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7. Oktober 2011, 21:33 Konzert

Konzertkritik: Leidenschaft aus allen Poren

Melanie Pfändler - In welche Schublade darf man Casper denn nun bitte stecken? Mit dieser Frage endete die Preview für sein gestriges Konzert. Und mit dem waghalsigen Versprechen, ihr im Abart auf den Grund zu gehen. Ernüchternde Bilanz: Mission gescheitert.

Konzertkritik: Leidenschaft aus allen Poren
Caspers Auftritt im Abart bot keine Antworten, er warf eher noch mehr Fragen auf – war seine Show doch nicht minder vielfältig, als das Publikum, das sie angelockt hatte: Emo-Kinder mit fragwürdigen Frisuren, harte Hiphop-Jungs, skandinavisch anmutende Schönlinge in Holzfällerhemden, selbstverliebte Indie-Mädchen in einem Hauch von Hotpants und sogar eine junge Frau in einem schweren Samt-Gothic-Rock vermischten 90 Minuten lang ihren Schweiss. Denn ja, es war heiss, sehr heiss, wie so oft im ausverkauften Abart. Nach der soliden Aufwärmübung von “Vierkanttretlager” liess der Hauptakteur erstmal tüchtig auf sich warten. Die weiblichen Teenie-Fans wurden schon von Hormonschüben geplagt, als endlich der Einstiegs-Song aus den Boxen drang. Und was für einer: “Fix you” von Coldplay, nicht gerade das Standardprogramm für diesen musikalischen Kontext.
Casper griff zu Beginn tief in die Dramatik-Trickkiste: Die Band entstieg dem Bühnennebel mit leuchtenden Kunstaugen und bot mit ihren Wolfsmasken eine sphärische Szenerie à la Darth Vader oder Donnie Darko. Die Rechnung ging auf. Die Konzentration im Raum ballte sich innert Sekunden, nur um sich wenig später in einer Explosion zu entladen: Der schummrige Club wurde zu einer dampfenden Schwitzkammer. Schweiss und Notwasserrationen flossen in Strömen und in der ersten Reihe vermutlich auch die Tränen: Die Kreischgeräusche, die bis in die hinteren Ränge drangen, wären auch einem Justin Bieber-Konzert würdig gewesen. Casper witzelte herzhaft über die Ultraschall-Schreie, verteilte grosszügig Wasserflaschen und verliebte sich nach eigenen Angaben mehrfach in all die schönen Schweizer Menschen.

Ingesamt strotzte das Konzert vor Stärke: “Michael X”, “Unzerbrechlich” und “Die letzte Gang der Stadt” bildeten wohl die intensivsten Momente. Doch einen Durchhänger leistete sich der Ausnahme-Rapper den ganzen Abend über nicht. Er tobte über die Bühne, hämmerte ein emotionsgeladenes Stakkato ins Mikrofon, animierte die Fans zum Hüpfen, Händestrecken, Mittelfingerzeigen und zu einer respektablen Wall of Death.
Was Casper und seine Live-Truppe da boten, war eine Achterbahnfahrt der Leidenschaften: Euphorieausbrüche wie etwa beim Zugabe-Kracher “So perfekt” wechselten sich mit fast sakralen Momenten ab, wie etwa bei der Prelude “Arlen Griffey”, wo die Stimme von Caspers amerikanischem Vater aus den Lautsprechern hallt und dieser seinem Sohn vier Wünsche mit auf den Weg gibt: “Be happy, stand up straight for your believes, remember your family and help people whenever you can.”Klingt kitschig. Ist es aber nicht. Mit soviel Authentizität, wie Casper sie an den Tag legt, kann man sich auch Lebensweisheiten und grosse Gefühle erlauben.

Egal, in welche Schublade man den jungen Wilden nun stecken möchte: Man kann auf alle Fälle lang darin wühlen und wird vermutlich nie endgültig fündig. Oder um es in Caspers Worten zu sagen: Erst wenn MTV wieder Musik spielt.

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