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10. Dezember 2006, 00:00 Interview

Nouvelle Vague

Michelle Ziegler - Alte Hits aufleben lassen, ihre Punk- und New Weave-Attitüde versüssen, sich auf der Bühne amüsieren, das Konzept der französischen Gruppe funktioniert.Vor drei Jahren kontaktierte der französische Produzent Marc Collin seinen Musikerkollegen Olivier Libaux und erläutert...

Nouvelle Vague
Alte Hits aufleben lassen, ihre Punk- und New Weave-Attitüde versüssen, sich auf der Bühne amüsieren, das Konzept der französischen Gruppe funktioniert.

Vor drei Jahren kontaktierte der französische Produzent Marc Collin seinen Musikerkollegen Olivier Libaux und erläuterte ihm seine Idee: Punk- und New Weave-Hits der Jugendzeit covern und ihnen einen neuen Touch geben, indem sie in ein Bossa-Nova-Kleid gesteckt werden. Das Produzententeam lancierte das Projekt, das sie Nouvelle Vague tauften. Für den Gesang wählten sie junge Sängerinnen, die mit viel Charme und jener typisch französischen Nonchalance das Publikum betörten.

Das Konzept funktionierte, die neue französische Welle spülte sich einmal um den Globus herum, die Platten verkauften sich wie frische Croissants. Diesen Sommer legten die raffinierten Franzosen nach. Bande A Part verführte die Musikwelt ein zweites Mal.

Am 8.12. gastierte die Musikertruppe im ausverkauften Mascotte in Zürich. Schon nach dem ersten Wimpernklimpern waren sich die Sängerinnen der Hörerherzen sicher, charmierten dennoch weiter um die Wette. Vor dem Konzert trafen sich Melanie, Phoebe und Marina mit students.ch zu einem Gespräch über die Erfolgsgeschichte einer Idee, über das neue Leben alter Hits und Starwars als Vorbild für das taktische Vorgehen.

Die Sängerinnen: Phoebe, Melanie und Marina

Students.ch: Wenn man die Biographie der Band liest, tönt der Anfang der Geschichte immer etwas nach einem Streich unter Freunden. Zwei Musiker kam beim gemütlichen Zusammensitzen ein lustiger Einfall, den sie spontan umsetzten. Hattet ihr damals eine Idee davon, wie erfolgsträchtig diese Idee sein könnte?

Melanie: Nein. Wir sind heute noch erstaunt, wie sich die Dinge entwickelt haben. Eins ist aufs anderes gefolgt. Am Anfang hatten wir nicht einmal einen Plattenvertrag. Zuerst amüsierten wir uns ohne Publikum, dann kam das erste Konzert, das erste Festival, die Platte verkaufte sich gut, die Presse schaltete sich ein. Wir waren bisher schon zweimal in den Vereinigten Staaten auf Tournee. Das ist enorm für eine französische Band!

Students.ch: Die Identität einer Gruppe kann nicht alleine aus dem Covern von alten Hits bestehen. Was ist es, was jene typische Nouvelle-Vague-Note ausmacht?

Melanie: Es ist vielleicht der Umgang mit den Originalen. Die Leute sind erstaunt, was daraus entstehen kann. Zum Beispiel verwandelten wir den Rock’n’Roll-Knaller Too Drunk To Fuck (Dead Kennedys) in Lounge/Easy-Listening-Musik. Im Repertoire befinden sich viele Stücke, die nicht oft gecovert wurden. Zum Beispiel bei Bella Lugosi’s Dead (ursprünglich ein Stück der britischen Rockband Bauhaus) waren wir die ersten.

Phoebe: Unsere Version der Stücke ist meist grundsätzlich anders als die Originale. Das ist das, was Spass macht. Es wäre zum Beispiel öde, Too Drunk To Fuck nochmals in einer Rock’n’Roll-Version aufzunehmen. Unsere Stücke werden generell vom anderen Geschlecht gesungen als das Original. Heart Of Glass, ursprünglich von Blondie, singt bei uns Gerald Toto.

Melanie: Ich glaube, es gibt auch diesen eigenen Nouvelle Vague-Klang und eine typische musikalische Stimmung der Stücke, verträumt und etwas verklärt.

Die Punk- oder New-Wave-Hits werden aus ihrem harten Umfeld gerissen und mit verführerischen Frauenstimmen versüsst. Das hat eine entfremdende Wirkung. Oft nehmen die Leute eure Musik nicht ernst und lächeln. Stört euch das?

Phoebe: Nein, wir nehmen sie ja auch nicht ernst (entwaffnendes Lachen)! Wir nehmen unsere Show nicht ernst, amüsieren uns auf der Bühne, lachen über uns selber. Und wir mögen die Originale. Wir tun ihnen nichts Schlechtes! Wir geben ja nicht vor, es wären unsere eigenen Lieder.

Aber die Leute können trotzdem enttäuscht sein, wenn sie ihre einstigen Lieblinge kaum mehr wieder erkennen. Musstet ihr auch schon entnervte Fans beruhigen?

