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4. Januar 2012, 14:03 Music Interview

Von ABBA bis Zappa ... mit Gustav

Patrick Holenstein - Für die aktuelle «Von ABBA bis Zappa»-Ausgabe stellt sich Gustav zur Verfügung. Der Freiburger Singer/Songwriter lauschte sich durch unsere Playlist und verriet, wieso er DJ Bobo mit Ska gekreuzt hat und was er von Coversongs hält.

Von ABBA bis Zappa ... mit Gustav
In Zusammenarbeit mit bäckstage.ch

Donnerstagnachmittag, mitten im Moods. Geschäftiges Treiben, Mikros werden aufgestellt, Instrumente gestimmt und verschiedenste Utensilien poliert. So langsam füllt sich die Bühne mit dem Equipment von Gustav. Doch bevor der «Chorleiter der Nation» sein Publikum verzaubert, nimmt er sich Zeit für Students und stellt sich einem musikalischen Interview.



  • Elvis Costello – «Veronica»
  • Album: Nur als Single veröffentlicht (1989)

Ich komme grad nicht auf den Namen.

Es ist Elvis Costello.

Ah. Ich kenne nicht sein riesiges Gesamtwerk, aber ich habe mir mal zwei, drei Alben gekauft.

An diesem Stück hat Paul McCartney mitkomponiert und er spielt auch den Bass.

(Hört aufmerksam zu) Ja, klar. Ich brauche manchmal den Refrain, um einen Song zu erkennen.


  • DJ Bobo – «Somebody Dance With Me»
  • Album: Dance With Me (1992)

(Lacht) Der Beat kann nur DJ Bobo sein. Also Eurodance ging komplett an mir vorbei.

Wieso hast du genau diesen Song für «Kampf der Chöre» ausgewählt?

Der Song klingt heute zwar eher lustig, ist aber trotzdem ein Zeitzeugnis der Neunziger. Damals stand ich total auf Grunge und habe nur Nirvana und solche Sachen gehört. Natürlich steht das Stück nicht für epochales Songwriting, das die Musikgeschichte verändert hätte. Mein Ziel bei «Kampf der Chöre» war dann auch, Songs zu wählen, die mir nicht so gefallen. Mir fällt es leichter, einen Song, den ich nicht mag, zu verändern als einen, den ich sehr mag.

Der Erfolg war ja riesig. Wie schnell war klar, dass der Song so klingen würde, wie er in der Sendung präsentiert wurde?

Es ist ja russischer Ska. Wir hatten jeweils nur eine Woche Zeit, um die Lieder umzuschreiben. Ich habe dann meine Liste von Songs, die ich nie hören würde, genommen und sofort gemerkt, dass man aus «Somebody Dance With Me» etwas machen kann. Der Refrain ist gut und ideal für einen Chor, weil die Leute mitsingen können. Der Beat in der Strophe bot sich förmlich an, um dort etwas in Richtung Ska zu machen. Aber vielleicht hätte ein anderer Musiker etwas komplett anderes aus dem Song gemacht.


  • R.E.M. – «Find The River»
  • Album: Automatic For The People (1992)

Das ist R.E.M. Was soll ich dazu sagen? R.E.M. ist keine Band, die mich wirklich begleitet hat. Ich habe sie nie wirklich gehört, bis auf zwei, drei Songs. Mich beeindruckt vor allem der Frontmann (Anm. d. Red.: Michael Stipe). Das ist einer, der sich hinstellt und was er sagt, das meint er auch. Einer, der eine grosse Persönlichkeit besitzt. Aber ich kenne ihr Werk nicht so.


  • Noel Gallagher – «The Death Of You And Me»
  • Album: Noel Gallaghers High Flying Birds (2011)

Keine Ahnung, wer das ist.

Das ist Noel Gallagher.

(erstaunt) Ist das? Mit seiner neuen Band?

Genau, mit Noel Gallagher’s High Flying Birds.

Ok, schön.

Hast du die Entwicklungen nach der Trennung von Oasis verfolgt?

Nein. Aber sein Bruder hat in diesem Jahr auf dem Gurten gespielt, davon habe ich ein wenig mitbekommen. Ich kann mich erinnern, dass wir ein anderes Mal am Gurten gespielt haben und Oasis waren am Tag vor uns auch am Festival. Wir sind dann Backstage rumgesessen, obwohl wir eigentlich nur für Sonntag Zutritt zum Gelände hatten. Irgendwie sind wir trotzdem rein gekommen und sassen schliesslich am Tisch mit den Gallagher-Brüdern. Die haben sich bestimmt gefragt, was denn wir Deppen dort verloren hatten. Es ging auch nicht lange, bis Securitas kamen und unsere Pässe sehen wollten. Also mussten wir raus. Sonst fällt mir die Debatte zwischen Blur und Oasis wieder ein. Ich fand Blur immer etwas besser. Unter meinen Mitmusikern gibt es einige, die grosse Oasis-Fans sind, weil sie halt stets grosse Stadionrefrains hatten. Ich persönlich fand Blur immer etwas verspielter und musikalischer. Aber es ist auf alle Fälle ein cooler Song.


