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A propos de l'auteur

Genre

Garçon

Né(e) le

12.10.1983

Habite à

Berlin, Zürich

Etudes

Communication

Haute école

Fachhochschule für Technik und Wirtschaft Berlin

Billets de blog

Heimaturlaub

Heimaturlaub

moins de 1 ansColonnes

Helsinki ist tot. Berlin lebt!

Als Austauschstudent lebt man in einer Welt ohne Regeln. Vorübergehend nur ist man zu Gast und so lebt der durchschnittliche Punktsammler im Ausland als gäbe es keinen Morgen. Nur eines gilt es zu vermeiden, gleich dem ominösen, unantastbaren Apfel im Paradies, und natürlich habe ich mich darin verbissen, daran gelabt: Der Heimaturlaub.

Nirgendwo ist das Leben süsser und der Himmel blauer als in der Fremde. Das Leben davor, das niemals Anlass zur Klage gegeben hatte, scheint aus der Ferne plötzlich öd, überteuert und grau. Die eigenen Landsleute sind auf einmal bieder und verstockt; fast schon schämt man sich seiner Wurzeln. Das Gras ist halt noch immer grüner auf der anderen Seite. So geniesst man den Aufenthalt, die kurzfristige Flucht in die fremden Stadt, die ach so cool und hip und so-genau-mein-Stil ist und schenkt den Daheimgebliebenen ein überheblich müdes, bemitleidendes Lächeln.

Dann ist der Austauschstudent plötzlich wieder da, wo alles angefangen hatte. Heimaturlaub, für ein kurzes Wochenende nur. Weil sich weit weg von Zuhause die Wahrnehmung seltsam verschoben und verquert, hat man urplötzlich Lust auf ein Speckbrötli im Manorrestaurant. Man fährt also auf dem Fahrrad durch die Bahnhofstrasse. Und dann fühlt man, gleichwie Eva, den augenöffnenden Biss in die verbotene Frucht der Weisheit: Zürich ist viel zu teuer. Zürich ist rosarotes Poloshirt. Zürich ist zu sauber zum Leben. Zürich ist bünzlig bis auf die Knochen. Zürich ist tiefstes Aargau.

Doch all diese Erkenntnisse, die schlagartig und unwiderruflich feststehen und wohl beliebig weitergeführt werden könnten, sind nicht annähernd so schmerzhaft wie die eine Wahrheit, die mich, den Austauschstudenten wie ein Blitz trifft und endgültig aus dem ewiggrünen Paradies der Illusion vertreibt: Ich bin Zürich.

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Zwischentief

Zwischentief

moins de 1 ansColonnes

Hej Helsinki! Schönes Resümee eines akademischen Gastarbeiters. Bei mir dauert's noch. Derweil irre ich orientierungslos durch das Hochschulgebäude. Vor dem oberen Lesesaal huschen zwei Mädchen mit dicken Rucksäcken durch die Tür. Hier war ich noch nie, wo geht es hier raus? Wenig später öffne ich die Glastür zum Computerraum. Die Monitore flimmern, die Luft ist abgestanden und klebt in meiner Nase. Lautstark diskutieren 4 Studenten in 3 verschiedenen Sprachen eine Projektarbeit. Der arme Kerl im grünen Pullover hat wohl seine Aufgabe nicht erledigt. Er sieht elend aus. Irgendjemand ruft meinen Namen. "Hey, Tian!" Mit zusammengekniffenen Augen versuche ich das Gesicht im dunklen Kopf auszumachen und einzuordnen. Er hat kurze, braune Haare, modisch geschnitten, andeutungsweise gelockt. Dreitägiger Bartwuchs, lachende, braune Augen. Ein Allerweltsgesicht. Es sagt mir nichts. Verlegen werfe ich eine Begrüssung zurück. "Hey. Wasslos?" Dann setze ich mich an den letzten freien Platz und beginne mit dem Ausdrucken der Scripts.

Es ist nicht immer nur spassig, das Leben als Austauschstudent. Weil ich nicht vorhabe, am Schluss in die Verlängerung zu gehen und ein zusätzliches Semester anzuhängen, muss ich mich sputen, hier in Berlin. Stets darauf bedacht, bloss nicht zu viele der unsäglichen Punkte back home nachholen zu müssen, habe ich mich wie ein Geistesgestörter kreuz und quer durch alle Studiengänge und Semester eingeschrieben. Hauptsache studieren wie zuhause. Was in der Stadt verpönt ist, zählt an der Uni.

