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11. Juni 2007, 00:00 Interview

Muff Potter am Openair Zürich

Christina Ruloff - 'Wir schreiben allgemein gegen die Mentalität „Du kannst alles verändern, wenn du nur willst“, an.' Dennis spricht über Topforty-Platzierungen, Deutschtümelei und das neue Album 'Steady Fremdkörper'. Muff Potter sind Shredder, Brami, Dennis und Nagel, hier in Nagels Küc...

'Wir schreiben allgemein gegen die Mentalität „Du kannst alles verändern, wenn du nur willst“, an.' Dennis spricht über Topforty-Platzierungen, Deutschtümelei und das neue Album 'Steady Fremdkörper'.

Muff Potter sind Shredder, Brami, Dennis und Nagel, hier in Nagels Küche.

Students.ch: Gratulation zur Topforty Platzierung! Zur Feier werdet ihr in verschiedenen kleinen Locations spielen... zum Beispiel in einer Dönerbude in Münster. Wie habt ihr das geplant?

Dennis: Ja, das geht nächste Woche los. Wir sind echt total gespannt darauf, das wird sicher anstrengend, aber darin liegt ja auch der Reiz. Wir werden uns dann zurückversetzt fühlen in die Zeit von vor zehn Jahren, wo wir ganz kleinen Buden aufgetreten sind, wo vielleicht 80 Leute reingepasst haben. Wir freuen uns sehr darauf. Es passen halt so viele Leute rein, wie reingehen und der Rest muss draussen bleiben. Es wird wahrscheinlich ziemlich chaotisch.

Wie seid ihr denn gerade auf diese drei Locations gekommen? „Eckkneipe in Berlin-Neukölln, eine Bar in Hamburg-Altona und eine Dönerbude in Münster“... Habt ihr noch eine spezielle Bindung aus der Vergangenheit zu diesen Läden?

Das hat sich einfach so angeboten. In Münster wohnen wir, in Berlin kennen wir viele Leute und Hamburg ist uns auch nahe. Und vom Routing her hätte München sicher nicht reingepasst.

Wie überraschend kommt denn die Topforty Platzierung? Habt Ihr euch das kontinuierlich erarbeitet?

Erarbeitet ja, aber verwundert hat’s einen dann trotzdem. Man ist schon so lange dabei und macht diese Art von Musik, ändert nichts an den Songs. Aber natürlich weiss man ja auch um die Mechanismen im Business, Promo und so weiter. Man weiss woher’s kommt aber man freut sich natürlich doch.

Also habt ihr eigentlich damit gerechnet?

Nee, wir haben schon gezittert, was denn so werden wird aus uns. Aber wir hatten auch eine gute Stimmung. Letztes Mal sind wir auf Platz 80 eingestiegen und hatten damals sehr viel weniger Medienpräsenz. Jetzt haben wir viel mehr Interviews gemacht, es gab Artikel von Zeitungen und so und das hat sich sicherlich bemerkbar gemacht. Mit Nummer 40 haben wir aber alle nicht gerechnet. Wenn man jetzt aber sagen kann „Voll geil, wir sind eine Topforty Band“, ist das schon witzig. Platz 41 wäre ja genau so witzig oder nicht witzig, aber das Witzige ist eben folgendes: Wir kommen ja vom Land und als Teenager waren wir auch immer nur bei irgendwelchen Topforty Bands, weil nix anderes los war. Jetzt kann man sagen, „He, wir gehören auch dazu!“

Glaubst Du, dass das euren Status in den Medien gross verändern wird?

Nein. Es ist nicht das zwingende Argument für alle Radiostationen uns jetzt zu spielen. Leider nicht.

Mit eurem Musikstil ist’s auch schwierig im Radio gespielt zu werden, nicht?

Natürlich. Klar wäre es schön, aber wir versuchen es anders zu schaffen. Wir versuchen halt, dass die Leute uns trotzdem spielen, weil die Leute uns einfach gut finden. Und nicht weil wir jetzt diese oder jene Rangierung haben. Das ist doch kein Argument! Dann lieber Top 100 oder Top weiss nicht was und die Leute spielen uns trotzdem, weil sie einen mögen.

Hat sich eure Musik während der letzten 10 Jahre gross verändert?

Natürlich hat sich unsere Musik verändert, unsere Texte auch. Wir verändern uns ja auch als Menschen, hoffentlich. Stilistisch ist das schwierig zu beurteilen, insbesondere wenn’s die eigene Musik ist. Ich tu mich mit Musikstilen schwer. Produktionsbedingungen haben sich natürlich vor allen Dingen geändert - wie viel Zeit man hat und wie viel Geld man hat. Aber vom Songwriting her: die Motivation Songs zu schreiben, die ist die gleiche wie vor 13 Jahren. Man ist ja selber so involviert. Als die Band vor 13 Jahren in mein Leben getreten ist, war das halt so ein Teil in meinem Leben. Das hat sich nicht geändert, genau so wie sich ein Verhältnis zur Familie nicht ändert.