  • Dire Straits - «Sultans of Swing»
  • Album: Dire Strais (1978)

Ah, Dire Straits. Mein Gitarrist ist einer der absolut grössten Dire-Straits-Fans. Wobei ich gar nicht weiss, ob er heute immer noch so ein Fan ist, er ist nämlich eine Wildsau auf der Gitarre geworden. Ich kann mich aber erinnern, dass er mit Dire-Straits-Songs angefangen hat. Die Songs hat er bei sich zu Hause geübt und wir waren alle begeistert. Speziell, weil er das Picking so im Griff hatte. Mark Knopfler (Anm. d. Red.: Frontmann der Dire Straits) spielt ja nicht mit Plektrum, sondern mit Picking. Die Songs der Dire Straits sind halt Evergreens, die man im Radio hört und sofort erkennt. Es ist natürlich extrem geil, wenn du eine Band bist und mit deinem Sound der Musikgeschichte so einen Stempel aufdrücken kannst. Man muss vier, fünf Töne hören und weiss genau, welche Band es ist.


  • Stefanie Heinzmann - «Roots To Grow»
  • Album: Roots To Grow (2010)

Ich muss kurz überlegen, was wir in der Schweiz so für Bands haben, die Reggae spielen. (Hört die Stimme) Ah, Stefanie Heinzmann. Es ist natürlich Wahnsinn, was sie für einen Erfolg in Deutschland erlebt hat. Aber auch verdient. Sie ist sehr, sehr musikalisch, hat eine gute Stimme und bleibt sich selber treu. Es ist toll, was ihr da widerfährt.

Aber sie musste doch über Deutschland. Glaubst du, in der Schweiz ist es schwieriger, den Durchbruch zu schaffen?

Sie hatte natürlich das Glück, dass sie über das Fernsehen bekannt wurde. Ohne das Fernsehen läuft heute wenig. Es gibt schon auch Selbstläufer im Internet, die noch gepusht werden, da und dort in Blogs auftauchen und bejubelt werden. Aber dadurch, dass es im Fall von Stefanie mit dem Fernsehen angefangen hat, war es wahrscheinlich leichter. Das soll natürlich ihre Leistung nicht schmälern, aber gerade die Schweizer haben oft das Gefühl, dass alles, was aus dem Ausland kommt, besser sei. Stephan Eicher ist so ein Beispiel. Ihn wollte kaum jemand hören, bis er nach Frankreich ging und Erfolg hatte. Dabei gibt es in jeder Schweizer Stadt sehr gute Stimmen und sehr musikalische Leute. Aber bei Stefanie Heinzmann würde ich schon sagen, dass das Fernsehen wichtig war. Ich habe das ja im kleinen Rahmen auch erlebt.

Stimmt, du warst nach «Kampf der Chöre» sehr begehrt.

Extrem. Wenn die Leute plötzlich auf dich aufmerksam werden und deine Musik hören, hast du plötzlich mehr Menschen im Publikum. Es ist extrem, was das Fernsehen ausmachen kann.


  • Iron Maiden - «The Number Of The Beast»
  • Album: The Number Of The Beast (1982)

(nach wenigen Tönen) Ohoh, «Number Of The Beast» von Iron Maiden.

Genau.

Ich bin natürlich damit aufgewachsen. Während der Sekundarschule lief das ständig und jeder hatte ein T-Shirt von Iron Maiden. Diese Art von Sound ist meine Jugend. Da gibt es ja unzählige ähnliche Bands, neben Iron Maiden.

Du coverst den Song aber auch.

Ja, ich habe mal ein Cover in einer Latin-Jazz-Version gemacht, aber es wurde gar nie veröffentlicht. Ich habe vor zwei, drei Jahren mein damaliges Album «666» getauft und wurde immer darauf angesprochen. Meine Musik klingt ja völlig anders, aber als ich angefangen habe Musik zu machen, war es genau diese Art Musik. Das habe ich erst für das aktuelle Album wieder aufgegriffen und bei einem Song gezeigt, dass ich mit Metal angefangen habe. Ich höre es aber bis heute gern.