Natürlich ist es nicht nur schlecht. Ich habe schon viele Berliner Studentenzimmer gesehen, schreibe gerade an 5 Seminararbeiten und 3 Referaten mit 12 verschiedenen Leuten und habe viele nette Menschen kennengelernt. Aber da sind die Gesichter, die mir nach 3 Monaten und 2 gemeinsamen Vorlesungen pro Woche noch immer neu erscheinen, von Namen ganz zu schweigen. Dann kommt Nostalgie in mir auf und ich sehne mich einen Moment lang nach den Simons, nach Said und Lüc, nach Rose und Jeanine, nach vertrauten Gesichtern, die einen Namen haben. Und erlaube ich mir einen kurzen Heimaturlaub. Ich esse mit dem anderen Schweizer in der Mensa. Es gibt vegetarisches Cordonbleu. Ihm geht es genauso.

Punkte in Helsinki, Punkte in Berlin.

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Reise ins Wunderland

Reise ins Wunderland

moins de 1 ansColonnes

Ich will noch nicht fort von hier. Hamburg liegt zwar nicht weit, Busreisen nach Kopenhagen und Flüge nach Thessaloniki kosten auch nicht mehr als n' Appel und n' Ei. Doch mir gefällt's ausgesprochen gut hier in Berlin, weshalb ich vom Verreisen absehe. Ich komme auch so auf Touren und erlebe allerhand Abenteuerliches hier.

Letztes Wochenende, zum Beispiel, da war ich mit Dexter unterwegs. Dexter ist Weltreisender und hat einen Zwischenstopp in Berlin eingelegt. Ein paar Wochen hauste er in meinem Zimmer, ennet des Schreibtisches. Wir zogen zusammen durch die Stadt, auf der Suche nach ein bisschen Zerstreuung. Die Nacht zuvor war schon waghalsig genug, wir verbrachten sie in einem heruntergekommenen Elektroklub zusammen mit tanzenden Clowns, nackten Künstlern, semi-berühmten Bierflaschenmusikern und anderen interessanten Gestalten. Wir hatten Spass, gaben uns als Davoser Bergbauern aus, erläuterten Melktechniken und waren am Schluss irische Seemänner. Ein intensives Erlebnis, darum wollten wir es am nächsten Abend ein wenig ruhiger angehen.

Planlos ziellos irrten wir durch die Stadt, ein bisschen verloren, je länger, desto orientierungsloser. Um uns herum nur grosse, dunkle Wohnhäuser. Keine Bars, keine Musik, kein Leben. Irgendwann, kurz bevor wir uns endgültig verschollen wähnten, kreuzte eine Gruppe junger Menschen unsere verlorenen Kreise. Wir beschlossen, unauffällig und mit gebührendem Abstand zu folgen. Weiter ging's kreuz und quer durch die Berliner Nacht, die immerhin bald wieder lebendiger wirkte als die letzten vierzig Minuten davor. Schlussendlich standen wir vor einem grossen Tor, das nur halb angelehnt war und eigentümlich einladend wirkte, weshalb wir uns von unseren Führern verabschiedeten. Der Eingang führte auf einen Innenhof, der mit farbigen Lichterketten spärlich beleuchtet war. Es duftete nach frischgebratenen Buletten, ein untrügliches Zeichen für gute Feiern und die Schlange vor dem Eingang war beträchtlich, das Eintrittsgeld seine Bezeichnung nicht wert. Der Klub einmal mehr schmuddelig grau wie Berlin im Regen, das anschliessende Konzert farbig und pulsierend wie die Stadt an einem Sommersonntag. Les Haferflocken Swingers. Ein Geheimtipp für Stadtreisende und andere auf der Suche nach ertanzten Schweissreigen, Nachtreisen ohne Ziel und guter Hauptstadtmusik. Berlin-Helsinki-Moskau-Neverland. Jede Woche aufs Neue.

