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7. Juli 2015, 13:02 Movie

Entourage im Kino

Gregor Schenker - Ein paar Schauspieler der dritten Garde versuchen, mit ihrem ersten grossen Kinofilm in Hollywood durchzustarten: Das ist zugleich die Produktionsgeschichte und die Handlung von „Entourage“. Viel weiter reicht der Humor leider nicht.

Entourage im Kino
Während der Pressevorführung von Entourage ist ein Kollege, der hinter mir sass, eingeschlafen. Normalerweise hätte mich sein Schnarchen genervt, aber angesichts dieses Films konnte ich ihm nur zustimmen.

Zu den lustigsten Komödien, die den Hollywoodbetrieb auf die Schippe nehmen, gehört Robert Altmans The Player (1992). Tim Robbins spielt darin den Produzenten Griffin Mill. Während der in ein Mordkomplott verwickelt wird, gerät er an zwei Drehbuchautoren, die ihm ein Gerichtsdrama verkaufen wollen. Die beiden stellen sich einen Anti-Hollywood-Film ohne Stars oder Happy End vor: Im Zentrum steht eine zu Unrecht verurteilte Frau, die hingerichtet wird.
Mill überlässt die Produktion einem Emporkömmling, der die dreckigen Griffel nach seinem Job ausstreckt. Das Kassengift bricht schliesslich dem Konkurrenten den Rücken, während Mill selbst sich als Retter des Projekts aufspielt: Er macht aus dem bewegenden Werk einen Box-Office-Hit, in dem Bruce Willis Julia Robert im letzten Moment aus der Gaskammer holt.

Auch Entourage dreht sich um einen Produzenten: Ari Gold (Jeremy Piven) bemüht sich, seinen ersten Film aus dem Boden zu stampfen. Die Hauptrolle bietet er seinem Kumpel Vince (Adrian Grenier) an, der nur unter der Voraussetzung akzeptiert, dass er auch die Regie übernehmen darf. Zähneknirschend willigt Ari ein. So macht sich Vince mitsamt seiner Entourage daran, das Kino mit Hyde zu revolutionieren, einer modernen Version von Dr. Jekyll and Mr. Hyde.

Während The Player ein komödiantisches Meisterwerk ist, bekommt Entourage gerade mal ein paar mild unterhaltende Witze zustande. Robert Altman konnte es sich seinerzeit nach einer langen Karriere und Hits wie MASH oder Nashville leisten, mit The Player eine bitterböse Satire auf Hollywood zu inszenieren, bei dem alle ihr Fett wegbekamen – und trotzdem mitspielten. Selbst der Held seiner Geschichte ist ein Arschloch.

Doug Ellin hingegen hatte nach ein paar drittklassigen Komödien erst mit der HBO-Serie Entourage seinen ersten richtigen Erfolg. Lose basierend auf dem Werdegang von Mark Wahlberg (der auch ein Produzent der Serie war), erzählt die Fernsehserie von Vince und ein paar Freunden, die nach Hollywood ziehen, um ganz gross rauszukommen.
(Full disclosure: Ich habe keine Folge davon gesehen, aber nachdem der Verleih unter anderem einen Selfie-Stick zur Verlosung anbot, hatte ich das unbedingte Bedürfnis, den Streifen zu besprechen.)

Die Kinoversion von Entourage macht nun den Eindruck, als wollte es sich der Anfänger Ellin bloss mit niemandem verscherzen. Wenn Stars wie Jon Favreau oder Liam Neeson auftauchen, so bleibt er ihnen gegenüber stets lieb und nett. Dazu sind Vince und seine Kumpels moralisch einwandfreie Helden, und auch wenn ihnen ein paar Stolpersteine in den Weg gelegt werden, so kommt an Ende alles gut. Nichts als Friede, Freude, Eierkuchen.

Apropos Stolpersteine: Als solcher erweist sich der Hauptgeldgeber von Ari, der texanische Geschäftsmann Larsen McCredle (Billy Bob Thornton). Beziehungsweise dessen Sohn Travis (Haley Joel Osment), der Hyde auf seine Erfolgsaussichten abklopfen soll. Natürlich hat der verzogene Milliardärsspross nichts Besseres zu tun, als das Projekt nach seinen Vorstellungen umzukrempeln. Unter der Drohung, dass sonst die Finanzierung versiegt. In erster Linie findet er, man müsse den (fast fertigen) Film mit einem anderen Regisseur und Hauptdarsteller neu drehen.

Was sich abgenudelt anhört, ist es auch, und es ist allein den Darstellern zu verdanken, dass die Sichtung nicht zur Qual wird. Insbesondere Jeremy Piven in der Rolle des cholerischen Produzenten schwitzt genügend Charisma, um fast jeden noch so lahmen Joke zu retten.

So ähnlich läufts auch, wenn E (Kevin Connolly) fürchtet, eine Frau während eines One-Night-Stands geschwängert zu haben. Oder wenn Drama (Kevin Dillon) feststellt, dass im Internet ein Masturbationsvideo von ihm kursiert. Originell oder geistreich ist das nicht, aber die Schauspieler sind witzig genug, um dem Film gerade noch so über die Ziellinie zu helfen.
Nur Adrian Grenier als Vince ist eine charismafreie Zone. Travis' Einwände gegen Vince haben was für sich.

Am Ende gehen dann mit Doug Ellins die eigenen Tagträume durch: Hyde entpuppt sich als ein Meisterstück, das von Kritik und Publikum gleichermassen geliebt wird, Milliarden einspielt und haufenweise Oscars gewinnt. In Altmans Film basiert der Erfolg auf dem totalen Ausverkauf der künstlerischen Vision. Ellins Entourage hingegen läuft auf ein ungebrochen kitschiges Happy End hinaus – Vince und Ari haben sich gegen jeden Eingriff in ihr Werk durchgesetzt.

Hier drängt sich der grundlegende Unterschied zwischen The Player und Entourage an die Oberfläche: Robert Altman distanziert sich vom Hollywoodbetrieb, Doug Ellin möchte nur allzu gern dazugehören.
Ellin feiert in seinem Film einen Lifestyle, der sich um teure Autos und Yachten voller Bikini-Schönheiten dreht. Altman deckt die menschlichen Abgründe dahinter auf.
Altman pisst der Traumfabrik ans Bein, Ellin leckt Hollywood den Hintern.
Weil man aber aus Arschleckerei keinen Humor destillieren kann, muss Entourage als Komödie versagen.



  • Titel: Entourage
  • Land: USA
  • Regie & Drehbuch: Doug Ellin
  • Darsteller: Kevin Connolly, Adrian Grenier, Kevin Dillon, Jerry Ferrara, Jeremy Piven
  • Verleih: Warner Bros.
  • Start: 9. Juli 2015

Fotos von Swisspressportal
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