Wie hast du denn die Songs für das neue Album zusammengestellt?

Beim neuen Album war es so, dass nach «Kampf der Chöre» plötzlich doppelt so viele Leute meinen Namen kannten, aber meine Musik nicht. Mir war wichtig, dass ich vom Chor wegkomme und die Leute merken: Das ist nicht der «Chörler». Ich habe nämlich keine Ahnung von Chorgesang. Mir war wichtig, den Leute einen Querschnitt aus meinem Schaffen in den letzten zwölf Jahren zu zeigen, damit wer will wieder à jour ist. Ich wusste aber, dass ich nicht Songs veröffentlichen wollte, die es so bereits 1:1 gibt. Also habe ich auf der ersten CD Songs, die es schon gibt, aber in Neuinterpretationen und auf der zweiten CD sind Sachen, die sich in den letzten Jahren angestaut haben.

Hast du denn einen Lieblingssong auf der CD?

Das ist bei den eigenen Songs immer schwierig. Es gibt immer mal wieder welche, bei denen ich denke, sie seien besonders gut gelungen. Oder man merkt erst viel später, wie gut einem ein Song gefällt. Zum Beispiel der letzte Song auf der ersten CD «Während Marlene schlief» ist eine wunderschöne Version geworden, weil das Original von 1998 noch nicht ideal war, da wir musikalisch noch nicht gut genug waren. Aber jetzt habe ich grosse Freude, dass der Song nach so vielen Jahren wie ein Diamant zu leuchten beginnt.


  • Jean Michel Jarre – «Rendez-vous 4»
  • Album: Rendez-vous (1986)

Du magst Synthesizer, stimmt das?

Müsste ich das kennen?

Es ist Jean Michel Jarre.

Boah, das ist schon krasser Synthie-Sound. (lacht) Früher habe ich eine Zeit lang kleine Orgeln und Synthies gekauft, die nicht mehr als hundert Franken kosten durften. Wenn ich in einem alten Musikladen oder einer Brockenstube war und ich gesehen habe, dass etwas nicht mehr kostete, habe ich es gekauft. Mittlerweile habe ich vier, fünf solche Geräte, die einen sehr eigenen Sound haben. Es sind Instrumente für sich, die ich manchmal nutze. Nur schon, weil sie eigen klingen. Diese Sounds findest du nicht mehr. Aber Jean Michel Jarre ist schon etwas krasser. Wobei seine Shows ja extrem sind. Was der Typ auf der Bühne macht, ist ja auch eine andere Welt. Er und irgendwie zehn verschiedenen Synthesizern um sich herum.


  • Feist – «Graveyard»
  • Album: Metals (2011)

Ist das Feist?

Ja, vom neuen Album, «Metals».

Mich spricht das ganze Folk- und Singer/Songwriterzeug sehr an. Ich finde, die letzte Platte von ihr, The Reminder, ist noch einen Zacken besser. Ich habe die neue aber bereits gekauft. Ich bin sehr beeindruckt von dem, was sie bietet und merke auch, dass Feist viele Spuren hinterlassen hat. Es gibt gerade diverse Frauen, die ähnlich klingen, mit feinen Stimmen und diesem typischen Folkssound. Das beeindruckt mich sehr.

Und sie ist sich auch treu geblieben als Künstlerin.

Sie ist ja Kanadierin und Montreal hatte eine starke Szene, in der sich all diese Musiker bewegten. Dann sind einige nach Paris oder Berlin übersiedelt und haben wieder Szenen gegründet. Man merkt einfach, dass sie wie eine kleine Familie sind, die jeweils Sounds kreieren, der dann auf sehr viele andere Musikerinnen und Musiker überschwappt. Es gibt extrem viel momentan, was ähnlich klingt und man muss oft überlegen: Ist das jetzt Feist oder eine neue Künstlerin? Das beeindruckt mich natürlich sehr, wenn jemand seinen eigenen Weg geht und sagt: Das ist mein Ding, das will ich machen. Ich versuche mir auch treu zu bleiben und voilà. Es sind oft Bands, egal ob sie sehr berühmt sind, ob sie R.E.M. oder U2 heissen oder nicht, die eigenständige Musik machen und die eine höhere Lebensdauer haben als Bands, die überall zusammenklauen und sehr beliebig klingen.


  • Devotchka – «Basso Profondo»
  • Album: A Mad And Faithfull Telling

Es sind Devotchka. Ich habe die Band gewählt, weil sie stilistisch ähnlich klingt wie du.