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Kulinarische Rauschzustände

Kulinarische Rauschzustände

moins de 1 ansColonnes

Lieber rohrer, das tönt nicht schlecht mit dem Vappu-Fest. Feiern statt zerstören ist eigentlich kein schlechter Ansatz. Auch in Berlin wurde am 1. Mai gefeiert, ein gigantisches Strassenfest in Kreuzberg mit vielen Bühnen, Fingerfood aus aller Welt und lustigen Attraktionen. Natürlich wurde nachher auch noch randaliert, dass gehört hier anscheinend zum guten Ton, habe ich aber selbst nicht mehr miterlebt. Krawalltouristen aus dem In- und Ausland, meist spiessige Vorstadtjugendliche aus gutbürgerlichem Elternhaus oder migrationsbehaftete Pickelgesichter mit Vorliebe für teure Markenklamotten, die der Lizenz zum alljährlichen Durchdrehen verfallen, sind nicht so mein Geschmack.

Wenn wir schon beim Geschmack sind, so will ich mich hier mit den kulinarischen Hochgenüssen meiner Gaststadt beschäftigen. Ich gebe es zu, Berlin ist nicht gerade für seine Hochkultur in diesem Bereich bekannt. Gängige Assoziationen beschränken sich auf das nähere Umfeld von Imbissbuden: Kebab, Buletten und Currywurst. Letztere gibt es in allen denkbaren Variationen, bisweilen sogar in unverhofften Ausprägungen. Zu meiner Schande muss ich eingestehen, dass ich das Gerücht weder bestätigen noch widerlegen kann, doch es soll einer Kameradin von mir passiert sein - sie war übers Wochenende zu Besuch: Die Currywurstverpflegung der übersinnlichen Art.

In einem schäbigen Kellerklub hatte sie sich nach der besten Currywurst Berlins erkundigt. Sie war dann an eine Imbissbude verwiesen worden, deren Standort mir leider nicht bekannt ist. Am nächsten Tag hat sie sich dorthin auf den Weg gemacht und sich eine dieser Wurstspezialitäten gekauft. Die Wurst soll zwar lecker, aber durchaus seltsam nach Kräutervielfalt und sonstigem Grünzeug geschmeckt haben. Ohne Argwohn aber hat meine Bekanntschaft die Wurst verdrückt und sich dann auf den Heimweg begeben. Weit ist sie allerdings nicht gekommen, ein seltsames Rauschgefühl soll sie hinterrücks überwältig und kurzzeitig gelähmt haben. Gesättigt und zünftig geflasht hat sie den unverhofften Trip auf einer Parkbank über sich ergehen lassen. Ob sie dabei fliegenden Imbissbuden in rosa oder Wursthalluzinationen begegnet, ist mir leider nicht bekannt.

Überhaupt, ob die Geschichte so stimmt oder nicht, kann ich leider (noch) nicht verifizieren. Ich suche noch immer nach der Hauptstadtspezialität der bewusstseinserweiternden Art. Und sollte sich das Gerücht bewahrheiten und sollte ich die Imbissbude finden, so werde ich euch meine Selbstversuche bestimmt nicht vorenthalten und genaue Wegbeschreibungen für teures Geld verticken.

Kulinarische Höhenflüge in Helsinki oder friteusenverseuchte Imbissmahlzeiten in Berlin?

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Backflash Berlin

Backflash Berlin

moins de 1 ansColonnes

Keine Angst, es folgen keine Geschichten von Sonnenschein und Sonnenbrand. Obwohl das Naherholungswochenende im weiteren Sinne auf Rügen erwähnenswert ist. Eigentlich wollte ich dir ja von da aus eine Flaschenpost über die Ostsee nach Helsinki schicken, doch dann habe ich die Buddel ausgetrunken und die Botschaft gelbglänzend ins eiskalte Meer gepisst.

Auf der Fahrt zurück, im Regionalzug der Deutschen Bahn, durch Feld und Wald, ist es dann über mich gekommen. Der Zug bahnte sich seinen Weg durch die Dämmerung in die Nacht, an den schweigenden Fahrgästen zog die endlose Landschaft vorbei. Plötzlich verschwamm mein Blick, die zerfallenen Häuser am Weg wirkten wie zerbombt. Endlose Weite auf beiden Seiten des Zuges, doch das Idyll zerfiel vor meinen Augen. Lange Schützengräben zogen sich durch das frühlingsgrüne Gras und ausgebrannte Fahrzeugwracks lagen am Fusse des Gleiswalls. Alle 100 Meter ragten drohend Wachtürme in die Höhe, als neben mir ein Soldat in tarnfarbener Uniform seinen Seesack öffnete. Augenblicklich füllte der ausströmende Geruch von Schweiss, Dreck, Zersetzung und Zerstörung das Abteil und vervollständigte meine düstere Vision. In mir kam Panik auf. In welchem Film sitze ich hier bloss? Wo geht‘s hier bitte raus? In den dunklen Baumgerippen am Ende des Feldes hingen schlaffe Fallschirme und gerade als ich meinen Blick von der unheilvollen Szenerie abwenden wollte, sah ich, wie sich etwas im Feld vorwärtsbewegte. Ein Soldatenspähtrupp?

