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26. September 2012, 12:39 Kultur Movie Zurich Film Festival

Leuchtturm, Leichen & Pasteten @ ZFF

Gregor Schenker - Der Tiefpunkt des diesjährigen Zurich Film Festival: „Leuchtturm, Leichen & Pasteten“ ist eine quälend unlustige schwarze Komödie, die sich ewig hinzieht und wieder einmal zeigt, wie schlimm es um den Schweizer Spielfilm steht.

Leuchtturm, Leichen & Pasteten @ ZFF
Kritiker beklagen seit Jahr und Tag die mangelhafte Qualität des schweizerischen Filmschaffens. Einzelne Ausreisser wie Sennentuntschi wecken Hoffnungsschimmer, aber dann kommt wieder so etwas wie Leuchtturm, Leichen & Moneten daher und zerstört jeden Glauben an die Menschheit. Was Regisseur, Drehbuchautor und Produzent Matthias J. Michel auf die Leinwand loslässt, spottet jeder Beschreibung. Versuchen wir’s trotzdem.

Vanessa (Maria Boettner) bucht Urlaub in einem teuren Ferienressort. Stattdessen landet sie auf einer abgelegenen Insel, wo der Leuchtturmwärter Stanislav (Manfred Liechti) sein kleines Reich hat. Als wär der Kerl allein nicht unerträglich genug, muss sie sich das Einzelzimmer bald mit dem Aussteiger Sebastian (Daniel Mezger) teilen.

Die Auseinandersetzungen dieser drei Figuren bleiben konsequent frei von Witz: Vanessa hält Sebastian für einen Loser, er schimpft sie eine oberflächliche Tusse und Stanislav ist ein bisschen seltsam und verlangt viel zu hohe Preise. Kein einziger überraschender Gedanke, kein einziger gelungener Gag. Die Wortgefechte sind ohne Charme oder Geist. Alle Witze, die lustig sein könnten, werden von der Regie massakriert (dazu später mehr).

Um das Nichtvorhandensein jeglichen Humors zu kompensieren, chargieren die Schauspieler, dass sich die Balken biegen – insbesondere Maria Boettner, die öfters zum Kleinkind degeneriert, ist kaum zu ertragen. Die Figuren sind durch die Bank unsympathische Vollidioten, agieren selten nachvollziehbar, gehen einem am Arsch vorbei.

Um das Publikum trotzdem davon zu überzeugen, dass das, was es gerade sieht, zum Lachen ist, wird Szene um Szene mit „lustiger“ Musik zugeschüttet. Als Zuschauer fühlt man sich beleidigt und verarscht. Einige verlassen den Kinosaal vorzeitig. Ich sollte es ihnen gleichtun.

Ein weiteres Ärgernis: Michel, der hier seinen ersten Spielfilm abliefert, ist ursprünglich Werbe- und Musicvideo-Filmer. Dementsprechend ist Leuchtturm, Leichen & Pasteten ein inszenatorisches Desaster voller überflüssiger Nahaufnahmen, Bildsprünge und Wackelbilder. Besonders nervtötend sind die in Form von Filmrissen inszenierten Rückblenden.
Vor lauter Regie-Sperenzchen vergisst er dafür glatt, seine Story halbwegs verständlich zu erzählen. Der Schnitt ist öfters wirr und unzusammenhängend, Szenen stehen herum wie bestellt und nicht abgeholt. Schlimmer noch: Der Regisseur hat keinerlei Gefühl für Timing, er zieht alles unnötig in die Länge. So wird daraus keine Komödie.

Über die grottenschlechten Computeranimationen, die von Zeit zu Zeit dazwischenfunken, rege ich mich schon gar nicht mehr auf.

Nach einer halben Ewigkeit kommt so etwas Ähnliches wie eine Geschichte in Fahrt: Es stellt sich heraus, dass die Softdrink-Flasche, die Sebastian auf der Anfahrt gekauft hat, eine Gewinnnummer enthält, die eine Million Euro verspricht. Ausserdem stösst Vanessa in Stanislavs Schuppen auf eine Leiche. Klingt nach einer interessanten Wendung? Von wegen: Es heisst bloss, dass der Film noch ein wenig länger auf der Stelle tritt. Dass das Ende weiter hinausgezögert wird.