Meine Musik ist natürlich sehr vielseitig und hat irgendwie alles drin. Aber bei dieser Musik erinnere ich mich an einen Film von Emir Kusturica, der «Underground» hiess. Damals war noch Krieg in Jugoslawien und er hat den Krieg in diesem Film verarbeitet. Ich bin dann in Zürich per Zufall in diesen Film gegangen. Ich kannte auch Kusturica nicht und erfuhr erst danach, wie bekannt er ist. Dann kam diese Szene, in der der Bürgermeister eines Dorfes mit einer Brassband auftrat. Da habe ich das erste Mal gehört, wie geil das klingt und wie sehr die Leute dazu abgehen. Den Soundtrack dazu hat ja Goran Bregovich gemacht. Eine Zeit lang habe ich diese Musik sehr oft gehört und noch heute mag ich diesen Stil. Und das geht natürlich in diese Balkanecke. Auch bei mir kommen gelegentlich Bläser, Tubas, Akkordeons oder akustische Gitarren vor. So entsteht eine Art Zigeunersound. Ich mag das, es ist menschlicher Sound.

Kannst du dir denn vorstellen, Filmmusik zu machen?

Ich habe mal für «Metropolis» von Fritz Lang eine Live-Vertonung gemacht. Aber das ist schon ein Jahr her. Aber ich bin eh gegen gar nichts abgeneigt und schaue mir alle Anfragen, die ich bekomme, genau an. Nächstes Jahr mache ich bei einem zeitgenössischen Tanztheater mit, was für mich komplettes Neuland ist. Keine Ahnung, was mich da erwartet, ob das irgendwelche nackten Tänzerinnen sind oder so. Die tanzen auf der Bühne und ich mache den Sound dazu. Das ist für mich sehr spannend. Ich habe schon so viel Musik gemacht, verschiedene Bühnen gesehen und bin jederzeit offen für ganz neue Projekte. Auch Filmmusik, da wäre ich gar nicht abgeneigt.


  • Hellsong – «Skeletons Of Society»
  • Album: Minor Misdemeanors

Das Original stammt von Slayer.

(erstaunt) Echt? Was Slayer? Wie heisst denn das Original?

«Skeleton of Society»

Aha.

Hellsongs ist eine Gruppe junger Schweden, die Hardrock-Klassiker als Folksongs interpretieren.

«Das isch ja huere geil.» Sehr cool. Ich bin ja eigentlich einer, der es billig findet, wenn man covert. «Kampf der Chöre» war das erste Mal, dass ich Covers gemacht habe. Wenn du Songs von anderen übernimmst, ist das so nichts Kreatives, habe ich das Gefühl, und damit meine ich reine Coverbands. Auf Partys finde ich es cool und ich habe ja auch in Coverbands angefangen, aber irgendwann habe ich mir gesagt, dass es Zeit wird, etwas Eigenständiges zu machen. Einen Song zu nehmen und etwas komplett Eigenes daraus zu machen, hat natürlich schon etwas. Und trotzdem ist es einfacher, einen Song zu nehmen und umzuschreiben. Es braucht doch einiges mehr, um eigene Songs zu schreiben.

Man muss Hellsongs schon zugestehen, dass sie inzwischen auch selbst schreiben. Sie haben mit Covers angefangen und das Projekt wurde sehr erfolgreich.

Das liegt zum Teil auch an den Leuten. Die Menschen haben ungern neue Sachen und lieben es, wenn neues Material ein wenig bekannt klingt. Das ist hier der Fall und auch bei anderen Bands wie den Baseballs. Besonders ist, dass sie nicht nur die Musik transportieren, sondern auch den ganzen Stil in ihrem Auftreten übernehmen. Aber das Prinzip bleibt natürlich gleich, dass sie nicht selbst texten. Jeder, der mal einen Text geschrieben hat, weiss wie mühsam es ist. Das Gleiche gilt auch für das Songschreiben. Du brauchst eine Eingebung und zweifelst, ob dein Song gut genug. Einen Song zu schreiben ist viel intensiver als einen Song umzuschreiben. Aber beides hat seine Berechtigung, ich verstehe natürlich sehr, dass die Leute Covers mögen. Wenn ich ein gutes Cover höre, bin ich auch beeindruckt.

Vielen Dank, dass du dir die Zeit genommen hast.

Das aktuelle Album von Gustav, das seinen Namen als Titel trägt, ist im Handel erhältlich. Tourdaten oder sonstige Hintergrundinformationen gibt es auf der Webseite von Gustav.

Die weiteren Ausgaben: ABBA bis Zappa mit ...



Bildquelle: www.gustav.ch, @ by Sébastien Agnetti/Paris
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