Jäh fiel mein Starrblick in sich zusammen, als die Soldaten zu hüpfen und springen begannen - eine fröhliche Hirschfamilie beim Abendmahl. Innert Sekunden wurden die Schützengräben zu Bewässerungskanälen, Wachtürme zu Jagdsitzen und die Fallschirme in den Bäumen waren nichts mehr als harmlose Mistelzweige. Was blieb war die unsägliche Ausdünstung des Rekruten neben mir.

Zurück in Berlin, der grauen Schönheit, wurde mir das Ausmass meiner Vision bewusst. Achtlos bewege ich mich Tag für Tag über die geschichtsträchtigen Strassen dieser Stadt, dieses Landes. Leute versuchen zu vergessen, andere zu erinnern. Und ich hatte noch gar nicht darüber nachgedacht, über das Gestern dieser Stadt, das mich doch heute aus den alten Mauern und Strassen anstarrt. Klar, ich kenne die Geschichte der Stadt, die Geschichte von Kriegen und Mauern und Trennungen und Vereinigungen. Doch irgendwie habe ich bisher daran vorbei gelebt. Ich habe gelacht, gefeiert und getanzt, hell yeah, ich habe sogar getanzt. Bewusstlos. Bis sie mich überkam, die vergangene Zukunft.

Geschichten in Berlin, Geschichten in Helsinki.

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Babel, Backstuben, Berlin

Babel, Backstuben, Berlin

moins de 1 ansColonnes

Da soll noch einer behaupten, Berlin sei für einen Austauschstudenten keine Herausforderung! Ich werde ja immer wieder gefragt, meist mit einem leicht vorwurfsvollen Unterton, wieso ich ausgerechnet nach Berlin gegangen bin. Ein Austauschsemester, so scheint es, gehört sich für uns Schweizer in England, China oder meinetwegen Finnland. Halt irgendwo, wo man eine fremde Sprache spricht. An diesem Punkt folgt meine energische Einsprache! Berlin ist der reinste Turmbau zu Babel mit Sprachverwirrungen noch und nöcher. Ich wage sogar die Behauptung, dass es sprachtechnisch einfacher ist, in Helsinki zu studieren, als in Berlin. In Finnland weiss man wenigstens genau, auf was man sich einlässt und rechnet schon zu Beginn mit dem schlimmsten. Räuberpistole? Lasst mich euch mit zwei Anekdoten aus meinem Alltag bekehren:

Berlin gleich Deutsch. Dachte ich auf jeden Fall vor meinem Abflug. Naiv bin ich nicht, darum habe ich eine beträchtliche Portion Türkisch, Russisch und Arabisch einberechnet. Was mir hier jeden Tag begegnet, hat aber in meinen ärgsten Albträumen keinen Platz gefunden. Eine seltsame Abart unserer Sprache, ein mutantenhaftes Geschwür schleicht sich durch die Gassen Berlins, grinst frech drohend von den grauen Wänden und scheint sich in karnickelhafter Weise zu vermehren. Das Monster ist eine grausame Kreuzung Deutscher und Englischer Sprache, ein mordender Hybrid. Er lauert mir auf, verfolgt mich und springt just in dem Moment hervor, wenn ich ihn am wenigsten erwarte. Beispielsweise frühmorgens auf dem Weg zur Uni. Ich will mir vor der ersten Vorlesung eine Schrippe - so nennen sie hier Brötchen - besorgen und gehe dafür einen kleinen Umweg zur nächsten Backstube. In froher Erwartung auf den wohlriechenden Weihrauch frischer Backwaren biege ich um die Ecke. Es trifft mich aus heiterem Himmel. Da lauert es wieder, das fiese Monster. Dort wo einst ,Bäckerei‘, ,Backstube‘ oder ,Konditorei‘ gestanden haben muss, über der Tür, dort hängt jetzt ein grosses Schild, auf dem es sich die Bestie in fetten roten Lettern auf weissem Grund bequem gemacht hat. ,BACK SHOP‘. Was zum Teufel ist das? Mir schaudert. Beim Anblick des Schildes denke ich an gewaltsame Rückenhaarentfernung durch zarte russische Stahlarbeiterhände oder ähnliches. Bestimmt nicht an warme, frischgebackene Brötchen. Ich verzichte kurzerhand auf das Frühstück - Morgenessen gibt es nicht - und flüchte hungrig in die Vorlesung.

