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15. Juni 2015, 00:00 Movie

Kino: Victoria

Gregor Schenker - Zwei Stunden Gelaber und verwackelte Handkamera: In einer einzigen kontinuierlichen Einstellung erzählt dieser Film von einem Banküberfall – und raubt einem dabei den letzten Nerv.

Kino: Victoria
Zunächst: Ein doppelter Wodka kostet in Berlin nur vier Euro? Was hält mich überhaupt noch in Zürich!

Aber zum Thema:

One Girl. One City. One Night. One Take.

Ganz genau, die haben Victoria in einer kontinuierlichen Einstellung gedreht, ohne einen einzigen Schnitt. So stehts in der Tagline, damit machen sie Werbung, deswegen haben sie sogar den Silbernen Bär an der Berlinale gewonnen.
Das ist auch der Grund, weshalb der Film völlig misslungen ist.

Im Presseheft erklärt Regisseur Sebastian Schipper: „Da habe ich mich aber sofort gefragt, warum es so viele Filme über Banküberfälle gibt, es aber nur so wenigen gelingt, einem zu vermitteln, was es bedeutet, wirklich dabei zu sein. […] Man müsste die filmischen Mittel voll und ganz einem Erlebnisbericht unterordnen, wie bei einer Kriegsberichterstattung, wenn man bei einer Gruppe von Soldaten embedded ist und in eine feindliche Auseinandersetzung gerät.“
(Ja, der benutzt tatsächlich das Wort „embedden“.)

Die Idee besteht also darin, einen Banküberfall so zu filmen, als wäre man direkt dabei. Deswegen die Entscheidung, alles am Stück zu filmen.

Zunächst stellt einem der Film die Figuren vor: Die junge Spanierin Victoria (Laia Costa) lebt in Berlin, wo sie eines Abends auf vier angetrunkene Deutsche trifft. Besonders mit Sonne (Frederick Lau) versteht sie sich ausgezeichnet. Damit bringt der Film die erste Stunde zu. (Das erste Mal hab ich nach zwanzig Minuten auf die Uhr geschaut.)

Abende im Ausgang sind üblicherweise nur erträglich, wenn man ebenso am Saufen ist wie alle anderen. Wer beispielsweise schon mal als designierter Fahrer dem alkoholisierten Gelaber von Freunden zuhören musste, weiss, was die Nerven da durchmachen müssen.
Wer nun vom Kinosessel aus irgendwelchen Schauspielern dabei zusehen muss, besoffenes Gestammel zu simulieren, wünscht denselben nach fünf Minuten die Cholera an den Hals.

Cholera soll auch die Kamerafrau Sturla Brandth Grøvlen bekommen. Das unaufhörliche Gewackel der Handkamera treibt selbst Parkinsonpatienten in den Wahnsinn – ein Königreich für eine anständige Steadicam.
Gerade so ein auffälliges Stilmittel wie der Long take verträgt eine derart unsaubere Machart nicht. Immer wieder macht sich durch das Gewackel die Kamera bemerkbar, immer wieder reisst es einen aus dem Film heraus. So viel zum „Embedden“.
Wie man's richtig macht, zeigt der iranische Regisseur Shahram Mokri in Fish & Cat, um sich mal ein Beispiel herauszugreifen. (Ganz zu schweigen von grösser budgetierten Filmen wie Russian Ark oder Birdman.)

Ähem. Irgendwann stellt sich dann heraus, dass die vier Berliner Typen einen Banküberfall planen. Weil der Fahrer nach der durchzechten Nacht hinüber ist, fragt Sonne Victoria, ob sie den Job übernehmen würde. Die junge Spanierin sagt zu.
Weshalb sie zusagt? Keine Ahnung. Der Gedanke ist wohl, dass sie sich total in Sonne verknallt und deshalb mit hineinziehen lässt. Aber vom ersten Treffen zur willigen Komplizin im Laufe einer Nacht (inklusive Kokskonsum zum Aufputschen) – das strapaziert die Glaubwürdigkeit, die Regisseur Schipper so wichtig ist, über jedes vernünftige Mass hinaus.
Das Konzept des One-Take-Films fällt hier in sich zusammen: Hätten sich Schipper und Co. nicht an den Zeitrahmen der Aufnahme halten müssen (hätten sie also geschnitten), hätten sie die Beziehung zwischen Victoria und Sonne nachvollziehbar herausarbeiten können.

Apropos Glaubwürdigkeit: War die erste Hälfte des Filmes mit sehr viel guten Willen noch als Einblick in die Berliner Partyszene hinnehmbar, so übernehmen nun die Kriminalfilm-Klischees. Das besoffene Gestammel weicht erbärmlichem Gangsterjargon: „Wer ist die Bitch? Fickt ihr die, oder was?“
Die Darsteller werfen endgültig jeden Versuch von Subtilität über Bord, sondern brüllen hysterisch herum und sagen ganz oft „fuck“. Das passiert öfters, wenn Schauspieler mit dem Improvisieren überfordert sind (der Film hatte ja kein fertiges Drehbuch mit festgelegten Texten).
In Rekordzeit erwächst aus der Unfähigkeit der Beteiligten, einfach mal für fünf Minuten das Maul zu halten, eine auditive Tortour, die ihresgleichen sucht.
Erst zum Ende hin, wenn Laia Costa als Victoria ihren grossen emotionalen Ausbruch hat, hat man zur Abwechslung wenigstens was zu Lachen.

Nach endlosen 136 Minuten ist es endlich vorüber.

Was bleibt also übrig? Ein Gimmick, das nicht nur an seiner schauderhaften Umsetzung krepiert, sondern sich von Grund auf an mit der Geschichte beisst. //Um auf Fish & Cat zurückzukommen: In Mokris Film bedingen sich Geschichte und Stilmittel gegenseitig. Bei Schipper stellt das Stilmittel der Geschichte ein Bein.
Aber wie erwähnt, Victoria hat den Silbernen Bären gewonnen. Werbewirksame Mätzchen täuschen das Publikum allzu oft über filmische Inkompetenz hinweg, das wissen wir spätestens seit Boyhood.

Ein letzter Gedanke mit auf den Weg: Regisseur Schipper redet ja von „Kriegsberichterstattung“ und „embedded sein“. Schaut euch mal Armadillo. Das ist eine Doku, bei der man tatsächlich das Gefühl hat, mitten drin im Krieg zu sein. Ganz ohne One-Take-Quatsch.


Bewertung: 1 von 5


  • Titel: Victoria
  • Land: Deutschland
  • Regie: Sebastian Schipper
  • Drehbuch: Sebastian Schipper, Olivia Neergard-Holm, Eike Frederik Schulz
  • Darsteller: Laia Costa, Frederick Lau, Franu Rogowski, Burak Yigit, Max Mauff
  • Verleih: Filmcoopi
  • Start: 18. Juni 2015

Fotos von Filmcoopi

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