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23. September 2012, 23:33 Kultur Movie Zurich Film Festival

Maniac @ Zurich Film Festival

Gregor Schenker - Wenn Frodo Frauen killt: Elijah Wood spielt die Hauptrolle im Horrorfilm-Remake „Maniac“. Das Resultat ist eine grandiose Schlachtplatte, die dem Original nicht nur die Referenz erweist, sondern ihm auch zur Ehre gereicht.

Maniac @ Zurich Film Festival
Der damalige Pornofilmer William Lustig und der etablierte Schauspieler Joe Spinell (Rocky I & II) präsentierten 1980 gemeinsam Maniac – das Porträt eines (fiktiven) Serienkillers. Das Werk wurde zum Skandal (in Deutschland und der Schweiz war er lange Zeit verboten), entwickelte sich über die Jahre jedoch zum Kultfilm. Er handelt von Frank Zito, der junge Frauen tötet und skalpiert. Mit ihrem Haarschopf schmückt er Schaufensterpuppen. Seine Gewalttaten werden in aller Deutlichkeit gezeigt.

Dreissig Jahre später nahm sich Alexandre Aja des Klassikers an, auf seine Weise ein Serientäter wie Frank: Nach seinem internationalen Durchbruch mit Haute tension (die inoffizielle Verfilmung eines Dean-Koontz-Romans) hatte er bereits Remakes von The Hills Have Eyes und Piranha gedreht. Immerhin, bei Maniac überliess er den Regiestuhl Franck Khalfoun (ebenfalls Franzose), während er selbst bei Drehbuch und Produktion mitmischte.

Die Hauptrolle spielte dieses Mal Elijah Wood. Ausgerechnet Frodo! Er ist ein ganz anderer Frank, als Spinell es war. Der alte Frank war nicht gerade eine Schönheit, aber ein souveräner Redner. Den neuen finden die Frauen süss, aber er ist schüchtern. Er hat viel von Norman Bates, dem Killer aus Psycho.

Apropos Psycho: Schon Hitchcocks Vorgriff auf das Slasher-Genre (auf Filme wie Halloween oder Friday the 13th) machte den Killer zum Voyeur. Und den Zuschauer zum Mittäter. Bates schaut durch das Loch in der Wand, der Zuschauer schaut mit ihm zusammen. Der heimliche Blick wird zum wiederkehrenden Merkmal der Filmkiller, auch im originalen Maniac. Das Remake treibt diesen Voyeurismus auf die Spitze: Der Film ist vollständig aus der Perspektive des Protagonisten gedreht. Ein Experiment, das nur selten unternommen wurde (der Film Noir Lady in the Lake von 1947 ist das einzige bekanntere Beispiel).

Die Kamera übernimmt nicht einfach Franks Blick: Schnitt und Bildverfremdung machen nachfühlbar, was in seinem Kopf vorgeht. Ist er nervös, werden Schnitt und Kameraführung fahrig. Geht es ihm gut, ist alles bunt und freundlich. Mordet er, so ist sie voll greller Lichter und dunkler Schatten. Realität, Wahnvorstellungen und Erinnerungen gehen immer wieder ineinander über. Maniac zeigt dem Publikum die Sicht des Killers auf die Welt, der Film macht das Publikum zum Killer.

Fast zeitgleich mit Psycho erschien 1960 Peeping Tom, ein Werk, das den Zusammenhang von Film, Voyeurismus und der Freude an Gewaltdarstellungen behandelte: Dort tötet ein Kameramann seine Opfer mit einer Kamera, an der ein Messer befestigt ist. Es kann kein Zufall sein, dass der Beginn von Maniac stark an jenen Film erinnert.

Es bleibt nicht die einzige Anspielung. Maniac ist eine Hommage an das Horrorgenre, aber auch eine Verbeugung vor der Ästhetik der 80er-Jahre (ganz ähnlich wie Nicolas Winding Refns Drive): Grelle Neonlichter. Dunkle Gassen mit Schächten, aus denen Dampf aufsteigt. Und ein treibender elektronischer Soundtrack, der einem Schauer über den Rücken jagt. Maniac ist ein Erlebnis, so schön wie verstörend.



Maniac lief als Special Screening (Midnight Special). Zudem wurde die Cannes-Version gezeigt, die sich von der demnächst erscheinenden regulären Kinofassung unterscheiden soll.

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