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20. März 2014, 11:32 Kultur Movie

Finsterworld im Kino

Gregor Schenker - Vordergründig ist „Finsterworld“ einfach eine clevere Satire, voll mit geschraubten Dialogen über die Hässlichkeit der Deutschlandfahne oder das Elend in Afrika. Doch dahinter steckt ein echtes humanistisches Anliegen. Endlich kommt das Meisterwerk in die Schweizer Kinos.

Finsterworld im Kino
Eigentlich wirkt die Finsterworld ganz freundlich und hell. Der Einsiedler zum Beispiel, mit dem der Film beginnt, lebt in einem geradezu märchenhaft schönen Wald; Sonnenstrahlen scheinen durch eine üppig grüne Vegetation, Insekten tanzen in der Luft. Eines Tages findet er eine verletzte Krähe und pflegt sie gesund, der Beginn einer wunderbaren Freundschaft. Doch dann zerstören Vandalen seine Hütte und bringen den Vogel um.

Regisseurin Frauke Finsterwalder und ihr Drehbuchautor (sowie Ehemann) Christian Kracht präsentieren einen Querschnitt durch die deutsche Gesellschaft. Ihre Figuren haben es sich alle in ihrer eigenen kleinen Welt eingerichtet – bis das Draussen brutal einbricht. Ähnlich wie dem Einsiedler ergeht es dem Fusspfleger, der sich in die alten Füsse einer Kundin verliebt. Als er ihr gesteht, dass er ihre Hornhautspäne in die herzförmigen Kekse verbacken hat, die er ihr jedes Mal mitbringt, reagiert sie mit Abscheu und Entsetzen.

Dieselbe Reaktion schlägt dem Polizisten Tom entgegen, als er seiner Freundin gesteht, ein Furry zu sein. Also einer, der davon träumt, ein Tier zu sein. Er verkleidet sich als Eisbär und trifft sich mit Gleichgesinnten zu Kuschelsessions. Die Freundin bedroht ihn mit dem Messer, dabei sehnt er sich doch nur nach echter menschlicher Nähe.

Finsterworld ist voller skurriler Figuren mit ihren Fetischen und Verletzlichkeiten. Die sie gern hinter langwierigem Gerede verstecken. So schimpft die Polizisten-Freundin (eine Dokumentarfilmerin) darüber, dass Dokus über Afrika sich doch nur am dortigen Elend ergötzen. Und verzweifelt doch eigentlich daran, dass sich ihre Idee vom neuen Neo-Realismus einfach nicht hinkriegt.

Hakenkreuz und Liebe

Apropos Dokumentarfilmerin: Eine solche war auch Frauke Finsterwalder, bevor sie ihr Spielfilmdebüt in Angriff nahm. Man möchte sie als Avatar ihrer Erfinderin verstehen und auch alle anderen Figuren erscheinen einem oft als Sprachrohre von Finsterwalder und Christian Kracht. Letzter ist ja nebenbei ein berühmter Bestsellerautor, bekannt für schräge Stoffe und provokante Thesen; vor zwei Jahren warf ihm Georg Diez im Spiegel gar einen fahrlässigen Umgang mit rechtem Gedankengut vor.

An so was denkt man, wenn im Film ein Alt-68er-Pärchen mit einem Schüler über die Deutschlandfahne diskutiert. Diese sei nämlich mit Absicht so hässlich gestaltet, um dem Nationalstolz der Deutschen entgegenzuwirken. Denn das Verführerische am Dritten Reich waren ja grad das ästhetisch hochwertigen Hakenkreuz.

Dabei geht es dem Filmemacher-Paar niemals darum, einfach die eigene Cleverness vorzuführen: Hinter den geschraubten Dialogen steckt ein humanistisches Anliegen, genauer gesagt, eine Kritik an einer Zivilisation, die Nazis hervorbringt – und das noch immer tut. Bei einem KZ-Besuch traumatisieren zwei Schüler eine Klassenkameradin, indem sie sie in einen der Brennöfen stecken. Und entziehen sich anschliessend erfolgreich den Konsequenzen.

Dagegen setzt der Film Liebe und Verständnis. Das mag sich kitschig anhören, wirkt aber einfach nur authentisch. Die Figuren sind vordergründig überzogen und stereotyp, aber Finsterwalder und Kracht nehmen sie ernst. Wenn am Ende Tom in seinem Bärenkostüm auf einer Parkbank sitzt und ihn ein kleines Mädchen umarmt, so ist das der rührendste Kinomoment der letzten Jahre.


Interview mit der Regisseurin Frauke Finsterwalder

Pro und Kontra zum Film beim Tages-Anzeiger


Bewertung: 5 von 5



  • Titel: Finsterworld
  • Land: Deutschland
  • Regie: Frauke Finsterwalder
  • Drehbuch: Christian Kracht, Frauke Finsterwalder
  • Darsteller: Johannes Krisch, Ronald Zehrfeld, Michael Maertens, Carla Juri
  • Start: 20. März 2014
Fotos © Markus Förderer, Alamode
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