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13. Mai 2008, 22:16 Music Movie

DVD der Woche: Gefahr und Begierde

Christina Ruloff - Unterdrückte Gefühle, verdrängte Empfindungen und die Unmöglichkeit, sich selbst Ausdruck zu verleihen – das Leben als Schattendasein unter ständigem, gewaltigem inneren und äusseren Druck interessiert den Regisseur Ang Lee (Brokeback Mountain, Sense and Sensibility). Wem...

Unterdrückte Gefühle, verdrängte Empfindungen und die Unmöglichkeit, sich selbst Ausdruck zu verleihen – das Leben als Schattendasein unter ständigem, gewaltigem inneren und äusseren Druck interessiert den Regisseur Ang Lee (Brokeback Mountain, Sense and Sensibility). Wem von Gefahr und Begierde lediglich die beiden in allen möglichen und unmöglichen Sexstellungen inszenierten Protagonisten in Erinnerung bleiben, hat den Kern des Films verpasst und Lee nicht verstanden.

Die Handlung beginnt, als die bildschöne Wang Jiazhi sich in ein Café im von Japan besetzten Shanghai zurückzieht und telefoniert. Sie tritt hiermit bewusst eine Katastrophe los – die Ermoderung des chinesischen Kollaborateurs und grauenvollen Chefs des Geheimdienstes Yi. Aber hierfür hat sie die letzten vier Jahre ihres Lebens geopfert; die Tage und Nächte, alles, sogar ihre Identität, ist ihr entrissen worden. Als junge Studentin in Hong Kong hat sie sich (wie eine Rückblende erzählt) einem Theaterklub angeschlossen, weil sie eine Schwäche für den Regisseur hatte. Der von blindem und naivem Nationalismus getriebene Verein verschreibt sich jedoch bald höheren Zielen und will Yi, den Landesverräter und Geheimdienstler, ermorden. Die Studentin soll als Bauernopfer hinhalten und sich an Yi ranschmeissen, koste es, was es wolle. Das tut sie – und wird es für immer bereuen. Die dilettantischen Versuche misslingen, die Gruppe fällt geschockt auseinander, doch die Vergangenheit lässt sie nicht los. Der organisierte Widerstand setzt die Studentin erneut auf Yi an, der tatsächlich Interesse zeigt, die Frau vergewaltigt und sie zu seiner Geliebten macht. Doch ist sie bereit, Yi wieder aufzugeben?

Ahnt er etwas? Was denkt er wirklich? Und was fühlt sie?

Das Universum, das Ang Lee in Gefahr und Begierde öffnet, ist komplexer, als die kurze Inhaltsangabe auch nur anzudeuten vermag, denn nichts ist in dieser Welt eindeutig, klar oder auch nur fassbar. In kurzen Strichen und Kameraeinstellungen wird das besetzte China scharf und prägnant als Vorkreis der Hölle für fast alle Beteiligten charakterisiert. Die einzige Ausnahme bildet der Frauenkreis um Yis Gattin, der stundenlang irrsinnige Summen verspielen und Nichtigkeiten diskutieren kann. Der krasse Gegensatz dazu bilden der brutale und vereinsamte Yi und die innerlich schon lange abgestorbene Studentin, die kaum ein Wort miteinander wechseln und nur im Sex Grenzen aufheben und eine gewisse Intimität aufbauen können. Doch wem kann die Studentin schon trauen? Ihrer Jugendliebe, die sie immer wieder „für die Sache“ schmählich im Stich lässt? Oder dem vermeintlich moralisch einwandfreien Widerstand, der seine treuen Helfer willentlich verkauft?

Ein typisches Ang Lee-Bild, aussagekräftiger als manche Dialoge.

Wie es bei Ang Lee-Filmen immer der Fall ist, bleibt das Publikum bis zum Schluss trotz aller Nähe immer auf Distanz. Dass man aber trotz epischer Länge von 153 Minuten an dem Schicksal der scheinbar so fernen Charakteren Anteil nimmt, liegt an Tony Leung (den man tatsächlich noch nie als Schurken und kaum so wandelbar gesehen hat) und Tang Wei, die schlicht grossartig spielen. Durch sie wird Ang Lees abstraktes Problem der Unnahbarkeit und Sprachlosigkeit wieder einmal auf eine menschliche Ebene heruntergebrochen.

  • Titel: Gefahr und Begierde
  • Land: China
  • Regie: Ang Lee
  • Darsteller: Tony Leung, Tang Wei, Joan Chen, Wang Leehom
  • Sprachen: Deutsch und Chinesisch mit deutschen Untertiteln
  • Specials: Interwies mit Cast & Crew, Featurette
Gefahr und Begierde ist neu auf DVD erschienen!

Zu Beginn naiv und enthusiastisch, mit der Zeit verzweifelt tut der Widerstandskämpfer für China alles... und verkauft seine Freundin.

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