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30. Juli 2015, 00:00 Movie

Im Kino: Ich seh ich seh

Gregor Schenker - Ödipaler Arthousehorror aus Österreich: "Ich seh ich seh" handelt von Zwillingsbrüdern, die ihre Mutter nicht mehr wiedererkennen: Sie muss eine Betrügerin sein. Um die echte zurückzubekommen, ist ihnen jedes Mittel recht.

Im Kino: Ich seh ich seh
Benutzt du Zahnseide? Nach diesem Film nicht mehr.

Die eineiigen Zwillinge Elias und Lukas, beide elf Jahre alt, geniessen den Sommer: Im Wald herumstreunen. Baden im See. Trampolinspringen. Ein Rülpswettbewerb im Wohnzimmer des ultramodernen Ferienhaus.
Aber von der Tonspur ist die ganze Zeit dieses tiefe, langsam pulsierende Brummen zu hören. Das leise Dröhnen der Apokalypse. Und die Jungs haben auf ihrem Zimmer ein Terrarium voller riesiger Kakerlaken versteckt.
Man ahnt: Hier ist was faul.

Und tatsächlich bricht mit der Mutter der Horror ins Idyll ein. Sie hat dem Anschein nach eine Operation hinter sich, ihr Kopf ist in Bandagen gewickelt. Sie sieht nicht nur aus wie eine Mumie, sondern verhält sich auch streng, teils bösartig.
„Absolute Stille im Haus!“, herrscht sie ihre Söhne an und jagt sie nach draussen. Sie muss sich ausruhen.
„Sie ist so anders“, meint Lukas.

Ähnlich wie The Babadook zeigt Ich seh ich seh eine Mutter-Kind-Beziehung, die zutiefst gestört ist. Doch wo das australische Gruselmärchen darin immerhin noch etwas Humor fand, ist der österreichische Terrorfilm vollkommen hoffnungslos. Die Mutter wird mehr und mehr zur hexenhaften Albtraumgestalt.

Irgendwann ist für Elias und Lukas klar: „Du bist nicht unsere Mama.“
Sie schaffen es, die Schwindlerin ans Bett zu fesseln. Um aus hier herauszubringen, wo die echte Mutter steckt, greifen sie zu extremen Mitteln. Hier kommt die Zahnseide ins Spiel.

Veronika Franz und Severin Fiala (Buch & Regie) bedienen sich der Spielregeln und Klischees des Horrorfilms. Wer sich ein wenig im Genre auskennt, für den wird der Handlungsverlauf keine grosse Überraschung darstellen.

Und doch wühlt Ich seh ich seh wie kein anderer Horrorfilm in den Eingeweiden des Publikums. Denn Franz und Fiala, die aus dem Wirkkreis von Ulrich Seidl stammen, haben ein feines Gefühl für Realismus. Wo man übertriebene Streifen wie Saw oder Hostel kaum ernst nehmen kann, packt einen Ich seh ich seh so richtig bei der Kehle, weil der Film in erster Linie ein genau beobachtetes Familiendrama ist.


  • Titel: Ich seh ich seh
  • Land: Österreich
  • Buch & Regie: Veronika Franz & Severin Fiala
  • Darsteller: Susanne Wuest, Lukas & Elias Schwarz
  • Verleih: Praesens-Film
  • Start: 30. Juli 2015

Fotos von Praesens-Film
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