schlagzeuger Pete Francis Heimbold versuchte zum Beispiel nicht wie wild auf seinen Fellen wütend, wuchtige Beats zu platzieren. Er hinterliess seine Spuren lieber durch sein ausdrucksstarkes Spiel. Dispatch haben am M4Music das erste Mal überhaupt in der Schweiz gespielt und durch eine breite Palette aus Folk, Country, Mariachi-Einflüssen und kompromisslosem Alternative-Rock wahrscheinlich das Konzert des Abends abgeliefert – inklusive eines amüsanten Covers von Simon & Garfunkels Mrs. Robinson.

 Casper brachte die Halle zum Kochen.
Casper brachte die Halle zum Kochen.

Danach kam Casper. Der fuhr gleich mal schweres Geschütz auf und war vor allem laut. Wo bei Dispatch kurz zuvor der Sound noch sauber und angenehm gemischt war, dröhnte jetzt ein undurchdringlicher Brei aus den Boxen. Ob das Teil des Konzepts war? Immerhin standen Casper und seine Mitmusiker mit Masken auf der Bühne und schauten mit glühenden Augen in die Menge. Naja, dann doch lieber ein Ohr voll Colveen. Also ab in die Box. Das Trio steht für wunderschön schwebenden und irgendwie schwerelosen Indie-Pop. Leider beendeten Colveen aber nur wenige Minuten nachdem ich in der Box angekommen war ihr Set. Derweil standen sich die BOY-Fans im Foyer die Beine in den Bauch, um ins Moods zu kommen. Vergebens, der Club war gerammelt voll. Da der Weg durch den Schiffbau eh durch die Menschenmasse verbaut war, bekam Casper nochmals eine Chance.

Plötzlich klang der Sound des jungen deutschen Crossover-Hip-Hoppers sauber und er hatte die Halle im Griff. Plötzlich war zu erkennen, wieso er manche Leute nahe an die Ohnmacht bringt. Der Stilmix macht es aus. Casper steht nicht nur für Hip Hop, sondern vermengt harten Rock und Elektrobeats wie selbstverständlich mit seinem deutschsprachigen Hip Hop. Eine Zeitung habe ihn mal als Manowar des deutschen Hip Hop bezeichnet, erklärte Casper während des Konzertes und ihm schien diese Bezeichnung zu gefallen. Ganz falsch ist der Vergleich nicht. Casper war allerdings kaum auf Betriebstemperatur hochgefahren, als das Konzert auch schon zu Ende ging. Laute Zugabe-Rufe brachten nicht viel. Er blieb der Bühne fern. Zeit also, um an die frische Luft zu gehen. Doch: Valeska Steiner und Sonja Glass alias BOY spielten noch immer und deren Fans blockierten noch immer das Foyer. Also stand unfreiwilliger Körperkontakt und viel Gedränge an und das Bild vom Kamel, das hilflos vor dem Nadelöhr steht, tauchte für einen Moment im Kopf auf.

 The Maccabees spielten etwas austauschbaren Indie-Rock.
The Maccabees spielten etwas austauschbaren Indie-Rock.

Irgendwann schaffte ich es aus dem Schiffbau und während die milde Märzluft mich abkühlte, wurde in der Halle kräftig umgebaut. Indie-Rock aus England war angesagt. The Maccabees haben eine Zeit lang für Aufregung in verschiedenen Foren und Blogs gesorgt, zeigen sich live aber eher als zwar handwerklich solide und durchaus hörbare, aber eben auch austauschbare Indie-Combo. Trotzdem bildete das Quintett einen schönen Abschluss für mein M4Music 2012.

Bilder: Pressebilder / M4Music

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