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31. Juli 2015, 15:18 CD / Vinyl Music

Keine «3-Minuten-Popsong»-Lieferanten

Patrick Holenstein - The Espionne sind aus Luzern, haben eben ihr Debüt abgeliefert und klingen im besten Sinne sympathisch.

Keine «3-Minuten-Popsong»-Lieferanten
Wie definiert man Leidenschaft? Wenn es nach der Luzerner Band The Espionne geht, dann schliesst man sich im Studio ein und schaut, was passiert. So offenbar passiert. Zwei Monate lang hat die Band, so besagt es die Pressemitteilung, «jeden Abend ihre Schlafsäcke zwischen Mischpult und Gitarrenverstärker ausgerollt, um sich am Morgen nur aus der Hülle schälen zu müssen und sofort weitermachen zu können.» Das klingt irgendwie sympathisch und man stellt sich direkt vor, wie fünf Freunde eifrig an Perlen wie «Out Of The Night» geschliffen haben.

Aber genug der PR-Romantik und hin zur harten Realität. Da liegt das Debüt einer Schweizer Band vor einem. Auf dem Cover ein kunterbunter Vogel, der einen gebannt ins Visier nimmt. Drehen wir den Spiess um und hören in die Platte rein. Beim ersten Hördurchgang bleiben vor allem zwei Dinge haften. Die grosszügig ausgelegten Synthie-Teppiche und die verspielten Gitarren. Etwa beim bereits erwähnten «Out Of The Night», das sich genüsslich in imaginärem Soundnebel suhlt, bis plötzlich eine Gitarre die Szenerie zerreisst und neue Aspekte bringt. Weiter folgen Schlagzeug und Bass und der Song entwickelt sich immer mehr zur irgendwie düster-verspielten Popnummer und schon hier fühlt man sich an eine Band erinnert, die als Inbegriff der Perfektion gilt: Steely Dan.

«In Colour» = Kunterbunter Vogel

Aber das mag im Auge des Betrachters liegen, vielleicht nur der Hauch eines Gedankens, einer Erinnerung sein und mit der Perspektive des Schreibenden zu tun haben. Beim zweiten Durchgang fällt dafür auf, wie sehr die Songs ausgereift sind. Oft glaubt man die Idee, die am Anfang stand, noch schimmern zu sehen, aber gleichzeitig darf man Zeuge werden, was die Band daraus gebastelt hat. Denn kein Song klingt gleich und ziemlich jedes Lied bekommt viel Zeit, um sich zu entwickeln. Hier sind keine «3-Minuten-Popsong»-Lieferanten am Werk. Der letzte Song darf sich sogar auf über sechs Minuten ausbreiten. «Steps In December» beginnt leise, bedacht und ein bisschen «kühl», wacht mit zunehmender Länge aber auf, entwickelt sich zum pittoresken Musikbild und darf zum Schluss nochmals richtig Gas geben und «In Colour», wie die Platte heisst, abschliessen.

Der dritte Hördurchgang offenbart dann kleine Spielereien auf der textlichen Ebene. Etwa die Cecilia – ob der Name Zufall oder als Reminiszenz an Simon & Garfunkel gedacht ist? -, die mit dem Feuer spielt und musikalisch gleich der grösste Ohrwurm auf der Platte sein darf. An diesem Punkt erinnert die Band in Facetten an Glasvegas. Das zeigt die Bandbreite. Als Abschluss sei der Song «Upper Class Hero» noch erwähnt. Er unterstreicht auf simple Weise, dass es Espionne verstehen, eingängige Songs zu schreiben und gleichzeitig Anspielungen an die Musikgeschichte zu verstecken. So darf der kunterbunte Vogel auf dem Cover durchaus symbolisch verstanden werden. Und plötzlich scheint die vermeintliche Nähe zu Steely Dan nicht mehr so abwegig.

Alle Infos und Musik zur Band gibt es auf der Website von The Espionne.

Titelbild: The Espionne / Promoshot

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