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2. Februar 2009, 13:14 Music Interview

Wendy McNeill im Interview

Simon Knopf - //Eben noch stand Wendy McNeill zum Soundcheck auf der kleinen Bühne vom Salzhaus in Winterthur. Lachend darüber, dass der brummende Bass „ihre Kniekehlen vibrieren lasse“ und Scherze reissend über ihr mangelndes Akkordeonspiel. Jetzt sitzt die zierliche Kanadierin mit ein...

Wendy McNeill im Interview
Eben noch stand Wendy McNeill zum Soundcheck auf der kleinen Bühne vom Salzhaus in Winterthur. Lachend darüber, dass der brummende Bass „ihre Kniekehlen vibrieren lasse“ und Scherze reissend über ihr mangelndes Akkordeonspiel. Jetzt sitzt die zierliche Kanadierin mit einem Becher Eistee in der Hand auf dem Bühnenrand im hinteren, abgesperrten Teil des Salzhauses. Mit einem leicht verschmitzten Lächeln und neugierig funkelnden Augen wartet die Musikerin auf die erste Frage.

Während dem Interview wird sie meist ihre Beine vom Bühnenrand baumeln lassen. Nur einmal springt sie auf, um lachend jene Tanzschritte zu imitieren, welche der Regisseur ihres aktuellen Clips mit einer Kojoten-Maske ohne Augenlöcher vollführen musste.

Das ist das letzte von fünf CH-Konzerten. Wie lief dein bisheriger Besuch hier?

Es war super! Alle vier Konzerte bisher waren einfach grossartig. Und jetzt freu ich mich auf heute Abend…

Ich konnte beim besten Willen keine einzige schlechte Review zu deinem neuen Album finden. Hast du etwas Negatives gelesen?

(lacht). Gut, das ist für mich jetzt etwas schwierig zu beantworten. Denn oft versteh ich ja die Sprachen, in denen die Rezensionen geschrieben sind, nicht. Zumindest im englischsprachigen Raum habe ich aber tatsächlich keine schlechten Reviews gesehen. Und in Schweden, nun, die paar Worte, die ich in den Texten verstand, waren jeweils positiv. (lacht) … und sonst sahen die Zeichen gut aus: Sterne und so (lacht).

Bekanntlich ist es seit einiger Zeit für Künstler jenseits des Mainstream nicht gerade einfach, ihre Musik unters Folk zu bringen. Wie schaffte es Wendy McNeill’s frischer Sound bis in die Schweiz?

Ich bin mir da selber nicht ganz sicher, wie das passiert ist (lacht). Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Leute, bei denen ich es nie erwartet hätte, meine Musik mögen. Dies hat vielleicht etwas zum Erfolg beigetragen. Vermutlich muss ich dir aber nicht gross erklären, dass es für eine unabhängige Künstlerin nicht ganz einfach ist, sich mit ihrer Musik durchzusetzen. Selbst wenn man weiss, dass es da draussen Leute gibt, welche die Musik mögen, bedeutet es eine Menge Arbeit, die wissen zu lassen, dass man ne neue CD hat, auf Tour geht etc. Man braucht einfach Leute, die einem helfen. Ich kann noch lange erzählen, ich sei eine unabhängige Künstlerin mit eigenem Label, aber ohne die Hilfe von Anderen wäre ich aufgeschmissen. In der Schweiz, beispielsweise läuft das halt super…

In Artikeln über dich trifft man oft auf Widersprüche bezüglich Genre-Zugehörigkeit. Da wirst du in einem Atemzug in die Ecke „Folk Noir“ und „nicht schubladisierbar“ gesteckt. Amüsiert dich das?

Im Prinzip zeigt es einfach meine musikalische Herkunft auf. Ich bin in Edmonton aufgewachsen, wo es eine eher kleine Musik- und Kunstszene gibt. D.h. es kommt zu sehr viel Cross-Over in diesem kleinen Universum. In dieser Umgebung hatte ich dementsprechend auch nie das Gefühl, irgendwelchen Regeln folgen zu müssen, mich zu einem bestimmten Kreis oder Genre zu bekennen.

In Folk-Kreisen bekennt man sich gerne zu klassischen Wurzeln wie Walt Whitman und Woody Guthrie. Bei dir scheinen europäische Einflüsse viel stärker zu sein.

