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17. Februar 2016, 15:14 Music Interview

Von ABBA bis Zappa mit Knackeboul

Patrick Holenstein - Kurz vor dem Release des neuen Albums «Knacktracks» konnten wir Knackeboul im Millers Studio in Zürich zum Musikhören treffen.

Von ABBA bis Zappa mit Knackeboul
In Zusammenarbeit mit Bäckstage.ch.

Der Schweizer Rapper und Moderator Knackeboul ist als charmanter und eloquenter Künstler bekannt, der auch politisch so gar kein Blatt vor den Mund nimmt. Aber im Moment dreht sich erst mal viel um neue Musik. Kurz vor dem Release des neuen Albums «Knacktracks» konnten wir den gebürtigen Langenthaler im Millers Studio in Zürich zum Musikhören treffen.

  • Künstler: Jamiroquai
  • Song: «Cosmic Girl»
  • Album: «Travelling Without Moving» (1996)

Eher am Anfang deiner Karriere bist du im Vorprogramm von Jamiroquai aufgetreten.

Genau. Wobei, so sehr am Anfang war es nicht. Das ist noch gar nicht so lange her, vielleicht vier, fünf Jahre und war in der König Pilsener Arena in Oberhausen. Wobei ich auch damals schon sehr lange Musik gemacht habe, aber nicht mit dem Bekanntheitsgrad. Trotzdem, es war der Horror.

Wieso?

Es war so, dass Jamiroquai eine Band hat, die nur für den Soundcheck kommt. Also waren die Musiker dort und ich konnte deshalb keinen Soundcheck machen. Logischerweise behandelt man die Vorbands nie so gut wie den Hauptact. Dazu war das Konzert eine Nachholshow, weil Jamiroquai zuvor eine Show absagen musste. Es waren 8‘000 Deutsche, so zwischen 25 und 50 Jahren im Saal und ich war sehr aufgeregt, weil eine echt komische Stille herrschte. Das Publikum war besonders still. Also bin ich auf die Bühne, ohne Soundcheck, und während ich eh schon völlig aufgelöst in Richtung Bühne eile, sagt der Veranstalter: «Jamiroquai ist eben gerade gelandet. Sag den Leuten doch, dass es noch eine Stunde dauert.» Ich hatte eine halbstündige Impro-Show vorbereitet und, um es etwas abzukürzen, es war «huereguet». Die Leute hatten sehr viel Spass und natürlich habe ich ihnen erst nach ungefähr zwanzig Minuten gesagt, dass sie noch eine Stunde warten müssen. Mein grosser Vorteil war, dass Jamiroquai trotz des Soundchecks so eine miserable Akustik in der Halle hatte, dass die Leute in Strömen rausgelaufen sind. Da war irgendetwas in der Technik kaputt. Bei mir hat alles gepasst und dadurch hatte ich wiederum danach bei Facebook ein paar hundert neue Fans aus Deutschland, die geschrieben haben, dass mein Auftritt super gewesen sei. So war sein schlechter Sound mein Glück, aber er und die Band waren trotzdem abartig krass.

Wie bestimmst du die Supports, wenn du auf Tour gehst? Bestimmst du das selbst?

Bei mir ist es manchmal schwierig die Clubs zu füllen, weil ich nicht einen Hit im Radio habe. Darum versuchen wir mit den Veranstaltern schon zu schauen, ob sie vielleicht einen regionalen Act kennen, der auch noch Leute anzieht. Aber oft kenne ich die Acts bereits und frage direkt, ob sie nicht das Vorprogramm machen möchten. Für das Konzert am 5. Februar im Moods hier in Zürich habe ich bewusst geschaut, dass es kein Hip Hop ist. Beide Bands sind Schweizer Elektrokünstler, die mehr experimentell unterwegs sind.

  • Band: Brandhärd
  • Titel: «Umarm sie»
  • Album: «Zuckerbrot & Peitsche» (2015)

Die sind dir ein Begriff?

