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1. September 2015, 00:00 Movie

„Still the Water“ im Kino

Gregor Schenker - Eine japanische Insel. Ein Mädchen und ein Junge. Das Meer. Eine geschlachtete Ziege. Der neue Film von Naomi Kawase hat schöne Bilder, aber dumme Dialoge.

„Still the Water“ im Kino
Kyoko: „Wieso müssen Menschen geboren werden und sterben?“
Kaito: „Ich weiss nicht.“
Kyoko: „Es gibt keinen Grund.“

Wenn zwei Teenager das sagen, denkt man sich: „Nun ja, das sind halt Teenager. Wann hätten Teenager jemals was Intelligentes von sich gegeben?“
Dann fangen jedoch auch die Erwachsenen an, ähnliche Plattitüden von sich zu geben, und man beginnt zu ahnen, dass Regisseurin Naomi Kawase sich ein bisschen zu ernst nimmt. Höhepunkt ist schliesslich die Szene, in der die beiden Jugendlichen der Schlachtung einer Ziege beiwohnen. Das Mädchen Kyoko schaut ganz genau zu, während das Tier langsam ausblutet, und proklamiert schliesslich bedeutungsschwanger: „Der Geist [Pause] ist gegangen.“
Genau für so einen Quatsch wurde das Wort „prätentiös“ erfunden.

Hättest du geschwiegen, wärst du Philosoph geblieben: Frau Kawase hätte es gar nicht nötig, dem Publikum die Themen ihres Films vorzukauen, denn derart kompliziert ist Still the Water nun auch wieder nicht. Der junge Kaito ist mit seiner Mutter von Tokyo auf eine kleine japanische Insel umgezogen, nachdem sich seine Eltern getrennt haben. Wohingegen das Mädchen Kyoko auf der Insel aufgewachsen ist. Kaito ist also ein Stadtkind, während Kyoko im Einklang mit der Natur lebt. Das Mädchen geht jeden Tag im Meer schwimmen, Kaito hat Angst vor dem Ozean.

Die Jugendlichen kommen sich allmählich näher – da schwemmen die Wellen den leblosen Körper eines tätowierten Mannes an den Strand. Kaito glaubt, in dem Toten einen Liebhaber seiner Mutter zu entdecken, was in der Folge zum Verwürfnis zwischen Sohn und Mutter führt.
Derweil muss sich Kyoko damit auseinandersetzen, dass ihre Mutter (eine Schamanin) an Krebs stirbt.

Solang man die Dialoge ausblendet, ist Still the Water das spannende Porträt eines modernen Japans zwischen Moderne und Tradition, ohne dass Kawase die eine Seite höher gewichten würde als die andere: Die Energie von Tokyo ist ebenso elementar wie die Spiritualität der Insel, die Bilder der farbenfrohen Stadt sind ebenso schön wie die der Mangrovenwälder am Wasser.

Und nachdem Kyokos Mutter gestorben ist, gelingt der Regisseurin endlich ein originelles Gleichnis. Der Vater des Mädchens ist nämlich, wie so viele Menschen auf der Insel, ein leidenschaftlicher Surfer. So vergleicht er die geliebten Menschen mit Wellen, die einen tragen, und sagt über seine tote Frau: „Sie war für mich die beste aller Wellen.“


  • Titel: Futatsume no mado
  • Land: Japan/Frankreich/Spanien
  • Regie & Drehbuch: Naomi Kawase
  • Darsteller: Jun Yoshinaga, Nijirô Murakami
  • Verleih: Filmcoopi
  • Kinostart: 3. September 2015

Fotos von Filmcoopi
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