Live in Aktion!

Lass uns doch über das neue Album „Steady Fremdkörper“ reden. Mir hat „Wunschkonzert“ grossen Eindruck gemacht. Wie ist die Geschichte um Oma Rixdorf entstanden?

Rixdorf ist ein Stadteil in Berlin. Er handelt von einem Vertreter, der eben so einen miesen Job hat und Sachen verkaufen muss und diese Oma Rixdorf macht ihm die Tür auf und ist so alleine und lässt ihn trotzdem rein, obwohl sie weiss er verkauft nur Dreck. Aber ihr Tag ist so einsam und sie kann ja auch so schlecht nein sagen. „In ungewissen Zeiten ist die Freiheit zu entscheiden ein Luxus“, lautet der Refrain. Wir schreiben halt allgemein gegen die Mentalität „Du kannst alles verändern, wenn du nur willst“, an. Das stimmt ja halt einfach nun mal nicht. Es gibt manchmal Sachen, Umstände, Schicksale von Leuten, die ihr Leben dann nicht mehr ändern können und davon handelt auch das Lied.

Eure Lieder sind alle ziemlich düster und kritisch. Woher kommt dieser Blick aufs Leben?

Ich finde, uns geht es mehr um das Sich - an - den - Haaren - wieder Herausziehen. Man geht von einem negativen Beispiel aus, beschreibt es und sieht dann halt das Positive. Egal welchen Song Du dir anhörst, Du wirst unterm Strich immer etwas Positives finden und mitnehmen können.

Ist das euer Ziel?

Ach „Ziel“, das find ich jetzt zu hoch. Man wird ja beeinflusst von ganz alltäglichen Dingen und die Motivation Musik zu machen ist nicht die dass man denkt: „Oh schön, super Wetter! Ich schreib jetzt mal nen Song.“ Man denkt ja über die Dinge nach, die einen beschäftigen. Und man versucht die negative Energie in positive Energie umzuwandeln, indem man Songs macht und da irgendwie aus der Negativität heraus kommt. Früher ging es bei uns ja immer darum, aus dieser Kleinstadt wegzukommen und was anderes zu sehen.

Daraus seid ihr jetzt herausgewachsen?

Nee, ich stelle immer wieder fest, dass wir noch immer solche Songs haben. Es handelt bei uns immer noch vom Getrieben - Sein, vom Sich – nicht - zu Hause - Fühlen, vom Sich - nicht - einrichten - Können.

Wie ironisch sind „die netten Mädchen, die „Fuck the war“ schreien“ in eurem Song „Gestern an der Front“? Da musste ich sehr schmunzeln...

Der Song handelt von Beliebigkeit und Belanglosigkeit. Man ist halt total oft enttäuscht, wenn man aus dem Haus geht und sich mit Leuten trifft und nur immer das Gleiche sieht. Es gibt viele Sachen, die halt so entstehen und dann wieder vergehen, weil halt einfach kein Fundament da ist. Man singt „Fuck the war“, weil’s ein Trend ist und dann ist’s wieder weg. Viele Dinge ändern sich nicht und nie und der Protagonist im Song geht dann wieder nach Hause.

Denkst Du, dass das ein Deutschland – spezifisches Problem ist?

Nö, überhaupt nicht. Ich kann das auch schwer beurteilen, weil ich mich zu 99% meines Lebens in Deutschland aufhalte.

Warum habt ihr beim Sampler „I can’t relax in Deutschland“ mitgemacht?

Unser Song Punkt9 nimmt halt Stellung zu dieser ganzen Problematik, dass es in Deutschland diese Deutsch-Quote geben sollte. Mehr deutsche Musik, weniger englischsprachige Musik um halt deutsche Künstler zu fördern oder so. Wir wollten sagen, dass man Musik und die Qualität der Musik nicht an einer Sprache festmachen kann. Das ist Quatsch. Man muss nicht deutsche, sondern gute Musik fördern. In Deutschland läuft am Radio ja auch nur deutschsprachige Musik, damit hat man die besten Chancen. Das hat sich zugespitzt und viele Leute haben sich ereifert und das auf eine ganz andere Ebene noch ausgeweitet... diese Deutschtümelei. Das wollten wir einfach auch was zu sagen.

Das ist überhaupt nicht euer Ding, Jubel-WM und so?

Nee, überhaupt nicht.

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