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21. September 2008, 14:16 CD / Vinyl Music

MTV Unplugged: Söhne Mannheims vs. Xavier Naidoo - Wettsingen in Schwetzingen

Patrick Holenstein - Dem musikalischen Ritterschlag gleich kommt die Ehre, ein MTV Unplugged Konzert geben zu dürfen. Einzigartig werden diese Konzerte durch die Regeln: Es dürfen keine elektrisch verstärkten Instrumente benutzt werden. Der Künstler oder die Band muss während des Konzertes sitze...

Dem musikalischen Ritterschlag gleich kommt die Ehre, ein MTV Unplugged Konzert geben zu dürfen. Einzigartig werden diese Konzerte durch die Regeln: Es dürfen keine elektrisch verstärkten Instrumente benutzt werden. Der Künstler oder die Band muss während des Konzertes sitzen. Ebenso gehört eine Coverversion ins Set. Zudem ist jeweils mindestens ein neuer Titel dabei. Die Reihe wird nun durch die Söhne Mannheims bzw. Xavier Naidoo fortgesetzt. Gerade im deutschsprachigen Raum lag die Latte immens hoch. Nicht nur, weil die Söhne Mannheims als exquisite Liveband gelten, sondern besonders wegen ihrer Vorgänger.

Herbert Grönemeyer spielte als erster Deutscher für MTV. Er setzte ein beeindruckendes Zeichen. Die Fantastischen Vier traten ein schweres Erbe an und übertrafen sich selbst. Sie spielten in der Balver Höhle im Sauerland und kreierten so eine optisch wie auditiv fesselnde Stimmung. Kultstatus erreicht hat auch das Unpluggedkonzert von Die Ärzte. Die Berliner bewiesen einer breiten Öffentlichkeit eindrücklich, dass sie mehr können, als postpubertäre Liedchen trällern. Das Konzert fand damals im Albert Schweitzer Gymnasium in Hamburg statt. Zuletzt wurde den Toten Hosen die Ehre zuteil. Campino & Co. entschieden sich für das Wiener Burgtheater als Spielort und jetzt sind die Söhne Mannheims an der Reihe. Auch sie liessen sich nicht lumpen und entwickelten das Konzept noch einen Schritt weiter.

Die Söhne Mannheims

Erst galt es, einen Ort zu finden, der den Vorgängern in nichts nachstand. In Schwetzingen wurde man fündig. Das dortige Rokoko-Theater auf Schloss Schwetzingen schien ideal. Aber das reichte noch nicht aus. So beschloss man, das erste Doppelkonzert in der Geschichte von MTV Unplugged zu geben. Also spielten Die Söhne Mannheims und Xavier Naidoo nacheinander je ein volles Konzert. Aber der Reihe nach. Babylon System eröffnet das Konzert der Söhne Mannheims. Das Zuhören macht von den ersten Tönen an richtig Spass. Zum Einen, weil das Konzert in perfekter Qualität aufgenommen wurde und die Songs glasklar klingen. Zum Anderen aber auch, weil die Mannheimer ihre Songs mit extrem viel Gefühl und erfrischend neu interpretieren. Weiter geht’s mit dem ersten neuen Song im Set, Lieder darüber singen. Die aktuelle Single, und gleichzeitig der zweite neue Song, folgt umgehend. Das hat die Welt noch nicht gesehen ist klar einer der Höhepunkte auf dem Album und er klingt in der Unplugged-Version noch schöner, als in der als Single erschienenen Studioaufnahme. Xavier Naidoo kommuniziert während des ganzen Konzerts mit dem Publikum. Doch am Ende dieses Liedes tritt Henning Wieland ans Mikrophon und erzählt eine kleine Anekdote darüber, wie er der Dominanz des Fernsehens entgehen wollte und zur Biografie einer grossen, deutschen Musiklegende griff. Davon tief beeindruckt entschieden er und die Band sich, für das verlangte Cover etwas von Reinhard Mey auszusuchen. Man hat sich für Ich wollte wie Orpheus singen entschieden. Natürlich fehlen die grossen Hits nicht. Wenn du schläfst und Geh davon aus sind zwar wunderschön instrumentalisiert, stechen aber nicht aus der Platte hervor. Die musikalische Vielseitigkeit, die von der Band gezeigt wird, lässt das gar nicht zu. Das Konzert wirkt wie aus einem Guss. Was könnte da den Schlusspunkt bilden? Klar, eine Gänsehaut erzeugende Version der Ballade Und wenn ein Lied. Was die Söhne Mannheims in Schwetzingen auf der Bühne bieten, passt nahtlos in die deutsche Reihe von MTV Unplugged. Naidoo hat sich selbst eine schwere Bürde aufgelegt, denn das kann nur noch schwer getoppt werden.

Xavier Naidoo

Naidoo wäre aber nicht Naidoo, wenn er vor einer Aufgabe dieser Art kapitulieren würde. 20'000 Meilen bildet den Opener. Leichte Zweifel schleichen sich ein. Irgendwie verliert der Titel in der Akustikversion seinen düsteren Touch. Anders Abschied nehmen. Ist der Titel schon im Original traurig und mitten im Leben, gewinnt er hier noch an Melancholie, das steht ihm sehr gut. Xaviers neuer Song heisst Wann. Als gesangliche Unterstützung bittet er an dieser Stelle Cassandra Steen auf die Bühne. Die Glashaussängerin ergänzt Naidoos Stimme und harmonisiert perfekt mit ihr.

Als zweiten Gastmusiker hat sich Xavier eine Koryphäe eingeladen. Bei Wo willst du hin und Alle Männer müssen kämpfen unterstützt ihn der Schweizer Harfespieler Andreas Vollenweider. Sein virtuoses Spiel gibt den beiden Songs einen leicht esoterischen Touch, welcher ihnen einen Hauch Mystik verleiht. Wie schon das erste Konzert des Doppelalbums überzeugt auch Naidoos Auftritt. Musikalisch bewegt er sich souverän und sicher auf gewohntem Terrain. Ob er sich bewusst gegen seine grossen Hits, wie Dieser Weg, entschieden hat, bleibt verborgen, spielt aber keine grosse Rolle. Denn auch Xavier Naidoo spielt auf dem hohen Niveau, wie man es von ihm gewohnt ist. Er hat sich für sein Cover einen Song aus den 80er Jahren ausgesucht. Woman in Chains, damals gesungen von Oleta Adams & Roland Orzabal. Das Schlussbouquet bilden Seine Strassen, den es bisher nie auf einem Album zu kaufen gab, und Sag es laut von Xaviers Debütalbum.

Naidoo hat ein sehr subtiles, gefühlvolles Konzert gegeben, er geht fast zärtlich an seine eigenen Songs heran. So gelingt es ihm, sein Solokonzert auf gleiche Ebene zu jenem der Söhnen Mannheims zu bringen. Dennoch sind die beiden Shows nicht gleich, sondern eher gegensätzlich und ergänzen sich somit perfekt. Xaviers Auftritt ist ruhig instrumentalisiert, wo hingegen die Söhne Mannheims voller Enthusiasmus mit Rhythmen spielen und variieren. Beiden Konzerten gelingt es perfekt, den Geist, die Faszination dieser exklusiven Gigs einzufangen. Das neueste MTV Unplugged aus dem deutschsprachigen Raum ist mindestens so gut wie seine Vorgänger. Das Problem ist nur, dass es nicht mehr viele Bands gibt, welche in die immer grösser werdenden Fussstapfen treten könnten.

Xaviers Naidoo

Söhne Mannheims

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