Natürlich, das sind Brandhärd.

Mit ihnen warst du mal unterwegs.

Genau und das Witzige ist: Als sie früher in der Region Langenthal, wo ich aufgewachsen bin, unterwegs waren, war ich die Vorgruppe. Aber das ist auch schon sicher zehn, wenn nicht sogar fünfzehn Jahre her. Sie hatten damals richtige Hip-Hop-Hits. Jetzt, so viele Jahre später, habe ich sogar ihr Album herausgebracht. Ich habe ein eigenes Label und wir konnten sogar mit ihnen zusammen nicht nur das Album veröffentlichen, sondern auch die gesamte Tour dazu organisieren. Inzwischen sind sie gute Kollegen geworden und auch seit über zehn Jahren eine Art Schnittfläche.

Du hast auch dein eigenes Album komplett selbst produziert und aufgenommen. Hast du gerne die Kontrolle?

(lacht) Lustig, dass du das fragst, denn ich bin ja eher ein Chaot und einem Chaot würde man die Eigenschaft, dass er gerne kontrolliert, nicht unbedingt zusprechen.

Ein Chaot kann aber schon Ordnung in seinem «kreativen Chaos» haben.

Stimmt. Lustig ist ja, dass ich wachsende Flugangst habe, obwohl ich schändlich viel fliege. Wenn ich es aber runterbrechen müsste, spielt das Gefühl mit, dass man sich im Flugzeug völlig ausliefern muss. Ich war einmal mit einem Wasserflugzeug unterwegs und dort hatte ich überhaupt keine Angst, weil ich wahrscheinlich das Gefühl hatte «der Pilot sitzt dort vorne, ich sehe ihn und könnte in einem Notfall vielleicht sogar helfen». Das bestätigt für mich schon ein bisschen, dass ich, zwar gar nicht auf eine dominante Art, aber schon ein bisschen ein Kontrollfreak bin.

Du hast das Album in verschiedenen Studios auf der Welt verteilt aufgenommen. Wie kam das?

Das muss man die Red Bull Music Academy erwähnen. Aber eigentlich ist es so, dass ich inzwischen ein Studio bei mir zuhause habe und das Album in den Grundzügen bereits fast fertig war. In der Schweiz gibt es aber kein Red Bull Studio. Red Bull Schweiz hat mich also für eine Zusammenarbeit angefragt und ich habe mir gedacht: «Da könnte man doch eine Win-Win-Situation daraus machen», also sie finanzieren den Trip und dafür wissen die Leute danach, dass es die Studios gibt. Das war der Grund, weshalb wir in sieben Länder gereist sind und in den verschiedenen Studios aufgenommen haben, in denen sonst meine Vorbilder aufnehmen. Das war schon ziemlich crazy.

Sind das dann bekannte Studios, also richtig grosse Namen?

Es sind ja eigentlich zwei Sachen. Zum einen sind das die Studios und zum anderen ist es die Red Bull Music Academy, also ein Event, der um die Welt reist und jenste Künstler haben Lectures, ich glaube sogar Lady Gaga war einmal dabei. Als ich in New York angekommen bin, waren gerade diverse krasse, aktuelle Jazzmusiker an der Arbeit. Auf einem Fade des Mischpults stand Nina Simone. Sie haben eine Art Tribute aufgenommen. Es sind auf alle Fälle krasse Studios.

  • Band: Wolfman
  • Titel: «Overboard»
  • Album: vom kommenden Album «SUAVE STIL»

Jetzt habe ich gerade ein Gestürm zwischen Lapcat und Wolfman.

Es sind Wolfman.

Es ist eben so, dass mein Reisepartner Chocolococolo bei beiden Bands ein wenig dabei ist. Er ist der Freund der Sängerin von Wolfman und gleichzeitig in der Band Lapcat. Aber ja, natürlich ist es Kate von Wolfman.