Als schliesslich mit Felix (Daniel Frei) noch ein Feriengast auftaucht, entwickle ich Selbstmordgedanken. Hört dieser gottverdammte Streifen denn nie auf? Läuft Leuchtturm, Leichen & Pasteten bis in alle Ewigkeit weiter? Kann ich mir die eigenen Pulsadern aufbeissen?

In der kurzen Fragerunde nach dem Film schilderte Michel, wie er sein Werk mit einem kaum vorhandenen Budget und begeisterungsfähigen Freunden auf die Beine gestellt hat. Ohne Förderungsmittel. Das ist bewundernswert. Aber Leuchtturm, Leichen & Pasteten arglosen Kinogängern anzutun, ist menschenverachtend und grausam.


Weitere Vorstellungen:

  • So, 30. Sept, 19:45, Arena 8


Leuchtturm, Leichen & Pasteten läuft im deutschsprachigen Spielfilm-Wettbewerb.

Kommentare
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dollarhyde 16.10.2012 um 16:47
Ich wollte auch bloss die Leute ein bisschen aus der Reserve locken. Das scheint ja geklappt zu haben.
Nein, ernsthaft: Ich gehe davon aus, dass die Leute eine Polemik erkennen, wenn sie eine lesen, und genau das soll die Kritik sein. Ich erhebe meine subjektiven Eindrücke zu allgemeingültigen Kriterien? Ja sicher, Differenzierung wäre hier fehl am Platz. Das ist Boulevardstil? Von mir aus. Die ZHdK ist anderer Meinung? Kratzt mich nicht (und was die an Schnitt und Musik gut finden, müssen die mir erst einmal erklären).

Apropos Musik: Mit "lustiger Musik" meine ich die Art von penetrant heiterer Filmmusik, die eine lustig gemeinte Szene markieren soll (wie es in LL&P halt mehrmals vorkommt). Für mich gilt: Wenn ich Musik brauche, um deutlich zu machen, dass eine Szene lustig sein soll, mache ich etwas falsch. Schlimmer wäre nur eine nachträglich eingefügte Lachspur.
dollarhyde 16.10.2012 um 10:47
Eure Sorge über meine Fähigkeit, mit meiner Schreibe Geld zu verdienen, ist lieb, aber unbegründet. Hab ich bereits maefaro erklärt.
Um Missverständnisse aus der Welt zu räumen: Ich sage nicht, der Film führe zum Untergang des Schweizer Filmschaffens, sondern dass er ein Symptom desselben ist. Und Germanist bin ich tatsächlich nicht, sondern Germanistikstudent.
Dass meine Kritik miserabel ist, muss ich wohl akzeptieren, aber dass "Leuchtturm, Leichen & Pasteten" durchaus gelungene Teile habe ... Also nein, das kann nicht ernst gemeint sein.

Oh, und mit der "Matrix-trieologie" kann ich wenig anfangen. Falls getback diesbezüglich auf etwas Spezielles hinauswollte, geb ich zu, zu blöd zu sein, es zu kapieren.
getback
getback 02.10.2012 um 04:24
Hi dollarhyde - warum liegt dir die Matrix-trieologie so am Herzen ?
dollarhyde 27.09.2012 um 11:58
Ja, die Kritik ist etwas böse, aber ich hab den Film auch wirklich, wirklich nicht gemocht. Man soll seinen Gefühlen Ausdruck verleihen, sagt mein Psychiater immer.
Ich möchte aber festhalten, dass ich zwar mit dem Film hart ins Gericht gehe, aber nichts gegen die Beteiligten habe. Michel (und auch Manfred Liechti) haben einen netten Eindruck gemacht und ich hab auch explizit geschrieben, dass ich die Leute dafür bewundere, den Film ohne Steuergeld auf die Beine gestellt zu haben - eben weil ich weiss, wie schwierig das ist. Nur: Andere Filmemacher haben unter schwierigeren Bedingungen viel Besseres abgeliefert.
Im Übrigen habe ich weder fürs Kiffen noch fürs Gamen etwas übrig und verdiene mein Geld jetzt schon mit Schreiben (also, nicht hier, das ist nur ein Hobby).