Noch viel schlimmer ist es einem meiner Schweizer Kumpels hier in Berlin ergangen. Auch er ein Austauschstudent, ein aufgeweckter, gutaussehender und zuvorkommender junger Mann in unserem Alter. Schwiegermamas Liebling weltweit. Es begab sich, dass er eines Abends im Ausgang ein junges, hübsches Berliner Mädel kennen gelernt hatte, mit ihr tanzte, scherzte und trank. Am Ende des Abends, zu Beginn der Nacht, begleitete ihn dieses Berliner Mädel nach Hause. Hand in Hand, fröhlich scherzend gingen sie durch die Nacht. Bei ihm zuhause, ich nenne ihn Roland, setzten sie sich aufs Sofa, tranken womöglich etwas, es folgte vielleicht auch ein erster, schüchterner Kuss. Das Berliner Mädel pflegte zu rauchen und wollte sich dafür auf den Balkon begeben. Roland, zuvorkommend wie er ist, sorgte sich um das Berliner Mädel und ihre kalten Füsse und bot ihr, freundlicherweise und ohne Hintergedanken, an: „Willst du Finken?“

Das Berliner Mädel stutze einen kurzen Augenblick, fasste sich aber sofort wieder. Abgebrüht, wie sie sind, und nur leicht irritiert erwiderte sie ihm: „Geht leider nicht, ich habe meine Tage“.

Berlin ist kein Pflaster für Pantoffelhelden.

Lapin Kulta oder Berliner Kindl? Der Austauschbattle auf students.ch

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Erasmus reimt sich auf Orgasmus

Erasmus reimt sich auf Orgasmus

moins de 1 ansColonnes

Lieber Rohrer im hohen Norden,
Du nimmst mir die Worte vorweg.
Deine Beschreibung des Homo Erasmus - dieser ganz eigenen Gattung - trifft den Nagel auf den Kopf. Wie in Helsinki, so auch im Osten Berlins. Mit meinen zarten 25 Jahren zähle ich unter den Austauschstudenten anscheinend bereits zum alten Eisen. Ein klassischer Abend des Homo Erasmus verläuft hier immerzu gleich: Um 19h00 versammelt man sich im Wohnheimzimmer eines spendablen Mitstudenten, meist einem respektierten Silberrücken, der bereits das zweite Semester in Berlin studiert, trinkt fleissig Flaschenbier und mixt Fruchtsäfte mit allen verfügbaren Alkoholika. Dann lacht Mann sich eine Studentin an - dies im wahrsten Wortsinne. Mit 20 und dem Segen des Heiligen St. Erasmus genügen einfachste Paarungsrituale, nur bloss keine hohen Ansprüche, bloss keine hochstehende Anmache: Erasmus ist simpel und einmalig, eine Art Initionsritus bar jeglichen Niveaus und Stils. Der männliche Student aus Irland oder England also lächelt um 21h00 einmal schüchtern in die Richtung einer angetrunkenen Studentin aus Finnland, Russland oder woher auch immer und schon rufen die herumstehenden Kommilitonen aus Frankreich, Polen und Mexiko frenetisch: „Kiss, kiss, kiss“ und klatschen bei erledigter Aufgabe eifrig Beifall. Die Party nimmt ihren festgelegten Lauf und spätestens um 22h00 liegt alles übereinander, was nicht mehr gerade stehen kann. Erinnert dich das nicht auch entfernt an Flaschendrehen und Bravohits? An Flaum auf der Oberlippe und die ersten Feuchtträume? „What happens in Erasmus, stays in Erasmus“, ist ein oft beschwörtes Ritual, hält man sich denn in der Masse auf. „Erasmus happens in the Wohnheim and stays in the Wohnheim“, ist der kritische Betrachter geneigt zu sagen.