Phoebe: Nein, nein. Sogar die Bands, die wir covern, sind meist zufrieden. Denn wir halten ihre Musik lebendig.

Melanie: Gewisse Stücke würde man heute in ihrer ursprünglichen Version nicht mehr hören. Hast du Marian in der Originalfassung von Sisters Of Mercy einmal gehört? Das wirkt für uns nostalgisch. Wenn du heute Lust hast, es wieder zu hören, tust du gut daran, die Version von Nouvelle Vague zu hören, denn darin ist das gleiche Stück erneuert, für unsere heutigen Ohren hörbar gemacht.

Melanie live

Students.ch: Wer befindet sich in eurem Publikum?

Phoebe: Es besteht aus einer Mischung von 36-Jährigen, die die Originale kennen, dastehen und vor sich hin grinsen (ihre Mimik zeigt, wie das aussieht), und von jungen Leuten, die die Cover als aktuelle Musik anhören. Es kommt vor, dass Junge zu uns kommen und fragen, wie wir das machen, all die Stücke zu schreiben, nur Hits zu landen. (grinst)

Students.ch: Aber reizt es euch nicht, eigene Melodien und Texte zu schreiben?

Phoebe: Oh, das tun wir schon, aber nicht im Rahmen von Nouvelle Vague. Alle unsere Leute haben ihre eigenen Soloprojekte nebenbei, wo sie ihre eigene Musik, ihre eigenen Texte schreiben können. Nouvelle Vague ist ein Projekt, für das sich Musiker mit eigenen Karrieren nebenher versammeln, um ein Hommage an die 70er und 80er zu machen. Das ist Spass. Wir sind auch wirkliche Musikgruppe in dem Sinn, dass wir uns jede Woche treffen würden, um zu üben. Wir sehen uns nie. Wir hassen uns. (lacht)

Melanie: Ja, es ist wie eine Art Künstlerkollektiv, mehr oder weniger Leute in unterschiedlichen Konstellationen. Das totale Chaos, von Anfang weg (abwinkende Handbewegung).

Students.ch: Und wie ist die Aufgabenverteilung innerhalb des Kollektivs?

Melanie: Ich bin für das Kochen zuständig, Phoebe putzt das Studio... Nein. Für das zweite Album war Marc verantwortlich für die Ideen und holte sich die Leute, die er zur Umsetzung brauchte ins Studio. Er ist wie ein Orchesterdirigent, der die Musiker so zusammenstellt, wie er sie haben möchte. Dann lässt er aber jedem seine Kreativität und eigene Persönlichkeit. Marc hatte auch die Ideen, wie er die Stücke transformieren wollte. Er arbeitet viel mit Stimmungen, manchmal fast cinematographisch. So projiziert er Bilder auf die Musikstücke.

Phoebe: Zum Beispiel jemand, der am Strand entlang geht. Dazu gibt es das Geräusch von Wellen. Das passt auch gut zu Nouvelle Vague. Und man erkennt Nouvelle Vague auch am Vogelgezwitscher. Das hat es überall auf der neuen Platte (lacht).

Melanie: Es gibt aber auch Stücke, die live auf der Bühne entstehen. Fade To Grey zum Beispiel war eines jener Stücke, mit denen wir die Show auf der ersten Tournee ergänzten. Die Publikumsreaktionen waren gut, deshalb kam es auf die neue Platte.

Students.ch: Bei Fade To Grey sind auf der Platte zusätzlich Geräusche von vorbeigehenden Leuten zu hören, dann plötzlich gibt es einen Wechsel, Wellen und Naturgeräusche. Kann und soll man das interpretieren?

Melanie: (Marina kommt herein) Oh, das ist gerade Marina, sie singt in Fade To Grey. Sie kann dir das selber erklären.

Marina: Marc hatte die Idee von einem Mädchen, das das Stück alleine in der Metro spielt und sich selber auf dem Akkordeon begleitet. Das Stück entwickelte sich nach diesem Bild. Deshalb gibt es viele Umweltgeräusche und Toneffekte, das baut die jeweils eigene Stimmung auf.

Students.ch: Das zweite Album hat sich schon leicht vom anfangs eingeschlagenen Bossa-Nova-Weg entfernt. Wie wird es weitergehen?

Melanie: Vermutlich wird es noch zu einem dritten Album kommen, das sich noch weiter entwickelt, noch mehr verschiedene Stimmungen und mehr Extreme bringt, die grosse Exaltation, dann der Stopp. Das würde passen, die Trilogie Nouvelle Vague. Dann einige Jahrzehnte Pause, dann die zweite Staffel, so wie bei Starwars (lacht). Nein, aber nach der dritten Platte werden wir einmal gesagt haben, was wir zu sagen haben. Nämlich, dass es in der Punk- und New Weave-Musik Stücke gab mit wunderschönen Melodien und Texten, und dass die nicht nur für damals gültig sind, als man sich noch mit Drogen zudröhnte und so, dass man sie heute neu entdecken kann.

Students.ch: Ein schönes Schlusswort, vielen Dank.

Links

Quelle: Bilder: Band-Homepage (Link)
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