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30. Juni 2015, 02:25 Movie

Kino: Taxi Teheran

Stefanie Füllemann - Jafar Panahi fährt als Taxifahrer durch die Strassen Teherans und macht durch die Geschichten seiner Fahrgäste erneut die Missstände in der iranischen Gesellschaft zum Thema.

Kino: Taxi Teheran
Fussballbegeisterte Mädchen, die sich als Männer verkleiden um ins Stadion zu kommen, eine junge Frau, die nicht ohne die Zustimmung ihres Vaters abtreiben darf oder ein vom Krieg gezeichneter Mann, der mit den signifikanten Klassenunterschieden in der iranischen Gesellschaft konfrontiert wird: Der iranische Filmemacher Jafar Panahi äussert sich in seinen Filmen immer wieder staats- und gesellschaftskritisch. 2010 wurde er deswegen zu einem Berufsverbot von 20 Jahren verurteilt und darf seither die Iranische Republik nicht verlassen.

Trotz der widrigen Umstände produziert Panahi weiter Filme – heimlich und vorsichtshalber in privaten Räumlichkeiten. Für seinen neusten Film jedoch verlässt Panahi das geschützte Setting einer Wohnung und wagt sich das erste Mal seit seiner Verurteilung mit der Kamera auf die Strassen Teherans. Dies tut er auf so simple wie geniale Weise: Er setzt sich in ein Taxi und fährt verschiedene Fahrgäste umher, die Kameras gut getarnt, damit man ihm nicht auf die Schliche kommt.

Während Panahi, hie und da schmunzelnd, seinen dokufiktiven Fahrgästen aufmerksam zuhört, erzählen diese was sie beschäftigt. Dabei werden neben Schulaufgaben oder abergläubischen Ritualen scheinbar beiläufig Themen wie die iranische Filmzensur, Frauenrechte oder die Justizpolitik angesprochen.
So erzählt Panahis Nichte (Hana Saeidi) von ihrem Filmprojekt für die Schule und den Regeln, denen sie beim Drehen folgen sollen: unter anderem dürfen keine unverschleierten Frauen, keinen Körperkontakt zwischen Frauen und Männern sowie keine Szenen oder Elemente, die an die unschöne Realität des iranischen Alltags erinnern könnten, gezeigt werden. Ein selbstreflexiver Kommentar zu Panahis Filmen, die mit vielen dieser Regeln brechen.

Während Panahi aufgrund seiner regimekritischen Filme vom eigenen Staat als Landesverräter dargestellt wird, gewinnt er an europäischen Filmfestivals verdienterweise zahlreiche Auszeichnungen. Auch für TAXI TEHERAN gab es Anfang Jahr an der Berlinale den Goldenen Bären. Die Preisverleihung fand – wie schon die Jahre zuvor – aufgrund seines Reiseverbots ohne Panahis Anwesenheit statt. Ein Umstand, der die Botschaft und die Brisanz seiner Filme noch verstärkt.

Die Aufmerksamkeit, die Panahi für seine Filme in Europa erhält, schafft eine wichtige Plattform für öffentliche Diskurse über die gesellschaftliche Situation im Iran. TAXI TEHERAN ist deswegen nicht nur aus künstlerischer sondern auch aus politischer Sicht absolut sehenswert.



Bewertung: 4.5 von 5



  • Titel: TAXI TEHERAN
  • Land: Iran
  • Regie: Jafar Panahi
  • Drehbuch: Jafar Panahi
  • Darsteller: Jafar Panahi, Nasrin Sotoudeh, Hana Saeidi
  • Verleih: Filmcoopi
  • Start: 2. Juli

Fotos von Filmcoopi
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