Will man etwas von der Gaststadt Berlin sehen und die einheimischen Kultur mit all ihren Sub-Divisionen in sich aufsaugen, so empfiehlt sich die schnellstmögliche Abkehr von der Erasmus-Masse, im dringenden Falle sogar der Umzug in eine lokale WG. Frei von legitimierten Zwängen und billigster Traditionen kann man sich ungehindert dort bewegen, wohin einem kein Erasmus-Mob folgt. Dieser nämlich scheut den Kontakt mit Einheimischen weitaus mehr als der Teufel die gebunkerten Weihwasservorräte des Vatikans. Die kollektive Kulturverweigerung dieser besonderen Rasse ist zwar weder tragisch noch gefährlich, allerdings irgendwie zu bedauern. Liegt doch das wahre Leben auf den Strassen ausserhalb der Studentenwohnheime, dort wo die Stadt atmet und schwitzt und lebt.

Es gibt da die gehoberen Klubs, wo man zwar ein paar Euro Eintritt bezahlt, auf das in Zürich bekannte leide Selektionsverfahren beim Einlass aber vergeblich wartet. Die Mucke [sic!] ist grundsolide und gut bekömmlich, es gibt halt für jeden Geschmack etwas. Viel spannender sind hingegen die schmuddeligen Hinterhofklubs, die es hier zuhauf gibt. Mit vermeintlicher Illegalität wird wohl nur zu oft gerne um Publikum geworben, sie gleicht einem Qualitätsmerkmal und der Charme des Verbotenen scheint zu wirken. Eine bunte Mischung lebensfroher Menschen jeglichen Couleurs tanzt ausgelassen zu Elektrobeats und Punksongs, draussen im Hof grilliert derweil ein bärtiger Opa in Bähnlertracht Würste und Buletten. Die Stimmung ist gut und die Luft ist rein, das Rauchverbot gilt zumindest meistens. Und ist man dann frühmorgens auf den verkackten Strassen Berlins unterwegs, so ist man nie allein. Berlin soll nachts noch sicherer als tagsüber sein. Vielleicht auch, weil sich der Erasmus-Mob nächtens in den Wohnheimbunkern verschanzt.

Berlin oder Helsinki? Der students.ch Austausch-Battle.

Helsinkipop gibts bei Rohrer.

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Lidl by Lidl

Lidl by Lidl

moins de 1 ansColonnes

Danke Andi für deine präzisen Milieustudien aus den Untiefen der Finnischen Feierkultur. Tönt nach ziemlichem Helsinki-Harakiri, eure Feten. Aber was will man sonst tun, wenn die Sonne nie zu scheinen scheint... Um mich wieder einmal dem längst abgewetzten Finnen-Klischee zu bedienen. Obwohl, auch hier in Berlin ist‘s momentan düster, allerdings nur was die meteorologischen Rahmenbedingungen betrifft.

Ich kann dir noch nicht von Berliner Parties berichten. Da ist noch gar nichts gegangen, in dieser Hinsicht. Bezeichnend für diese Flaute ist meine allererste Begegnung mit einem originären Berliner: Er, geschätzte 50, hinter mir an der Lidl-Kasse. Erzählt mir und jedem, der es hören will, dass er seit mittlerweile einem Jahr trocken sei. Genauer gesagt seit dem 10. Mai 2008. Keinen Tropfen Alkohol habe er seit dem Tag mehr angerührt, was auch besser so ist. Die fehlende obere Zahnreihe, das verbleichte, wohl selbstgestochene Ankertattoo am Unterarm und seine üppig quellende Figur zeugen von der Sehnsucht nach Abkehr. Hiermit zolle ich dem trockengelegten Seemann meinen Respekt. Möge der Südwind seine Segel füllen.

