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30. Juli 2013, 00:00 Movie

Kino: Möbius

Joel Walder - Éric Rochant schrieb und inszenierte Möbius, ein Film der seinen Platz sucht zwischen feuriger Liebesgeschichte und ernstzunehmendem Spionagefilm. Die Wegfindung stellt sich als Problem heraus.

Kino: Möbius
Jean Dujardin ist Grégory Lioubov (Deckname Moïse). Er bespäht im Auftrag des russischen Geheimdienstes den Bankier Ivan Rostovski (sehr gut: Tim Roth), der krummer Geschäfte verdächtigt wird. Zu dem Zweck heuert Lioubov Alice Redmond (Cécile de France) als Maulwurf an. Sie hat bei Lehman Brothers mit Zahlen jongliert und war massgeblich an deren Untergang beteiligt, weshalb sie nach Monaco zu Rostovski wechseln musste.

Erwartungsgemäss bricht Lioubov seine goldene Regel – keine persönliche Beziehungen zulassen – und bandelt mit Alice an. Es reichen ein lüsterner Blick im edlen Striplokal Destiny, zwei Gläser Champagner im Apocalypse (die heissen wirklich so) und sie landen im Hotelzimmer für eine seltsame, unfreiwillig komische Sexszene. Grégory beschert Alice mehrere Orgasmen, indem er regungslos auf dem Rücken liegt und ihr tief in die Augen schaut.

Diese Affäre und sein doppeltes Spiel verkomplizieren natürlich den ursprünglichen Auftrag. Und während Grégory sich bemüht, am Leben zu bleiben, wird es für das Publikum immer mühevoller, dem Plot zu folgen. Auch nach der Auflösung am Ende dürften nicht alle doppelten und dreifachen Identitäten und Verwirrspiele aufgedeckt sein.
Schuld daran wäre dann sicher auch das verschachtelte Drehbuch, das es fertig bringt, die Story viel verzwickter und komplexer scheinen zu lassen, als sie eigentlich ist.
Dieses Versäumnis wird besonders deutlich, wenn man Möbius mit der derzeitigen Referenz im Spionagefilm vergleicht: Dame König As Spion von Tomas Alfredson demonstriert eindrucksvoll, wie gutes Schauspiel, ein kompliziertes, aber durchdachtes Drehbuch und Stilsicherheit zu einem hervorragenden, ernsthaften Film über die geheimen Zünfte beitragen können. Es darf ruhig der Zuschauer zur Detektivarbeit aufgefordert werden, doch er muss für seinen Einsatz auch belohnt werden. Alfredsons Film tut dies grossartig, Möbius ungenügend.

Möbius ist kein Thriller in Reinkultur. Die Beziehung zwischen Alice und Grégory nimmt früh viel Platz ein und ist schliesslich der eigentliche Schwerpunkt. Klassische Action gibt es bis auf einen sauber inszenierten Faustkampf in einem Lift keine und es werden auch nicht nonchalant reihenweise Bösewichte umgebracht (wie man es sich zum Beispiel von einem gewissen James Bond gewöhnt ist). Gerade mit den lockeren, überspitzten Bond-Filmen der Ära vor Daniel Craig hat Möbius nichts am Hut. Éric Rochant wünscht sich für seinen Film etwas mehr Ernst und Glaubwürdigkeit als der englische Geheimagent in seinen (früheren) Filmen bot.

Deshalb gab er sich beim Verfassen des Drehbuchs offensichtlich Mühe, den Film so gut wie möglich in weltpolitische Realitäten einzubetten. Die Bankenkrise ist ein Thema, Südeuropa ist wirtschaftlich am Abgrund, Alice zockt mit spanischen Wertpapieren, USA und Russland sind verdeckte Rivalen in einer undurchsichtigen Allianz und der Iran wird als potentieller Krisenherd gehandelt. Dieses zeitgeschichtliche Namedropping tut seinen Zweck nur halbherzig und wirkt arg konstruiert. Der Anspruch, eine Geschichte mit realistischer Verankerung zu erzählen, wird auch von den teilweise unnatürlich wirkenden Dialogen und der geschönten Gestaltung untergraben.

Möbius ist zweifelsfrei toll ausgestattet: Glänzende Seidenkrawatten und knarzende Ledersofas passen grossartig zum stilisierten, fast schon sterilen Hochglanzlook. Die Haare sitzen immer perfekt, die Farben sind warm und das Wetter schön.
Gebrochen wird dieser Stil nur zweimal: Eine Einstellung, die halbherzig die dokumentarische Kamera eines Journalisten imitiert und eine Archivaufnahme Wladimir Putins sollen wohl dem Anspruch nach Authentizität Folge leisten, bleiben aber in ihrem gestylten Umfeld fremd und scheinen aufgesetzt.

Wenn Jean Dujardin in einem Spionagefilm mitmacht, wird man unweigerlich auf die modernen zwei OSS 117-Filme zurückgeworfen. Auch hier spielte Dujardin einen Geheimagenten, allerdings französischer Nationalität und in parodistischer Manier. Der in seiner ignoranten Arroganz herrliche Agent OSS 117 spioniert in einer stilistisch sorgfältig den Agentenfilmen der 60er und 70er Jahre nachempfundenen Filmwelt Freund und Feind aus.
Es sind treffsichere Parodien ebendieser älteren Agentengeschichten und erweisen ihnen respektvolle Hommage. Wer durch diese sehenswerte Komödie vorbelastet ist, läuft in Gefahr, Dujardin manchmal als Geheimagenten OSS 117 zu erkennen und nicht als Grégory Lioubov. Hat man die OSS 117-Filme nicht gesehen, verflüchtigt sich dieses Problem, doch es spricht kaum für den Film, wenn er streckenweise so formelhaft ist, dass er seine eigene Parodie sein könnte.


Bewertung: 2 von 5



  • Titel: Möbius
  • Land: Frankreich
  • Regie: Éric Rochant
  • Drehbuch: Éric Rochant
  • Darsteller: Jean Dujardin, Cécile De France, Tim Roth, Wendell Pierce, Émilie Dequenne
  • Verleih: Praesens-Film AG
  • Start: 31. Juli 2013
Fotos von Praesens-Film AG
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