Das stimmt. Die europäische Folktradition hat mich schon immer angesprochen und fasziniert. Ich wusste auch, dass ich früher oder später in Europa landen würde. Jetzt, da ich auf diesem Kontinent lebe, kann es sein, dass die Einflüsse sogar noch stärker geworden sind…

Die Atmosphäre auf deinen beiden aktuellsten Alben erinnert stark an eine Bert Brecht-, 1920er-, Theater-Stimmung. Eine Faszination?

Das ist eine interessante Beobachtung! Ich habe erst sehr spät mit Musik machen begonnen. Aber an der Kunsthochschule, an welcher ich studierte, hatten wir Musiktheater, Jazz und Tanz auf einer Etage. Ich glaube, dass diese Theater-Stimmung, die man in meiner Musik hört, aus dieser Konstellation entstanden ist. Dazu kommt, dass viele meiner Lyrics doch in einer Mischung aus klassischem Storytelling und Spoken-Word verhaftet sind. Also theatralische Qualitäten auch im Text…

Deine Songs zeichnen sich stets durch sehr dichte Atmosphären und starke Stimmungen aus. Kriegt man so was überhaupt in normalen Studiosessions auf Band?

Wenn ich ehrlich sein soll, bis zu „The Wonder Show“ habe ich Studiosessions überhaupt nicht gemocht. Mir war einfach der Druck von Zeit, Geld und Perfektionismus zu viel. Der Produzent, der jeden Take unter die Lupe nimmt, zerlegt und alles Leben raussaugt… nicht mein Ding! Deshalb haben wir irgendwann beschlossen, live aufzunehmen. Für das neue Album waren wir in einer ehemaligen Scheune. Der Typ, der dieses „Studio“ betreibt, ist ein kleines Genie (lacht). Der hatte jeden Winkel der Scheune mit Mikrophonen ausgestattet, überall waren Kabel und Apparaturen (lacht). Wir konnten also mit irgendeiner Idee da rein und drauflos spielen… der Ort war einfach magisch! Wir haben auch analog aufgenommen. Kein digitales Schneiden, nichts. Auf dem ganzen Album gibt es einen „Edit“, wo er wirklich das Band schneiden musste…

Um nochmals auf die Stimmung zurück zu kommen: deine Stücke rufen sehr starke Bilder hervor. Bei „The Wonder Show“ hatte ich stets das Gefühl, einen Tim Burton Film musikalisch vor mir zu haben. Der Clip zu „Ask me no questions“ erinnert sogar etwas an seine Zauberwelten…

(lacht) Tim Burton, nicht schlecht… . Ich glaube schon, dass ich stets probiere, meine Songs als etwas Ganzes hinzukriegen. Sprich, ich versuche musikalisch eine „Schachtel“ zu schaffen, in die dann die erzählte Geschichte passt… und der Clip, nun, der war so oder so eine super Erfahrung. Ich weiss nicht, ob dir das aufgefallen ist, aber der besteht nur aus einem Take. Es gibt keine Edits… Wir hatten eine stationäre Kamera und der Regisseur spielt gleichzeitig den Typen mit der Kojoten-Maske. Das war enorm witzig! Er stand hinter der Kamera, die Maske hochgeschoben, und sobald er an der Reihe war, zog er das Teil runter und sprang vor die Kamera (lacht).

Irgendwie passen aber auch deine Themen zu diesem Gesamtbild: Fabeln, Märchen, tragische Charaktere…

Das stimmt. Aber die entstanden meist dadurch, dass ich die Stimmung jenes Ortes auffangen wollte, an dem ich während dem Schreibprozess lebte. Während „The Wonder Show“ entstand, lebte ich zwei Jahre lang in Paris und pendelt manchmal in den Norden von Kanada. Dadurch findest du auf dem Album Geschichten über Figuren, die mir in Paris begegnet sind, aber beispielsweise auch jene über die Frauen im kanadischen Norden, die ich zu „Where the living was wild“ verarbeitet habe. Dasselbe gilt für das neue Album, „A Dreamers guide to hardcore living“. Da lebte ich bereits in Schweden, tourte aber in Brasilien. Und dort stiess ich unter anderem auf Bücher und Filme des „magic realism“. So gibt es dann jeweils eine Sammlung von „Schnappschüssen“, die offenbar von der Stimmung zusammenzupassen scheinen.

http://www.myspace.com/wendymcneill

http://www.lautstark.ch

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