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15. November 2012, 00:00 Kultur Movie

Kino: Lore

Gregor Schenker - Cate Shortlands „Lore“ bietet einen differenzierten Blick in das Innenleben einer Nazi-Tochter. Mit ihren Geschwistern wandert sie nach dem Untergang des Dritten Reichs durch das kriegsversehrte Deutschland. Unterwegs lernt sie einen jüdischen Jungen kennen. Gutmenschen-Kitsch ist das aber nicht.

Kino: Lore
Die englische Schriftstellerin Rachel Seiffert, Tochter eines Deutschen und einer Australierin, feierte 2001 mit ihrem Roman The Dark Room Erfolge bei Kritikern und Leserschaft. In ihrem Buch schildert sie den Lebensweg dreier junger Deutscher, die sich nie treffen, die aber gemeinsam haben, dass sie die Kinder von Tätern und Mitläufern in Nazi-Deutschland sind.

Die Australierin Cate Shortland hat eine dieser drei Geschichten aus dem Roman herausgelöst: Sie erzählt in ihrem Film von Hannelore, genannt Lore (Saskia Rosendahl). Das Mädchen erlebt 1945 mit, wie das Dritte Reich untergeht. Ein schwerer Schlag für ihre Familie, denn ihr Vater (Hans-Jochen Wagner) ist ein hochrangiger SS-Offizier. In einer Nacht-und-Nebel-Aktion muss sie dabei helfen, Dokumente zu vernichten. Die Familie flieht in ein abgelegenes Bauernhaus, tauscht Wertgegenstände gegen Milch und Eier aus. Der Vater verschwindet plötzlich, die Mutter (Ursina Lardi) wird vergewaltigt.

Schliesslich steht Lore allein da mit ihren jüngeren Geschwistern. Auf Geheiss der Mutter macht sie sich mit ihnen auf den Weg von Bayern nach Hamburg, wo die Grossmutter wohnt. Es ist kein leichter Gang. Hilfe erhält sie nur von Thomas (Kai Malina), der sich ihnen unterwegs anschliesst.

Die Regisseurin und ihr Kameramann Adam Arkapaw bleiben stets bei Lore, alle Ereignisse der Handlung erleben wir aus der Perspektive des Mädchens. Ungewöhnliche Kameraperspektiven, Nahaufnahmen, Zeitlupen und Zeitraffer verdeutlichen ihre Sicht. In Erinnerung bleiben besonders die kräftigen Farben und die wundervollen Landschaftsbilder. Der Film gleicht oft einem Märchen, oder einem Traum. Lore versteht vieles nicht, weiss vieles nicht, und so weiss auch das Publikum nicht immer, woran es ist. Immer wieder bleiben Ereignisse und Verhaltensweisen ein Rätsel. Das ist konsequent, kann einem manchmal aber ganz schön auf die Nerven gehen.

Auch wenn sie das Zentrum der Handlung ist, Lore kriegen wir nie richtig zu fassen. Wir lernen in ihr eine zerrissene Figur kennen. Auf der einen Seite will sie ihren Eltern alle Ehre machen, und die nationalsozialistischen Werte hochhalten, die sie von klein auf gelernt hat. Auf der anderen Seite erfährt sie aus Zeitungen, was die Nazis angerichtet haben. Auf der einen Seite ist sie angeekelt von Thomas, der sich als Jude erweist. Auf der anderen Seite ist sie auf seine Hilfe angewiesen und entwickelt sie sexuelle Gefühle für ihn.

Wer jetzt meint, in diesem Film lernt ein Jungmädel aus der Hitlerjugend, dass Nazis böse und auch Juden Menschen sind, täuscht sich; dieser Kitsch bleibt einem erspart. Shortland und ihren Mitstreitern geht es weniger um eine Moral, als um Beobachtung. Als Australierin, deren Leute Kolonialisten waren und die Aborigines unterdrückt haben, lag es ihr nach eigener Aussage fern, zu verurteilen. Sie habe sich gefragt, wie sie sich an Lores Stelle wohl verhalten hätte, und nahm Abstand von vereinfachenden Aussagen.

Der Film endet mit offenen Fragen, alle Figuren werden ambivalent dargestellt. Selbst Thomas ist alles andere als ein Sympathieträger – aber leider drückt sich Shortland zum Schluss mit einem ärgerlichen Twist doch noch davor, einen Juden und Holocaustüberlebenden als zweifelhaften Charakter darzustellen. Tja, niemand ist perfekt.


Bewertung: 3.5 von 5


  • Titel: Lore
  • Land: Deutschland/Australien/England
  • Regie: Cate Shortland
  • Drehbuch: Cate Shortland, Robin Mukherjee
  • Darsteller: Saskia Rosendahl, Kai-Peter Malina, Ursina Lardi
  • Verleih: Look Now!
  • Start: 15. November 2012

Fotos von Look Now!

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