Mit ihr hast du auf deinem neuen Album einen Song aufgenommen.

Genau. Kate ist inzwischen eine meiner besten Freundinnen und das Witzige ist, dass sie eine zierliche, schöne Frau ist, aber den derbsten Humor der Welt hat. Wir sind wie Kumpels und können zusammen richtig «dumm tue». Wir machen schon länger immer wieder gemeinsam Musik und so lag ein gemeinsamer Song für das Album auf der Hand.

Das war sicher eine lustige Aufnahme, so wie du erzählst.

Ja, und es hat auch stilistisch Sinn gemacht. Das Album ist kein prolliges Hip-Hop-Album, sondern eher experimentell. Darum hat das gepasst.

  • Künstler: Peter Reber
  • Song: «D Chinder vom Kolumbus»
  • Album: «Grüeni Banane» (1985)
  • (Leider ist kein offizielles Video verfügbar.)

Du hast die Melodie bei «Kinder des Kapitalismus Part 2» verwendet.

Es ist sehr cool, dass du das gehört hast, weil es viele Leute nicht kapieren.

Ich habe mich dann gefragt, ob du die Melodie gewählt hast, weil es zusammengepasst hat oder weil du mit Peter Reber etwas verbindest?

Es gibt ja zu diesem Song einen ersten Teil und das ist sicher fünfzehn Jahre her. Damals war ich vielleicht siebzehn Jahre alt und mit den Mundartisten sehr aktiv. In der Zeit hat meine Mutter viel Peter Reber gehört und natürlich auch «D Chinder vom Kolumbus». Also habe ich ein Lied gemacht, das «Kinder des Kapitalismus» hiess. Das war Teil 1. Aber das ist rein aus dem Wortspiel heraus entstanden. Ich bin kein grosser Fan von Peter Reber. Aber wenn man sein Werk, auch mit Peter, Sue und Marc, anschaut, ist das absolut nichts Schlechtes. Ich kenne seine Musik schlicht zu wenig. Hier war das Wortspiel zentral. Aber geil, dass es Leute gibt, die das raushören.

  • Künstler: Greis
  • Titel: «Santa Maria»
  • Album: «Hünd i parkierte Outos» (2015)

(singt sofort mit) Der kommt heute Abend. (Knackboul hatte am Tag des Gesprächs eine Ausgabe von Hotel Hektik im Millers Studio in Zürich. Die nächste Show ist am 18. März, Anm. der Red.)

Darum habe ich ihn gewählt. Stichwort: Hotel Hektik. Wie kam es dazu?

Hotel Hektik ist durch Barbara Ellenberger, die Intendantin vom Millers Studio, entstanden. Sie hat meine Sachen gekannt, vor allem auch meine politischen Äusserungen. Zuvor war sie beim Theater Lichtenstein und sie hatte die Vision im Millers Studio mehr etwas Begegnungsmässiges zu erschaffen. Junge Leute sollten sich austauschen und gemeinsam etwas machen. Also haben wir das Experiment gestartet, eine Mischung aus Late-Night-Show, Theater, Konzert und Chaos zu machen. Heute ist es das dritte Mal und steht im Zeichen der gesamten Schweizer Rap-Geschichte – und darum ist Greis hier.

Greis stammt wie du aus dem Grossraum Bern. Wie ist denn der Zusammenhalt unter den Rappern in Bern?

Für mich war es gar nicht so einfach. Jetzt bin ich ja Zürcher und zuvor war ich Langenthaler und es war irgendwie schwierig, denn Bern war ein geschlossener Kuchen. Als Langenthaler warst du da ein wenig im Niemandsland. Aber den Greis kenne ich seit über zehn Jahren. Damals waren wir in Sarajevo und hatten da ein Projekt. Wir hatten immer wieder solche «Gutmenschen-Nachhaltigkeits-Projekte». Er war auch auf meinem vorletzten Album und ähnlich wie es auch mit Steff La Cheffe ist, treffen wir uns immer wieder und sind regelmässig in gemeinsame Projekte involviert.

