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15. April 2007, 00:00 Konzert

Review: Tokio Hotel @ Hallenstadion

Christina Ruloff - Infernalisches Gekreisch und unfassbares Glück:Familienausflugsziel Tokio Hotel begeistert die Kinder und ihre Eltern Das sind sie: Tom, Bill, Georg und Gustav.Um 18.20h ist das Foyer im Hallenstadion voll. Voll von Familien, voll von Wochenendvätern, voll von grossen Brüdern,...

Review: Tokio Hotel @ Hallenstadion
Infernalisches Gekreisch und unfassbares Glück:Familienausflugsziel Tokio Hotel begeistert die Kinder und ihre Eltern

Das sind sie: Tom, Bill, Georg und Gustav.

Um 18.20h ist das Foyer im Hallenstadion voll. Voll von Familien, voll von Wochenendvätern, voll von grossen Brüdern, die ihre kleinen Schwestern bewachen. Die kleinsten Fans sind gerade mal vier Jahre alt und schon richtig müde. Man wird den Eindruck nicht los, dass viele Kinder von ihren Eltern mitgeschleppt worden sind, und einen veritablen Vorwand für den heutigen Konzertbesuch liefern. Viele sichtlich zufriedene Väter tragen oftmals schwarze T-Shirts, von Toto, von Rammstein oder mit der Aufschrift „Heavy Metal“ um sich von ihrer Begleitung in Sachen Musikstil klar zu distanzieren. Es herrscht rege Betriebsamkeit. Wohlwollend werden die Kinder mit Zwangzigernoten für Cola oder Fanmagazine gefüttert.

Die Halle ist anständig belegt, aber nicht voll. Vorne auf der Bühne spielen **Luttenberger*Klug mit einer Begleitband von hübschen, deutlich älteren jungen Männern. Die Mädchen aus Österreich freuen sich irrsinnig über das unglaublich dankbare und begeisterte Publikum, das nach jedem Lied klatscht und kreischt. „Mein Gott, ihr seid ja so viele!“, bemerken sie und bedanken sich liebenswürdig. Dann kündigen sie den Hauptact des Abends an, den Grund, warum all die Familien und all die Kinder hier sind, Tokio Hotel! Sofort ertönt unglaubliches Gekreische, das den Unterschied zwischen freundlicher Begeisterung und fantastischer Fanleidenschaft ausmacht.

Wer nicht schon um 17 Uhr bei der Türöffnung dagewesen ist, muss sich mit einem Stehplatz weit von der Bühne entfernt abfinden. Tokio Hotel ist auf 19 Uhr angekündigt, die Band lässt natürlich auf sich warten. Hin und wieder gehen Wellen von Begeisterung und Gekreisch durch die Halle, die, in der Hoffung und der Ahnung Bill oder Tom erblickt zu haben, losgetreten wurden. „Du musst mir dann sagen, wann sie wirklich kommen, sonst habe ich wie bei Britney Spears keine Ahnung“, kommentiert ein vergnügter Vater, sehr zum Ärger seiner Tochter, die mit ihren 13 Jahren schon zu den Veteranen unter den eigentlichen Fans gehört. Die meisten Fans, die sich mit T-Shirts, Kartonschildern („Bill, Du bist süss!“ - Bill, Du bist so geil, Du bist nicht von dieser Welt!“) und neonfarbigen Wedeln ausstaffiert und Arme und Gesichter mit den Insignien ihrer Lieblinge bemalt haben, sind tatsächlich Kinder. Acht-, neunjährige Mädchen und Jungs, meist in Begleitung ihrer Eltern. Eine Gruppe deutscher Teenager fällt durch besonders penetrantes Benehmen und Schreien („Wir wolln Tokiotel!“) auf.

19.15 Uhr erklingen die ersten Gitarrenriffs von Übers Ende der Welt. Silbrige Schilde, im Stile römischer Legionäre, erheben sich und auftaucht: Tokio Hotel. Infernalisches Gekreisch ertönt. Selbst das erschöpfte Kleinkind auf den Schultern ihres Vaters erwacht wie aus einem Dornröschenschlaf, brüllt, fuchtelt wild in der Luft herum und ist konzentriert voll dabei. Hunderte von Arme werden in die Luft gereckt sich, Plakate werden hochgehalten und unzählige Väter heben ihre Kinder in die Höhe, so dass von der Bühne, von Bill und Tom, von Gustav am Schlagzeug ganz zu schweigen kaum mehr was zu sehen, mehr zu erahnen ist. Zum Glück gibt es links und rechts von der Bühne zwei Leinwände, die das verfeinerte, leidende und glückliche Gesicht Bills live übertragen und vergrössert zur Schau stellen.

Massloses Glück breitet sich in der Halle, auch in den obersten Ecken auf den Sitzplätzen, aus. Tokio Hotel spielen fast alle Tracks von ihrem neuen Album Zimmer 483 und die grossen Hits ihres Debüts. Bei Durch den Monsun scheint die Halle zu platzen. Tausende von Kindern singen mit ihren hohen Stimmen so laut sie nur können, beschwörend, wie ein Gebet „Ich muss durch den Monsun, hinter die Welt, ans Ende der Zeit, bis kein Regen mehr fällt, gegen den Sturm, am Abgrund entlang, und wenn ich nicht mehr kann, denke ich daran, irgendwann laufen wir zusammen, weil uns einfach nichts mehr halten kann, durch den Monsun.“ Gefühl natur.

im Zentrum und seine Adjutanten.

Während die Adjutanten schweigen und sich auf ihre Musik konzentrieren, leitet Bill die Lieder ein und führt durch die Show. Er macht es gut, wenn er auch gar nicht viel zu tun braucht, denn alles, was er tut, wird mit glücklichem Kreischen quittiert. Er muss vor allem dasein, dreidimensional, sein Haar im Wind der Windmaschinen wehen lassen, strahlen. Die ganze Sache scheint für Tokio Hotel ein ziemlicher Stress zu sein. Am Ende gibt es drei Zugaben. Bill kommt mit dem noch immer schweigenden Tom auf die Bühne und erzählt unter lautem Gejubel, dass er sich vorstellen könnte, mit seinem Bruder das ganze Leben zu verbringen. Er singt akustisch begleitet den Hidden Track von Album, Durch die Nacht, der von ihrer Beziehung handelt. Es folgt noch ein überzeugendes An deiner Seite bei dem Bill heftig mit den Fans arbeitet, und zum Abschluss Totgeliebt**. Glückliche Kinder und ihre zufriedenen Eltern verlassen nach 90 Minuten das Hallenstadion.

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