Des Weiteren gedenke ich unseren Battle mit einem Nestvergleich zu lancieren. Schlägt dein Iglu meine Ostburg? Mein Domizil für das nächste halbe Jahr ist eine Ostberliner-Perle, die von aussen mit dem sirenenhaft lockenden Charme einer alten NVA-Kaserne besticht und innen mit knapp bemessenen Kammern und papierdünnen Wänden. Ringhöriger geht‘s nimmer. Der Mexikanische Nachbar links von mir übt auf seiner Gitarre sozialistische Volkslieder, von rechts oben dröhnt Led Zeppelin. Clash of Cultures. Mittendrin ich und Heidi Happy. Und ich bin glücklich, mit meiner Zelle habe ich mich bereits angefreundet. Klein und fein, ein schmuckes Stück Heimat in der Fremde. Die spartanische Einrichtung lässt meine Studienbücher zu wertvollen Dekorationselementen werden, die Duschzelle wird dank fehlendem Vorhang zum ultimativen Raumbefeuchter. Trautes Glück auf 18 grosszügig bemessenen Quadratmetern. Genau so müssen Studentenwohnheime sein, alles andere gibt's zu Hause zuhauf.

Der students.ch Austausch Battle - die zweite Runde: Berlin oder Helsinki?

Rohrers finnische Milieustudie gibts hier.

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Verabschiedende MASSnahmen

Verabschiedende MASSnahmen

moins de 1 ansColonnes

Torkelnd taste ich mich vorwärts. Der regennasse Schnee tropft unablässig auf meinen Kopf, die Sicht durch die verschmierten Brillengläser ist minimal. Die Lichter der wenigen Autos, die sich um diese unheilige Zeit noch auf den Strassen verirrt haben, verschwimmen vor meinen Augen. Ich rutsche auf dem glitschigen Untergrund aus, schlage mir das Knie blutig. Halb kriechend, halb gehend bewege ich mich in unförmigen Schlangenlinien vorwärts, heimwärts. Ein Auto hupt, ich schwanke bedrohlich nahe der Fahrbahn. Noch wenige Meter bis zum Eingang im Hinterhof, bald werde ich es geschafft haben. Ein letztes Mal gleite ich auf der massiven Eisplatte vor der Tür aus, verfluche laut lallend den Hauswart, den Winter und überhaupt alles und knalle die Tür hinter mir ins Schloss. Im benachbarten Haus gehen die ersten Lichter an, schwarze, verschlafene Köpfe an den Fenstern. Davon merke ich nichts mehr, schleppe mich die Treppe zur Wohnung hoch und schliesse die Wohnungstür rekordverdächtig nach nur fünf Fehlversuchen auf. Kurz darauf liegen meine Kleider verteilt zwischen Flur, Küche und Bad und ich im Bett. Alles kreist. Allein der Gedanke an die kurze Nacht und das Erwachen am nächsten Morgen verursacht mir elende Kopfschmerzen.

„Trink nicht so viel in Berlin“, hatte mir mein Vater noch mahnend geraten. Werde ich bestimmt nicht tun, hab‘ ich gar nicht vor. Denn im Moment steht mir der Kopf überhaupt nicht nach Saufen, ganz und gar nicht. Und überhaupt, ich bin ja noch nicht einmal in Berlin. Noch torkle ich nächtens durch die Strassen Zürichs, kämpfe verzweifelt gegen die feindlichen Mächte in Form unzähliger Verabschiedungsfeten. Hier ein Freund, da eine Bekannte. Sie alle wollen ein letztes Mal anstossen, locken mit nur noch einem Bier, ein letztes geht noch... Wenn das so weitergeht, dann seh‘ ich schwarz.

„Liebes Internationales-Sekretariat der Soundso-Hochschule, Leider kann ich nun doch nicht als Austauschstudent nach Berlin kommen. Meine Leber hat die Verabschiedungszeremonien nicht überlebt und liegt nun zwecks Generalüberholung im Unispital zu Zürich; ich mit ihr.“

Ich weiss nicht, wie du das überlebt hast, Andi, bevor du nach Helsinki gegangen bist. Das Fortgehen ist ja eine Sache, das unbeschädigte Überleben des Verabschiedungsmarathons eine ganz andere. Bevor ich mir das nahende Auslandsemester lebertechnisch ans Bein streiche, sollte ich vielleicht etwas kürzer treten und priorisieren: Für gute Freunde gibts ein Mass, Kollegen haben Anspruch auf eine gemeinsame Stange. Von flüchtigen Bekannten lass ich mich gerne auf ein Hergöttli einladen und wenn du meinen Namen nicht kennst, dann führe mich nicht in Versuchung. Denn das Fleisch ist schwach, meine Leber aber wird’s dir danken.

Mein alter Herr soll sich mal keine Sorgen machen. Schlimmer geht’s nimmer.

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