  • Künstler: Billy Joel
  • Song: «We Didn’t Start The Fire»
  • Album: «Storm Front» (1989)

Dieser Song hat nicht direkt mit dir zu tun. Aber Billy Joel nutzt einen Stil, den du in zwei Songs auch auf dem neuen Album hast. Das Erzählen in Stichworten nutzt du bei «Image» und «Manitou».

Das ist natürlich ein witziger Zusammenhang, aber es ist so, dass ich das selbst extrem mag, wenn man nicht alles sofort weiss. Ich mag zum Beispiel auch nicht gerne Horrorfilme, bei denen man den Horror sofort sieht. Wenn Sachen nur angedeutet werden, finde ich das viel spannender, weil man im Kopfkino selbst noch Sachen ausmalen kann. Ich habe mir das aber gar nie so direkt überlegt, aber es stimmt natürlich.

Und wenn wir schon bei deinen Songs sind, mir ist «Birdman» besonders aufgefallen, weil er sozialkritisch ist.

Der Titel hängt damit zusammen, dass ich die Filme von Alejandro Gonzáles Iñnaritu (Regisseur des Oscar-prämierten «Birdman», Anm. der Red.) sehr mag und das Thema ist natürlich geil. Dummerweise habe ich mich in diesem tragischen Charakter ein bisschen wiedererkannt. Der Typ ist ja eigentlich ein erfolgreicher Schauspieler. Allerdings mit etwas, was er nicht mehr tun will, also dieser Superheld. Er würde viel lieber im Theater dieses «Kunst-Ding» zelebrieren. Ich bin auch Knackeboul, die Fernsehfigur, aber eigentlich will ich tiefgründige Kunst machen. Das ist ein Aspekt. Dann spielt das Überspitzen dieses Narzissmus, den heute ja jeder, mich eingeschlossen, etwas zelebriert, natürlich auch mit.

  • Künstler: Polo Hofer
  • Titel: «s Letschte Tram»
  • Album: «Im wilde Weste» (1986)
  • (Leider ist kein offizielles Video verfügbar. Hier gibt es einen Fan-Clip)

Polo ist ja ein wenig eine Legende und du kennst ihn auch näher. Ihr habt auch mehrfach zusammengearbeitet.

Genau. Inzwischen sehr oft. Es ist halt schon krass: Ich habe in der Schule schon seine Lieder gesungen. Kürzlich habe ich bei einer TV-Sendung für Polo, in der verschiedene Künstler seine Songs interpretiert haben, mitgemacht und habe «Liebe Siech» bekommen, hätte aber lieber «D'Rosemarie und I» gecovert.

Das ist aber streng genommen von Rumpelstilz und nicht Polo Hofer solo, wenn ich mich nicht irre.

Es kann gut sein, dass dort auch Hanery Amman beteiligt war. Polo ist halt eine Figur, welche die guten Leute um sich scharrt.

Es wird bei allem Lob aber auch einiges Polo zugeschrieben, was er nicht alleine gemacht hat.

Absolut. Lustigerweise ist das aber so, um wieder bei «Birdman» zu landen, dass sich Medien oder auch die Menschen allgemein gerne ein Bild von etwas machen. Und Polo ist halt die Legende, dabei wären in der Schweiz auch viele andere Leute, die es genauso verdient hätten, eine Legende zu sein. Aber ich habe immer eine coole Zusammenarbeit mit Polo gehabt und wahrscheinlich werden wir noch mehr gemeinsam machen.

Vielen Dank, dass du dir Zeit genommen und den Spass mitgemacht hast.

Die aktuelle Single von Knackboul:

Wieder zrügg

  • Das Album «Knacktracks» ist im Handel oder bei iTunes erhältlich.
  • Mehr Informationen zu Knackeboul gibt es auf seiner Website.

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